Bis vor wenigen Tagen noch war die kubanische Ärztin Yanailys González Rodríguez in der Schweiz. Es gibt eine Kooperation zwischen dem Altersheim in Kubas Hauptstadt Havanna, das sie leitet, und einem Altersheim im Tessin, dem «Centro Sociale Onsernonese».
Die Unterschiede zwischen den beiden Institutionen könnten aktuell grösser nicht sein, erzählt sie am Telefon: «Es fängt schon bei der Ernährung an. Im Schweizer Altersheim sind die Mahlzeiten spektakulär.» Es fehle den älteren Menschen hierzulande an nichts. Weder an der richtigen Ernährung noch an den notwendigen Medikamenten oder an der Möglichkeit, jederzeit ein gut ausgestattetes Spital zu besuchen.
Ganz anders erlebt die Ärztin den Alltag in ihrem Altersheim. Im ehemaligen Kloster «Convento de Belén» beherbergen Yanailys González Rodríguez und ihre Mitarbeitenden 140 Seniorinnen und Senioren. Sie würden gerne viel mehr Kapazitäten schaffen. Denn: «Immer mehr ältere Menschen benötigen Hilfe und sind völlig auf sich allein gestellt.» Nicht nur, weil ihre Kinder ausgewandert seien, sondern auch, weil die Kinder oft im Landesinneren lebten und ihre Eltern nicht besuchen könnten, da es kein Benzin und damit keine Transportmöglichkeiten gebe, so die kubanische Ärztin.
Immer mehr Sanktionen aus den USA
Seit Anfang Jahr blockieren die USA jegliche Treibstoffzufuhr nach Kuba. Seit es kaum mehr Treibstoff gibt in Kuba, steht alles still. Allein in diesem Monat ist das Stromnetz dreimal im gesamten Land zusammengebrochen. Strom wird in Kuba mehrheitlich mit Öl erzeugt. Wegen der Benzinknappheit schwenken viele in Kuba auf Elektrofahrzeuge um, so auch das Altersheim in Havanna.
Die aktuelle Krise in Kuba treffe Seniorinnen und Senioren besonders hart, erklärt die kubanische Ärztin: «Die Bedürfnisse der älteren Menschen abzudecken kostet viel.» Ein Senior benötige in der Regel mehr als ein Medikament – und Medikamente sind in Kuba Mangelware. Die Ernährung spielt im Alter eine wichtige Rolle; ältere Menschen brauchen genug Proteine, Vitamine und Mineralstoffe. Auch das ist teuer.
Zudem müssten Seniorinnen und Senioren oft zwei- bis dreimal im Jahr ins Spital und würden auch häufig Einwegwindeln und andere Hygieneartikel benötigen: «Das alles ist sehr teuer und übersteigt das Budget vieler Familien.»
Keine Rente, keine Touristen
Kommt hinzu, dass die Rente in Kuba aktuell nur für zwei bis drei Tage im Monat reicht. Doch seit Anfang Jahr könne das Altersheim in Havanna immer weniger unterstützen: «Wir hatten stets Besucherinnen und Besucher aus dem Ausland, die uns sogenannte ‹Solidaritätskoffer› brachten». Die Touristen füllten ihr Gepäck nicht mit Kleidern, sondern mit Medikamenten, und überliessen sie dem Altersheim.
Aber die Besuche dieser Freunde nähmen ab. Der Tourismus in Kuba ist massiv eingebrochen. Es kommen keine Touristen mehr, wer immer kann, verlässt das Land. Zurück bleiben die älteren Menschen, deren Gesundheit zu erhalten immer schwieriger wird.