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Russland in der Ölkrise
Aus Echo der Zeit vom 30.04.2020.
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Ölpreis und Pandemie Putin trotzt den Krisen dank der russischen Staatskasse

Russlands Wirtschaft zeigt sich in der Corona- und Ölkrise erstaunlich widerstandsfähig. Ein Experte erklärt dies auch mit dem dominanten Staat.

Russland ist eine Öl-Grossmacht – und ist deshalb auch stark vom Ölpreis abhängig. Der kremlkritische Moskauer Ökonom Andrej Mowtschan rechnet vor, dass jeder Dollar des Ölpreises Russland rund ein Viertel Prozent Wirtschaftsleistung bringt. Wenn der Ölpreis um vier Dollar steigt, steigt das russische Bruttoinlandprodukt BIP um ein Prozent.

Ölpreis und Pandemie stellen Russland vor Probleme

Doch die Rechnung gilt auch, wenn der Ölpreis sinkt: «Das russische Öl ist zurzeit etwa 30 Dollar billiger als vor der Coronakrise. So kommt man auf einen Wirtschaftseinbruch von rund sieben Prozent.»

Der Ökonom Andrej Mowtschan

Andrej Mowtschan
Legende:movchans.com

Andrej Mowtschan ist einer der bekanntesten Ökonomen Russlands. Vor allem in liberalen Moskauer Medien kommentiert er gern und prägnant die wirtschaftliche Lage – zudem besitzt er eine Investmentfirma, die weltweit das Geld reicher Leute anlegt.

Doch das ist nicht Russlands einziges Problem: Mit Pandemie-Massnahmen hat die Regierung grosse Teile des Landes seit Anfang April still gelegt. Doch Mowtschan glaubt, dass die Epidemie in Russland weniger verheerende Auswirkungen hat als in anderen Ländern.

Russlands Wirtschaft wird vom Staat dominiert

In Russland sei der Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen am BIP deutlich kleiner als in Europa: «Diejenigen Bereiche der Wirtschaft, die vom Coronavirus vor allem betroffen sind – die Gastronomie zum Beispiel – spielen in Russland keine so grosse Rolle.»

Diejenigen Bereiche der Wirtschaft, die vom Coronavirus am meisten betroffen sind, spielen in Russland keine so grosse Rolle.
Autor: Andrej MowtschanÖkonom

Dominiert wird die russische Wirtschaft von einem starken staatlichen Sektor. Rund zwei Drittel der Beschäftigten würden entweder für den Staat oder für staatsnahe Grosskonzerne arbeiten. Dazu kommen staatliche Zuwendungen für zum Beispiel Pensionierte: «All diese Leute spüren die Krise bis jetzt nicht besonders – denn der Staat zahlt ja weiterhin.»

Mowtschan bezeichnet die russische Wirtschaft spöttisch als «Lebensmittelmarken-Wirtschaft»: «Wir verkaufen Öl, drucken Rubel als Lebensmittelmarken und verteilen diese ans Volk. Eine solche Wirtschaft ist in Krisen wie jetzt verhältnismässig standfest.»

Russland soll nicht vom Ausland abhängig werden

Für die Massen entstehe so allerdings kaum Wohlstand. Im Gegenteil: Viele Russinnen und Russen leben in Armut. Doch aus Sicht des Staates funktioniert das System – auch weil der Kreml angesichts der Krise von 1998 vorgesorgt hat, als Russland vorübergehend zahlungsunfähig war.

Putin betrachte dies als grosse Gefahr für seine Macht. Der Kreml habe nun umgerechnet über 500 Milliarden Franken auf die hohe Kante gelegt. Russland soll dank der Staatskasse nie von ausländischen Geldgebern abhängig werden.

Bescheidene Unterstützungsmassnahmen

Die Leitidee von Putins Politik ist die totale Souveränität Russlands – auch finanziell. Deswegen wird dieses Geld selbst jetzt in der Coronakrise nur vorsichtig für Unterstützungsmassnahmen ausgegeben.

