Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Wie der Migrationsdruck gestoppt werden könnte abspielen. Laufzeit 10:55 Minuten.
Aus SRF 4 News aktuell vom 15.08.2019.
Inhalt

Perspektivlosigkeit im Maghreb Die Festung Europa ist auf Sand gebaut

Generationen an Frustrierten drängen aus dem Maghreb nach Europa. Mauern hochziehen reiche nicht, sagt Beat Stauffer.

Aus den Augen, aus dem Sinn? Die Migrationszahlen nehmen seit dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 ab. Wurden damals 39'000 Asylgesuche in der Schweiz gestellt, rechnet das Staatssekretariat für Migration (SEM) im laufenden Jahr mit 15'000. Die nackten Zahlen könnten zu einem einfachen Schluss verleiten: Die Festung Europa steht.

Weit gefehlt, sagt Maghreb-Experte Beat Stauffer: Der Migrationsdruck aus dem Süden werde anhalten. «Viele Menschen aus den Maghreb-Ländern haben sich in den Kopf gesetzt, nach Europa zu kommen. Sie sehen ihre Zukunft hier.» Bei denen, die es tatsächlich versuchen, handle es sich fast ausschliesslich um Arbeitsmigranten. Die in Europa kaum je Asyl erhalten.

Maghrebiner vor Grenzsoldaten in Tunesien
Legende: Vierzig bis fünfzig Prozent der jungen Männer träumten von einem Leben in Europa, schreibt Beat Stauffer in seinem neuesten Buch. Reuters

Der Journalist gehört zu den besten Maghreb-Kennern im deutschsprachigen Raum. In seinem neuen Buch «Maghreb, Migration und Mittelmeer» plädiert er für eine grundlegende Neuorientierung in der europäischen Migrationspolitik.

Beat Stauffer

Beat Stauffer

freier Journalist, Buchautor

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Beat Stauffer berichtet als freischaffender Journalist für verschiedene Medien aus Nordafrika. Er ist auch als Buchautor, Kursleiter und Referent tätig.

Denn eine vollkommene Öffnung der Grenzen könne genau so wenig eine Lösung sein wie eine rigide Abschottungspolitik, wie sie derzeit Italien praktiziert.

Europas doppelter Schutzwall

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Für Beat Stauffer kommt den fünf Maghreb-Staaten (Algerien, Mauretanien, Marokko, Libyen und Tunesien) eine entscheidende Rolle zu, wenn es um Migration nach Europa geht. Denn sie bilden eine Art doppelten Schutzwall: Sie verhindern die massenhafte Auswanderung der eigenen Bürger und blockieren die Migration von Menschen südlich der Sahara nach Europa. Zumindest, solange die Migrationszusammenarbeit mit Europa funktioniert. Für Stauffer ist klar: «Wenn wir es schaffen wollen, die irreguläre Migration zu steuern, müssen wir das mit dem Maghreb versuchen.»

Historisch ist der Maghreb eng verflochten mit Europa. In der Antike bildeten die nördlichen und südlichen Anrainer des Mittelmeers einen gemeinsamen Kulturraum. Heute leben etwa zehn Millionen Menschen mit Wurzeln im Maghreb in Europa, aufgrund der kolonialen Vergangenheit insbesondere in Frankreich. Die meisten Maghrebiner leben legal in Europa: «Aber seit rund dreissig Jahren können sie nicht mehr legal nach Europa emigrieren», so Stauffer. Obwohl viele von ihnen Verwandte in europäischen Ländern haben, was die Bande in den Norden zusätzlich stärkt.

Europa habe ein «legitimes Recht auf Selbstschutz», sagt Stauffer: «In den nächsten Jahren kommen wir nicht darum herum, die Grenzen streng zu kontrollieren und irreguläre Migration einzudämmen.» Doch neue Mauern seien der falsche Weg – es brauche neue Tore: «Also Möglichkeiten der legalen Migration, Ausbildungsplätze, Stipendien und vieles mehr.»

