Zum Inhalt springen

Header

Audio
Nawalnys neuer Plan
Aus Rendez-vous vom 09.02.2021.
abspielen. Laufzeit 04:28 Minuten.
Inhalt

Opposition gegen Putin Nawalnys Team setzt auf «kluges Wählen»

Auf den Strassen flauen die Proteste ab. Doch die Bewegung Nawalnys gibt nicht auf – und zielt auf die Wahlen im Herbst.

Ein dramatisch geschnittenes Video über die vergangenen Strassenproteste zeigt Demonstranten, die «Freiheit, Freiheit» rufen. Dann wird die Rede eingespielt, die Nawalny vor Gericht gehalten hat. Und schliesslich erscheint Iwan Zhdanow. Der 32-jährige Jurist aus Moskau ist einer der wichtigsten Nawalny-Gefolgsleute.

«Ihr fragt Euch jetzt sicher: wie weiter?», sagt er. «Das Wichtigste: seid nicht niedergeschlagen. Denn das wünscht sich der Kreml am allermeisten: dass wir denken, wir hätten verloren.»

Der Kampf soll weitergehen

Nawalnys Leute versuchen klarzumachen, dass der Kampf weitergehen soll. Und das, obwohl der Staat mit nie dagewesenem Druck gegen die Opposition vorgeht. Inzwischen ist fast die ganze Führungsriege des Nawalny-Teams in Haft.

Polizei knüppelt gegen Demonstranten.
Legende: Die Staatsmacht ging bei den Protesten gegen das Nawalny-Urteil rigoros gegen Protestierende vor. Reuters

Dennoch sagt Leonid Wolkow, es sei alles unter Kontrolle. Man wisse genau, was tun. Der IT-Spezialist ist die inoffizielle Nummer Zwei des Nawalny-Teams. Und er ist noch in Freiheit – weil er schon vor längerem ausser Landes geflohen ist. «Unser Plan ist es, den Druck auf Putin zu erhöhen, um die Freilassung Nawalnys zu erreichen», sagt Wolkow.

Sand im Getriebe des Kremls

Geplant sind unter anderem neue, kreative Strassenproteste. Zudem schauen Wolkow und seine Mitstreiter vor allem auf die Parlamentswahlen vom Herbst. Bei diesen soll das Prinzip des «Klugen Wählens» zur Anwendung kommen.

Junge Leute in einer Arrestzelle.
Legende: Tausende Demonstranten wurden bei den friedlichen Protesten verhaftet – und in Arrestzellen gesteckt. Reuters

Die Idee dahinter: Weil die Opposition nicht antreten darf, sollen kritische Bürger systematisch Kandidaten aus «Pseudo-Oppositionsparteien» wählen.

Dazu gehören etwa Kommunisten. Es sind Leute, die zwar kremltreu sind, aber nicht so kremltreu wie Vertreter der Putin-Partei Einiges Russland. Auf diese Art soll Sand ins Getriebe von Putins politischer Maschine gestreut werden.

Kommunisten als Lückenbüsser

«‹Das Kluge Wählen› ist unsere wichtigste Aufgabe für die nächsten Monate», betont Wolkow. Man werde zu diesem Zweck den ganzen Sommer über Wahlbeobachter rekrutieren und Wähler motivieren.

Die Strategie ist nicht unumstritten. Kritiker sagen, Kommunisten seien nicht unbedingt besser als Kreml-Leute. Das sei wie den Teufel zu wählen, um den Beelzebub auszutreiben. Für Nawalnys Leute, die derart unter Druck sind, zählen solche Zwischentöne nicht mehr. Zu verhärtet sind die Fronten.

Steter Tropfen höhlt den Stein

Dazu passt auch, dass Wolkow und seine Kollegen im Ausland Unterstützung gegen den Kreml suchen. So soll der Westen dazu gebracht werden, gegen reiche Geschäftsleute aus dem Umfeld des Kremls Sanktionen zu erlassen, erklärt Wolkow.

Die Strategie gilt als «Angriff auf Putins Portemonnaie». Auch das ist riskant. Die Staatsmacht kann Nawalnys Leute jederzeit als Vaterlandsverräter brandmarken, wenn diese in Brüssel oder Berlin für antirussische Sanktionen weibeln.

