Derzeit tagt der Volkskongress in China mit seinen rund 2800 Abgeordneten. Wichtigster Agendapunkt: der neue Fünfjahresplan. In diesem Leitpapier wird unter anderem festgeschrieben, wie der Konsum in China angekurbelt werden soll. Im Fokus steht unter anderem die ältere Generation.
Ausgeben statt investieren
Während in der Grossen Halle des Volkes der Nationale Volkskongress tagt, kämpfen sich draussen in Peking die Bewohnerinnen und Bewohner durch den Schnee. Eine Rentnerin sagt, sie habe noch nie von dieser «Silberhaar-Ökonomie» gehört.
Die Idee gefällt ihr aber: «Ich finde, wenn ältere Menschen in Rente gehen, wozu sollen sie dann noch Geld sparen? Dann sollte man es einfach ausgeben.» Auf die Frage, wofür sie ihr Geld ausgebe, zeigt sie auf einen Goldhandel an der Ecke: «Ich kaufe Gold. Eine Investition für die nachfolgende Generation.»
Dies entspricht allerdings nicht ganz dem, was Wirtschaftsexperten mit der «Silberhaar-Ökonomie» meinen.
Ausgaben für Reisen und Gesundheit
Die Idee hinter der «Silberhaar-Ökonomie» ist, dass die Vermögen, die in den Jahrzehnten des rasanten Wirtschaftswachstums angehäuft wurden, jetzt ausgegeben werden, um den Konsum in China anzukurbeln.
Es fällt den älteren Menschen schwer, passende Dienstleistungen zu finden.
Ein älteres Ehepaar, das gerade aus einem Bus steigt, ist mit dem Begriff vertraut. «Der Anteil älterer Menschen in China steigt. Deshalb stellen ihre Ausgaben – zum Beispiel für Gesundheitsdienstleistungen und Tourismus – eine grosse wirtschaftliche Chance dar», erklären sie.
Rentenlücke als Hindernis
Genau so sei das Modell gedacht: Ältere Menschen geben mehr Geld aus – nicht für Materielles, sondern für ihre Gesundheit, für Hobbys und Reisen. Das sagt der pensionierte Wirtschaftsprofessor und heutige Thinktank-Direktor, Xu Hongcai.
Doch bei der Umsetzung gebe es Probleme: «Es fällt den älteren Menschen schwer, passende Dienstleistungen zu finden.» Besonders im Gesundheitsbereich fehlten in China die Angebote.
Xu Hongcai glaubt, dass durch eine Weiterentwicklung der Pflegebranche auch bis zu 50 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen könnten. Doch gebe es noch ein weiteres Problem. Viele ältere Leute hätten zu tiefe Renten.
Ehemalige Regierungsangestellte kriegen drei- bis viermal so viel wie ich.
Diese müsste die Regierung anheben, damit diese Seniorinnen und Senioren überhaupt mehr Geld ausgeben können.
Grosse Ungleichheit in China
Genau das findet auch eine muntere, achtzigjährige Pekingerin in einer Fussgängerzone. Sie erhalte rund 450 Franken pro Monat. «Ehemalige Regierungsangestellte kriegen drei- bis viermal so viel wie ich.» Sie müsse beim Essen und bei der Kleidung sparen und ihr Schicksal einfach ertragen.
Tatsächlich gibt es ein massives Gefälle bei den Renten in China. Am schlechtesten ergeht es pensionierten Bäuerinnen und Bauern. Sie erhalten in der Regel eine Rente von nicht einmal 30 Franken pro Monat.
Deshalb hoffen viele, dass mit der «Silberhaar-Ökonomie» auch die Renten aufgebessert werden. Dass sich mit dem neuen Fünfjahresplan tatsächlich etwas ändert für sie, glaubt die 80-jährige Rentnerin allerdings kaum.