Oft hört man, dass invasive Arten den Ökosystemen schaden. Eine Studie unter Leitung der Uni Bern zeigt jetzt, dass Ökosysteme sehr unterschiedlich auf neue Arten reagieren. Die Details kennt der Ökologe Mark van Kleunen.
SRF News: Auf welchen Faktor kommt es beim Einfluss invasiver Arten auf ein Ökosystem am meisten an?
Mark van Kleunen: Zunächst gibt es grosse Unterschiede, je nachdem, ob es sich um eine Pflanze oder etwa einen Mikroorganismus handelt. Grundsätzlich aber haben wir herausgefunden, dass die Zeit ein wichtiger Faktor ist: Manche Sachen werden schlimmer mit der Zeit, andere verlieren an Einfluss.
Wann wird es schlimmer?
Je länger eine invasive Art hier ist, desto mehr einheimische Arten verschwinden. Zunächst also werden nur wenige einheimische Arten verdrängt, mit der Zeit aber immer mehr, weil sich die negativen Effekte anhäufen.
Es kann sein, dass sich das ganze Ökosystem mit der Zeit den invasiven Pflanzen anpasst.
Und wann mildern sich Probleme mit der Zeit ab?
Es kann sein, dass sich das ganze Ökosystem, also auch die Tiere und die Mikroorganismen, mit der Zeit den invasiven Pflanzen anpasst und sich die möglicherweise negativen Auswirkungen der invasiven Arten im Nährstoffhaushalt des Bodens wieder ausgleichen.
Die Studie zeigt: Zeit ist ein wichtiger Faktor. Welche Faktoren aber sind weniger wichtig, als Sie vorher gedacht haben?
Wir gingen davon aus, dass Merkmale der Arten eine wichtige Rolle spielen. Etwa, dass Pflanzen, die sehr schnell wachsen, stärkeren negativen Einfluss auf einheimische Pflanzen haben. Aber diesen Effekt haben wir nicht gefunden. Und bei Tieren haben wir erwartet, dass ihre Grösse eine wichtige Rolle spielt. Aber auch hier konnten wir kaum einen Effekt nachweisen.
Welche Erkenntnisse ihrer Analyse mit Daten aus der ganzen Welt kann man auf Mitteleuropa und die Schweiz übertragen?
Wir haben keine Unterschiede in Bezug auf den Breitengrad – also etwa in den Tropen verglichen mit gemässigten Breitengraden – gefunden. Wir können unsere Ergebnisse also ziemlich gut generalisieren: Sie gelten auch für die Schweiz und Europa.
Und welche Arten kann man sich da konkret vorstellen?
Es geht um alle invasiven Arten. Zum Beispiel die kanadische Goldrute, oder den japanischen Staudenknöterich in der Schweiz. Beide haben sich in den letzten Jahrzehnten stark ausgebreitet.
Invasive Pflanzen können womöglich auch für einheimische Bestäuber wie Bienen oder Schmetterlinge von Interesse sein.
Kann eine neue Art auch positive Auswirkungen auf ein Ökosystem haben?
Im Prinzip ist das möglich, aber es gibt dazu nur wenige Untersuchungen. Es ist durchaus denkbar, dass ein Samenverbreiter, also ein Tier, das die Samen von einheimischen Pflanzen verbreitet, sehr selten geworden oder sogar ausgestorben ist. Und dann hat eine invasive Tierart diese Funktion übernommen. Oder invasive Pflanzen, die schöne Blüten haben und viel Nektar produzieren, können auch für einheimische Bestäuber wie Bienen oder Schmetterlinge von Interesse sein.
Sie haben auch Praxistipps für die Politik entwickelt. Wie lauten die?
Am wichtigsten ist, dass man den Zeitfaktor nicht vergessen sollte. Eine invasive Art hat zu Beginn womöglich wenig negativen Einfluss, aber mit der Zeit wird er stärker. Deshalb sollte möglichst frühzeitig gehandelt werden, um invasive Arten unter Kontrolle zu bringen. Und in anderen Fällen, in denen man vielleicht eher interessiert ist an der Chemie oder an den Nährstoffveränderungen im Boden, können sich anfänglich festgestellte Effekte mit der Zeit abschwächen oder sogar wieder verschwinden.
Das Gespräch führte Julius Schmid.