Zum Inhalt springen

Header

Audio
Untersuchungsbericht wirft neues Licht auf die «Causa Krähenbühl»
Aus Echo der Zeit vom 19.01.2021.
abspielen. Laufzeit 04:43 Minuten.
Inhalt

Palästinenserhilfswerk UNRWA Pierre Krähenbühl – Bauernopfer einer bedrängten UNO?

Nach einem internen Bericht nahm der Schweizer UNRWA-Chef seinen Hut. Die Vorwürfe waren wohl weitgehend unbegründet.

Fünf Jahre war Pierre Krähenbühl der höchstrangige Schweizer im UNO-System. Erfolgreich führte der frühere IKRK-Mann das Palästinenserhilfswerk. Kreuz und quer flog er um die Welt und überzeugte Geldgeber, die Organisation zu unterstützen – die Geldbeschaffung ist eine der ständigen und drängendsten Herausforderungen. UNO-Generalsekretär António Guterres lobte die Arbeit der UNRWA.

Doch dann kam Krähenbühls plötzlicher Abgang. Ausgelöst von einem vernichtenden, aber auch höchst umstrittenen Bericht der UNRWA-internen Ethikkommission: Von gravierender Managementkrise und Nepotismus war die Rede. Manche Vorwürfe betrafen die gesamte UNRWA-Führung, einige Krähenbühl persönlich.

Krähenbühl
Legende: Krähenbühl musste 2019 seinen Hut nehmen. Dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS liegt inzwischen der noch unveröffentlichte Untersuchungsbericht vor. Keystone/Archiv

Dieser wies damals gegenüber RTS die Anschuldigungen zurück. Auch heute sagt er, er habe sich nichts vorzuwerfen gehabt. Doch Guterres liess Krähenbühl fallen. Per Telefon forderte er ihn auf, sein Amt ruhen zu lassen, bis die Vorwürfe geklärt seien.

Der UNRWA-Chef trat nach dieser Misstrauenskundgebung sofort zurück. Näheres über Inhalt und Durchführung der Untersuchung mochte die UNO nicht mitteilen.

Die USA und Israel wollten den Kopf des als Mittelbeschaffer äusserst erfolgreichen Krähenbühl. Und sie haben ihn gekriegt.
Autor: Carlo SommarugaStänderat (SP/GE)

Auch der Bundesrat stützte Krähenbühl nicht. Vielmehr entschied er rasch, die Beiträge an die Organisation einzufrieren, bis die Sache geklärt sei. Auch das ein Signal des Misstrauens.

Ob eine entschiedene Intervention aus Bern Krähenbühl viel geholfen hätte, ist zwar fraglich. Bekannt ist hingegen, dass Aussenminister Ignazio Cassis, anders als seine Amtsvorgänger, kein Freund der UNRWA ist. Er wirft ihr vor, nicht Teil der Lösung der Palästinenserfrage zu sein, sondern Teil des Problems.

Genauso sehen es Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und US-Präsident Donald Trump. Der liess seine damalige UNO-Botschafterin Nikky Hailey erklären, es gäbe kein amerikanisches Geld mehr für die UNRWA.

UNRWA soll «falsche Anreize» schaffen

UNRWA soll «falsche Anreize» schaffen

Der US-Rückzug riss ein Finanzloch von mehr als 300 Millionen Dollar in die Kasse der UNRWA. Der Hauptvorwurf: Indem sie für Schulen, Gesundheitsversorgung und soziale Dienste für fünfeinhalb Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser sorge, schaffe die UNRWA Anreize, dass sich die Palästinenser nicht in anderen arabischen Ländern integrierten und stattdessen auf Dauer Flüchtlinge blieben. Und zwar nicht nur die vor Jahrzehnten aus ihrer Heimat Vertriebenen, sondern auch noch deren Kinder, Enkel und Grossenkel.

Für Krähenbühl war klar: In diesem hyperpolitisierten Umfeld konnte er nicht gelassen das Ergebnis der UNO-Untersuchung abwarten; er musste gehen. Der damalige Genfer SP-Nationalrat und Aussenpolitiker Carlo Sommaruga drückte es nach Krähenbühls Abgang gegenüber SRF so aus: «Die USA und Israel wollten den Kopf des als Mittelbeschaffer äusserst erfolgreichen Krähenbühl. Und sie haben ihn gekriegt.»

Inzwischen ist die UNO-Untersuchung längst abgeschlossen. Doch weder der Generalsekretär noch die Mitgliedstaaten, auch nicht die Schweiz, machen sie öffentlich. Wer danach fragt, blitzt ab. Die RTS-Sendung «Temps Présent» gelangte an eine Kopie.

Hauptaussage: Von den persönlichen Vorwürfen an Krähenbühl bleibt so gut wie nichts hängen. Von der Affäre mit einer Untergebenen, die er zu seiner Beraterin gemacht hatte, ist keine Rede mehr. Es bleiben Kritik an Rekrutierungsprozessen und der Rat, Managementprozesse zu verbessern. Also letztlich sehr wenig.

Der Eindruck entsteht, dass die UNO-Spitze, aber auch UNO-Mitglieder wie die Schweiz, Krähenbühl opferten, um den UNRWA-Gegnern, angeführt von Washington und Jerusalem, keinen Anlass zu geben, das Hilfswerk zusätzlich unter Druck zu setzen.

Philippe Lazzarini.
Legende: Krähenbühl arbeitet inzwischen für Universitäten auf dem Feld der Konfliktprävention. Beerbt wurde er von Philippe Lazzarini. Keystone

Nachfolger als UNWRA-Chef ist wiederum ein Schweizer, Philippe Lazzarini. Die Untersuchungen seien abgeschlossen, die Lehren seien gezogen worden, sagte er nach seinem Amtsantritt gegenüber Radio SRF. Es amtiere nun eine neue Führung. So lasse sich das verloren gegangene Vertrauen in die UNRWA wiederherstellen. Es sei an der Zeit, das Kapitel abzuschliessen.

Echo der Zeit vom 19.01.2021, 18 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

11 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Matthias Jundt  (M. Jundt)
    Warum dürfen wir als Steuerzahler nicht wissen, wie die Gelder von der UNRWA eingesetzt werden und wie die gerühmten Erfolge gemessen werden?

    Auf Grund der Berichterstattung und Infos von Insidern ist ein gewisses Misstrauen gegenüber der Verwendung unserer Steuergelder in den Palästinensergebieten auch durch die UNRWA echt angebracht.
  • Kommentar von Matthias Jundt  (M. Jundt)
    "Die Untersuchungen seien abgeschlossen, die Lehren seien gezogen worden," wird geschrieben.

    Warum dürfen wir als Steuerzahler nicht wissen, was konkret verbessert worden ist?

    So lange wir zahlen, haben wir doch auch Anrecht auf eine gewisse Berichterstattung über die Erfolgskontrolle neben laufenden Berichten über Aggression und Terror der Palästinenser überall in der Welt.
  • Kommentar von Hans-Ruedi Moser  (moserha)
    War auch schön mehrmals in diesen Gebieten, das kann ich nur unterschreiben.