Putin ist überzeugt davon, dass er bis an sein Lebensende regieren wird.
Autor: Andrej MowtschanÖkonom

Putin müsse denn auch kaum Rücksicht nehmen auf die Stimmung in der Bevölkerung, sagt Mowtschan: «Westliche Politiker haben stets die Sorge, dass sie abgewählt werden. Putin ist dagegen überzeugt davon, dass er bis an sein Lebensende regieren wird.»

Es tönt paradox: Die russische Wirtschaft ist im weltweiten Vergleich wenig konkurrenzfähig, sie ist abhängig von einem einzigen Rohstoff – und der Staat dominiert derart, dass es private Unternehmen schwer haben. Dennoch scheint sie in der aktuellen Krise widerstandsfähiger als die komplexen Volkswirtschaften Europas?

Ein Hühnerei hat auch einen viel komplexeren Aufbau als ein Stein. Aber wenn man beides aus dem Fenster wirft, dann geht das Ei kaputt – der Stein nicht.
Autor: Andrej MowtschanÖkonom

Andrej Mowtschan wundert das nicht – und zieht eine Vergleich heran: «Ein Hühnerei hat auch einen viel komplexeren Aufbau als ein Stein. Aber wenn man beides aus dem Fenster wirft, dann geht das Ei kaputt – der Stein nicht.»

Echo der Zeit, 30.4.2020, 18:00 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Mueller  (Elbrus)
    Hauptgrund ist, dass Westeuropa wenig Ahnung von Russischer Wirtschaft hat. Präsident Putin unterzeichnet einen 290 Mia. Vertrag mit China - Rosneft 2013 für 25 Jahre, dass reicht bei uns gerade mal für eine Kurzmeldung. In 2014 der Gazprom Vertrag mit China über 400 Mia. OK denn haben dann alle gesehen. Airbus fliegt nicht ohne Russisches Titan 55% aller Titankäufe bei Airbus kommen seit Jahren aus Russland. Deren Landwirtschaft wirft mehr als alle Russischen Waffenlieferngen etc.....
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    1. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @Elbrus: Kennen Sie die Konditionen fuer Alle von Ihnen beschriebenen Vertraege?? Alle Vertraege waren ein Ausweg dafuer, dass RU zum damaligen Zeitpunkt der Entstehung aller Vertraege kein Geld in die Hand nehmen musste. Doch die Vertraege sind Alle sehr zum Nachteil von der russischen Wirtschaft. Sie als eine Russland lebende Person sind sicherlich in der Lage auf russische Medien und Suchmaschiene zurueck zu greifen betreffend Quellen.
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  • Kommentar von Beat Kessler  (KLERUS)
    „Täglich grüsst das Murmeltier“! Gefühlt vier mal im Jahr meint die Presse, Russland stehe kurz vor der pleite und jetzt kommen solche Einschätzungen..? Aber für einmal eine eher objektive Einschätzung. Mit freundlichen Grüßen
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  • Kommentar von Markus Guggisberg  (gugmar)
    Staatliche Souveränität implizert staatliche Eigenverantwortung & Handlungsfähigkeit. Zu sagen Russland sei von einem einzigen Rohstoff abhängig und die russische Wirtschaft sei nicht konkurrenzfähig ist eine sehr einseitige und immer noch falsche Betrachtungsweise. Die Staatsschuld Russlands ist mit 13.9% vom BIP sehr klein. Russlands Fläche ist mit 17 Mio km2 riesig. Gold und Devisen Reserven sind hoch. Zu beurteilen ist nicht nur der Cash Flow sondern das Potential und das ist immens !
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    1. Antwort von Charles Morgenthaler  (ChM)
      @gugmar: was für ein Wunder, wohl zum Erstenmal bin ich mit einem ihrer Kommemtare einverstanden.
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