Investieren statt Ausschaffen

Trotzdem: Der Traum von Europa wird für die überwältigende Mehrheit der Maghrebiner ein Traum bleiben. Langfristig gibt es für Stauffer nur eine Lösung, um den Migrationsdruck zu lindern: «Wir müssen die Maghreb-Staaten dabei unterstützen, den Massen von frustrierten und schlecht ausgebildeten Menschen eine Perspektive zu bieten.»

Afrikanische Migranten an Mittelmeerküste
Legende: Um die Maghreb-Staaten für das «Grenzmanagement» zu gewinnen, braucht es für Stauffer eine Gegenleistung: Investitionen in die Jugend. Reuters

Konkret: Milliardenschwere Direktinvestitionen für Aufbauprojekte, insbesondere in das marode Berufsbildungswesen: «Relativ schlecht qualifizierte junge Menschen müssen die Möglichkeit erhalten, einen Beruf erlernen zu können», sagt Stauffer.

Mit Nothilfe für abgewiesene Asylbewerber und teuren Rückführungen geben wir sehr viel Geld aus, das produktiv investiert werden könnte.
Autor: Beat StaufferJournalist und Maghreb-Experte

Gerade die Schweiz sei mit ihrem weltweit beachteten dualen Berufsbildungssystem prädestiniert dafür, Aufbauhilfe zu leisten. Die Jugend des Maghreb müsse überzeugt werden, dass sie in ihren Heimatstaaten eine Perspektive habe: «Es braucht eine Mentalitätsänderung.»

Ein Migrationspakt im Interesse aller

Solche Projekte brauchen Zeit, und vor allem Geld. Das bedeutet auch: Die europäischen Bürger müssen in die Tasche greifen. Politischer Widerstand ist vorprogrammiert. Doch Stauffer glaubt, dass auch Konservative von einer Neuorientierung der europäischen Migrationspolitik überzeugt werden können: «Mit Nothilfe für abgewiesene Asylbewerber und teuren Rückführungen geben wir sehr viel Geld aus, das produktiv investiert werden könnte.»

Solar-Park in Marokko.
Legende: Ein Beispiel für brachliegendes Potenzial ist Solarenergie, erklärt Stauffer: «Nordafrika könnte ganz Europa mit Strom versorgen.» Im Bild: Solar-Park in Marokko. Keystone

Stauffer bezeichnet die Eindämmung der irregulären Migration als Schicksalsfrage für Europa. Angesichts der aktuellen Handlungsunfähigkeit der Staaten sind Zweifel daran angebracht, ob sich diese je auf einen gemeinsamen Nenner in Migrationspolitik einigen können.

Das räumt auch Stauffer ein. Aber: «Wir müssen eine konstruktive Lösung aushandeln, die Europa und den Herkunftsländern der Migranten hilft – und gleichzeitig ihr Leiden stoppt.»

Schliessen

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

57 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von m. mitulla  (m.mitulla)
    Gute Ideen! Ein erster Schritt könnte sein, den jungen Eritreern für ihren Staatsdienst Lohn zu zahlen, bis der Staat selber dazu wieder in der Lage sein wird. Das wäre um ein Vielfachs billiger als die Versorgung der vielen Menschen in def Schwriz.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Nein, nein nicht noch mehr abermilliarden nach Afrika. Hat bisher nichts gebracht und wird auch so weiterhin nichts bringen. Das sagen selbst Afrikakenner...
    Europa sollte langsam zu sich selber schauen und definieren was "Europa" ist und will oder sein kann. Europa hat Migrationsrichtlinien und Gesetze. Solange Gesetze nur für (oder gegen) Verkehrssünder umgesetzt werden muss es erst vor der eigenen Türe wischen, bevor Afrika erneut missioniert werden soll.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Kurt E. Müller  (KEM)
    «Mit Nothilfe für abgewiesene Asylbewerber und teuren Rückführungen geben wir sehr viel Geld aus, das produktiv investiert werden könnte.» Richtig, aber die Sozialhilfe ist noch viel teurer als die Nothilfe. Mit dem Geld für jeden, der hier von Sozialhilfe lebt, könnte man in dessen Heimat 100en helfen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen