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Jordanien fürchtet Annexion der Palästinensergebiete
Aus Echo der Zeit vom 12.06.2020.
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Palästinenser in Jordanien «Unser König wird nicht zulassen, dass sie unser Land wegnehmen»

Über zwei Millionen palästinensische Flüchtlinge leben in Jordanien. Besorgt verfolgen sie Israels Annexionspläne – und hoffen auf die Standhaftigkeit von Abdullah II.

Wie ein Flüchtlingslager sieht das Jabal el-Hussein Camp in Amman nicht aus. Eher wie ein ganz normaler Stadtteil. Viele Möbelgeschäfte und Werkstätten gibt es hier.

Abdel Fatah Said el Az schneidet in einer winzigen Werkstatt Glas: «Ich bin hier in einem Zelt geboren und aufgewachsen», sagt der Bauarbeiter, der in der Coronakrise seine Stelle verloren hat und nun in der Glaserei seines Sohnes aushilft. «Damals hatten wir keinen Strom, kein Licht, keinen Fernseher. Das war kein Leben, wir hatten als Kinder viele Probleme», erinnert er sich.

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Legende: Abdel Fatah wurde in den 1960er-Jahren geboren. Aus dem Zeltlager seiner Kindheit wurde nach und nach ein Quartier mit Häusern. Der Wohnraum blieb eng – bis heute: «Zusammengepfercht wie Tauben leben wir hier. Wenn ich schlafen will, muss ich dem Nachbarn im Gebäude nebenan erst sagen, er soll den Fernseher ausmachen.» SRF

Nach der Staatsgründung Israels 1948, und nach dem Sechstagekrieg 1967, kamen Hunderttausende palästinensische Flüchtlinge nach Jordanien. Mehr, als die Hauptstadt Amman damals Einwohner hatte.

Wenn ich sage, was ich wirklich denke, etwa auf Facebook, riskiere ich Gefängnis. Besonders Israel ist ein heikles Thema.
Autor: Abdel Fatah Said el Az

Zwar hat Abdel Fatah, wie die allermeisten Palästinenser hier, die jordanische Staatsbürgerschaft. Als gleichwertiger Bürger fühlt er sich trotzdem nicht. Er könne seine Meinung nicht gleich frei sagen wie andere Jordanier: «Wenn ich sage, was ich wirklich denke, etwa auf Facebook, riskiere ich Gefängnis.» Besonders Israel sei ein heikles Thema.

«Aufgenommen wie eine Mutter»

Über der Hauptstrasse hängt ein Plakat mit dem Abbild des jordanischen Königs: Mit den besten Wünschen des Palästinenserlagers zum Thronjubiläum. Ganz nah liegt das Büro von Lager-Bürgermeister Ibrahim Azzeh. Er betont seine Loyalität zum jordanischen König, den auch Palästinenser als Nachkomme des Propheten Mohammed und Hüter der Al Aqsa-Moschee respektieren.

Jabal el-Hussein Camp in Amman.
Legende: Das Jabal el-Hussein Camp in Amman wurde 1952 errichtet – knapp ein halber Quadratkilometer für 8000 Flüchtlinge. Keystone/Archiv

«Jordanien hat uns Palästinenser aufgenommen wie eine Mutter», beginnt der Bürgermeister. «Wir würden nie etwas tun, um Jordanien zu schaden.» Damit grenzt er sich klar ab von der Vergangenheit: 1951 erschoss ein Palästinenser Jordaniens König Abdallah den Ersten, 1970 entging König Hussein knapp einem Attentat der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO und es kam zum Bürgerkrieg.

Ein Streitpunkt zwischen Jordanien und Palästinensern war Israel immer. Auch jetzt sorgt das Thema für Spannungen. «Ich will einen Rechtsstaat und Frieden», sagt Ibrahim Azzeh.

Nur zwei Dinge könnten die Palästinenser nie akzeptieren: Wenn Israel noch mehr palästinensisches Land annektiere, und wenn es die Rolle des Jordanischen Königs als Hüter der heiligen muslimischen Stätten in Jerusalem untergrabe. «Dann explodieren wir vielleicht», sagt der Bürgermeister.

Lager-Bürgermeister.
Legende: Lager-Bürgermeister Ibrahim Azzeh: «Wenn Jordanien und Palästina gegeneinander antreten, feuern wir gemeinsam die bessere Mannschaft an. Da ist keine Rivalität wie zwischen Barcelona und Real Madrid!» SRF

Während er redet, kommt ein Mann ins Büro und setzt sich, ohne sich vorzustellen. Der Bürgermeister lobt erneut die Standhaftigkeit des Königs gegenüber Israel und wechselt dann rasch zum Fussball.

Dann explodieren wir vielleicht.
Autor: Ibrahim AzzehBürgermeister des palästinensischen Flüchtlingslagers Jabal el-Hussein

Eine schmale Treppe zwischen den eng zusammengebauten Häusern führt zur 70-jährigen Um Sader. Als 16-Jährige flüchtete sie im Sechstagekrieg aus Jericho nach Amman. In ihrem kleinen Wohnzimmer läuft der Fernseher. Nachrichten schaue sie kaum, die seien für die wichtigen Leute, sagt sie und fügt an: «Aber es ist nicht richtig, dass Israel uns Jerusalem und unser Land wegnimmt.»

Um Sader ist überzeugt:
Legende: Um Sader im Jabal el-Hussein Camp in Amman ist überzeugt: «Unser König – Gott behüte ihn – wird Jerusalem nie im Stich lassen. Und er wird auch nicht zulassen, dass sie unser Land wegnehmen.» SRF

«Unser König – Gott behüte ihn – wird Jerusalem nie im Stich lassen. Und er wird auch nicht zulassen, dass sie unser Land wegnehmen.» Genau das ist die offizielle Politik des Königs: Er warnt Israel öffentlich-wirksam vor einer Annexion des Jordantals an der Grenze zu Jordanien – welche die Stimmung in seinem Land aufheizen würde.

Israels Annexionspläne als Zerreissprobe für Königreich Jordanien

Anfang Juli will Israels Premierminister Benjamin Netanyahu mit der Annexion palästinensischer Gebiete beginnen. Er löst damit zwar ein Wahlversprechen ein, verärgert aber Verbündete wie die EU und stösst auch freundlich gesinnte Nachbarn vor den Kopf: zum Beispiel Jordanien. König Abdullah warnt Israel und stellt sogar das Friedensabkommen infrage. Beobachter sehen die Annexionsfrage als innere Zerreissprobe für das Königreich. Denn in Jordanien leben mehr als zwei Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge.

Echo der Zeit, 12.06.2020, 18:00 Uhr

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Ich wünsche Israel Glück und Frieden, aber nicht auf Kosten von Palästinensern, deren Land menschenrechtswidrig, im Grunde diebstahlmässig enteignet wird. Das geht nicht und trägt logischerweise mit Nichten zu Frieden bei. Ich werde den Eindruck nicht los, dass reiche, rechtsnationalistische Siedlergruppen die Politik entsprechend negativ beeinflussen. Mit viel Geld!??
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  • Kommentar von Christoph Stauffer  (Dum spiro spero)
    2018/2019 wurden über 2600 Raketen oder Mörsergeschosse auf Israel abgefeuert.
    Die geplante Annexion soll die Sicherheit für die Israelische Bevölkerung (auch Palästinenser!) wiederherstellen, die die Hamas und Fatah seit Jahrzehnten untergraben. Warum wird mit keinem Wort auf die Gründe der Annexion eingegangen. Meines erachtens ist dieser Artikel sehr undifferenziert, sehr einseitig. Bitte informiert euch bei verschiedenen Quellen, bevor ihr urteilt. Es gibt immer 2 Seiten.
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    1. Antwort von Charles Morgenthaler  (ChM)
      Und wie viele Bomben und Granaten wurden in der selben Zeit von Israels hochgerüsteter Armee auf Palästinensergebiet, imsbesondere Gaza, abgeschossen. Man vergleiche doch mal das Ausmass der Zerstörungen beider Seiten, das spricht Bände.
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    2. Antwort von Ernst von Allmen  (MEVA)
      Es Stimmt was Sie sagen, es gibt immer 2 Seiten. Die eine Seite ist dass einem Volk Land weggenommen wurde, um damit, mit Hilfe der ONU, den Staat Israel zu bilden. Auf der gleichen Seite wurde Land besetzt um darauf Kolonien zu bauen. Auf der anderen Seite gibt es ein Volk das vergessen, un betrogen wurde, und mit dem, im zur Verfügung stehen Mitteln, um ein bisschen Gerechtigkeit kämpft.
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    3. Antwort von Drago Stanic  (drago stanic)
      Und in gleiche Zeit hat Israel über 200 mal Syrien bombardiert und Islamische Milizen unterstüzt. Das würde auch nicht in Artikel erwähnt.
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    4. Antwort von Sascha Ehring  (MountainmanSG)
      Richtig, es gibt immer 2 Seiten. Und würden wir uns nicht wehren wenn eine militärische Übermacht uns unser Land wegnimmt?
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    5. Antwort von Konrad Schläpfer  (Koni)
      Der Landraub der Israeli hat mit Sicherheit gar nichts zu tun. Es geht um die Erweiterung des Siedlungen. Zu ihrer Sicherheit haben die Israeli doch schon die Golanhöhen annektiert.
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  • Kommentar von Beat Reuteler  (br)
    Jordanien hat die Palästinenser keineswegs "aufgenommen wie eine Mutter". Denn da würde ich erwarten dass die jordanische Staatsbürgerschaft nicht mehr und nicht weniger bedeutet als gleiche Rechte und Pflichten wie die aller andern Jordanier. Das würde auch Niederlassungsfreiheit bedeuten, so dass diese Menschen nicht in Jabal el-Hussein ausharren müssten, sobald sie eine andere Möglichkeit finden.
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    1. Antwort von Charles Morgenthaler  (ChM)
      @br: Wie verhält es sich denn mit den Palästinensern die in Israel leben und dort die Staatsbürgerschaft besitzen? Erwarten sie von Israel auch, dass diese die selben Rechte und Pflichten haben wie andere Israeli? Das ist nämlich absolut nicht der Fall, allerhöchstens bei den Pflichten, und ganz bestimmt nicht bei der Niederlassungsfreiheit.
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