Protestierende Menge.
Legende: Die Demonstrationen für Nawalny waren meist friedlich. Reuters

Wolkow scheint sich bewusst zu sein, dass vor ihm und seinen Mitstreitern ein langer Weg liegt. Dennoch gibt er – ganz Politiker – den unerschütterlichen Optimisten: «Immer mehr Leute unterstützen uns – und immer weniger unterstützen Wladimir Putin», ist er überzeugt.

Das heisse zwar nicht, dass Putin morgen den Kreml verlässt und Nawalny das Gefängnis. «Aber es wird irgendwann passieren.»

SRF 4 News, Rendez-vous vom 9.2.2021, 12.30 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

12 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Aber Herr Auer Ihnen geht es trotz der Regierung von Putin in Russland gut. hoffe ich. Gäste klagen normalerweise nicht
    1. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @P.Koenig: Danke der Nachfrage: Kann mich nicht beklagen, doch was hat das mit dem Thema hier im Kontext? Es waere doch angebracht, wenn es der gesamten Bevoelkerung in RU so gut ginge. Ich sehe mich in RU nicht als Gast, sondern als ein Teil der Bevoelkerung, jedoch ohne Mitbestimmungsrecht. Eigentlich kein Unterschied zur CH, in welcher es ja ueber 20% auslaendische Bewohner gibt, auch meist ohne Mitbestimmungsrecht.
  • Kommentar von Hans Peter Auer  (Ural620)
    Es ist an der Zeit, dass pro kremlische Gesinnte zuerst einmal die russische Verfassung und darin wichtig ab Artikel 1 - 25 exakt lesen und deren Inhalt ueberdenken sollten bevor sie sich ueber die Opposition und die friedlichen Demonstranten beschweren.

    Russische Verfassung in deutscher Sprache

    http://www.constitution.ru/de/index.htm
  • Kommentar von Thomas Schuetz  (Sürmel)
    Einmal mehr ein infantiles Getue der sogenannten Opposition. Wladimir Putin wird es mit einem müden Lächeln abtun, einmal mehr. Bei seinen Beliebtheitswerten in der Bevölkerung muss er sich nicht die geringsten Sorgen machen. Aber vielleicht sollte man halt mal die Menschen auf dem Land fragen zu Putin und nicht nur in den Städten Moskau und Sankt Petersburg. Die haben eh immer etwas zum Nörgeln.
    1. Antwort von Mike Pünt  (Scientist)
      Putin hat Angst. Deshalb setzt er auch die Hölle in Bewegung, um zu verhindern, dass Nawalny und sein Team an den nächsten Wahlen teilnehmen können. Die Proteste für Nawalny fanden in über 100 Städten statt, nicht nur in Moskau.
      In Diktaturen läuft alles immer perfekt. Jeder liebt den Diktator. Aber sobald die Menschen ihre Meinung sagen dürfen, ist er weg vom Fenster.
    2. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Wenn Sie die Menschen auf dem Land fragen, werden Sie die Antworten bekommen, es geht uns gut jetzt. Das sind oft ältere Menschen, die die Stalinzeit erlebt haben. Und sie sind genügsam, mit dem was sie haben.
    3. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @ (Saleve2): Dem ist teilweise sicherlich so, doch haben all diese auf dem Land lebenden Leute das Recht, die Mitbestimmung der jetzigen jungen Generationen, wie auch der zukuenft. Generationen zu blockieren? Es braucht einen Konsens, welche Alle Buerger Russlands und ihre Denkweise so gut wie nur moeglich zufrieden stellt. Mit Gewalt von beiden Seiten laesst sich jedoch kein Konsens finden und spaltet das Land und die Bevoelkerung nur noch mehr. Wohin dies fuehren kann, es gibt genug Beispiele.
    4. Antwort von Mike Pünt  (Scientist)
      @ Auer, die Gewalt kam bislang nur von einer Seite.
    5. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @(Scientist): Richtig, naehmlich von der Seite der Regierung bzw. Rosgvardia, Omon und Polizei. Dass sich danach die zuerst friedlichen Demonstranten teilweise zur Wehr setzen und setzten, ist wohl verstaendlich in Anbetracht, dass man sie um die in der Verfassung festgehaltene Grundrechte bringt bzw. gebracht hat(te). Selbst und live hier in Ekaterinburg aus sicherer Entfernung miterlebt. Die meisten von uns wuerden bei unerlaubten Grobheiten es auch nicht einfach so goutieren.