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Die Krise in Libanon spitzt sich zu
Aus Echo der Zeit vom 19.01.2020.
abspielen. Laufzeit 06:24 Minuten.
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Proteste im Libanon «Das ist erst der Anfang der Katastrophe»

Die wirklichen Konflikte haben im Libanon noch nicht einmal angefangen, meint der Nahost-Reporter Christoph Reuter, der in Beirut lebt.

Libanon ist in einer schweren Krise. Auf den Strassen der Hauptstadt ist die Lage am Samstag abermals eskaliert. «Spiegel»-Reporter Christoph Reuter lebt in Beirut und bekommt die Proteste hautnah mit.

Christoph Reuter

Christoph Reuter

Journalist

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Der deutsche Journalist und Kriegsberichterstatter Christoph Reuter berichtet als Reporter für das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» aus Ländern des Nahen Ostens.

Herr Reuter, wie verzweifelt sind die Menschen, die jetzt protestieren?

Christoph Reuter: Es protestieren nicht die ganz Armen, die nicht viel zu verlieren haben. Es ist vielmehr die Mittelschicht, die bislang relativ gut lebte, sich importierte Dinge leisten konnte und jetzt hart davon getroffen wird, dass die Währung abrutscht. Dinge des täglichen Lebens wie Brot, Benzin und Medikamente werden wöchentlich teurer – und das ist erst der Anfang der Katastrophe. Im Moment ist es noch mehr die Angst vor dem, was kommen wird als die tatsächliche Not.

Erneut Dutzende Verletzte bei Protesten in Beirut

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Bei neuen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften im Libanon sind am Sonntag mindestens 145 Menschen verletzt worden. 45 Menschen seien in Beirut in Spitäler gebracht worden, teilte das libanesische Rote Kreuz mit. Sicherheitskräfte hatten Demonstranten in der Hauptstadt daran gehindert, in das Parlamentsgebäude einzudringen. Schon am Samstag waren bei schweren Auseinandersetzungen in Beirut gegen 400 Menschen verletzt worden.

Die Staatsverschuldung in Libanon ist 2019 auf über 150 Prozent des BIP gestiegen. Wie weit ist es noch bis zum Staatsbankrott?

Das weiss keiner, weil keiner den Banken traut. Die Zentralbank hat sich Geld von den Privatbanken geliehen. Diese haben die Auslandslibanesen damit gelockt, ihre Ersparnisse zu astronomischen Zinssätzen von bis zu zehn Prozent anzulegen.

Niemand weiss, wann die erste Bank Pleite geht.

Das war ein Schneeballsystem, weil diese Zinsen gezahlt wurden. Seit klar ist, dass dieses Modell nicht auf Dauer funktionieren wird, kommen keine neuen Einlagen mehr. Niemand weiss, wann die erste Bank Pleite geht und wann die Zentralbank Teile ihrer Gelder abschreiben muss. Das Schneeballsystem kann in einer Woche oder in drei Monaten einstürzen.

Inwiefern ist die vom Dollar abhängige Wirtschaft schon zum Erliegen gekommen?

Die ersten Einkaufszentren haben ihre Schliessung angekündigt, der grösste Internet-Provider will in zwei Monaten seinen Dienst einstellen, wenn der Dollarkurs sich nicht stabilisiert. Es sind viele Leute arbeitslos geworden. Die Wirtschaft hier produziert wenig. Ausser landwirtschaftlichen Produkten wird kaum etwas hergestellt. Die Wirtschaft, die auf Handel und auf Dienstleistungen basiert, gleitet sukzessive den Berg hinab.

Dazu kommt die politische Krise. Ex-Bildungsminister Hassan Diab versucht, eine Regierung zu bilden. Wie kommt er voran?

Schlecht, weil die bisherigen Machtblöcke kein Interesse daran haben, ihre Pfründe zu verlieren. Alle haben bislang davon profitiert, dass das System im Proporz festgezurrt ist.

Im Moment wirkt es so, als ob sie darum schachern, wer die schönsten Deckplätze auf einem Schiff bekommt, das insgesamt untergeht.

Jeder kriegt seine Parlamentssitze abhängig davon, ob er griechisch-orthodox, maronitisch, drusisch, sunnitisch oder schiitisch ist. Im Moment wirkt es so, als ob sie darum schachern, wer die schönsten Deckplätze auf einem Schiff bekommt, das insgesamt untergeht. Es sind zwei Monate vergangen, und man hat es noch nicht einmal geschafft, ein Technokraten-Kabinett zu bilden.

Warum ist es so schwierig, diese Experten-Regierung zu bilden?

Weil diese Experten-Regierung eine Gefahr darstellen würde für dieses korrupte, kriminelle Kartell verschiedener Machtblöcke, die sich in einem unfassbaren Ausmass bereichert haben.

Die Proteste werden wohl weitergehen. Droht eine Radikalisierung?

Ja, eine Radikalisierung kann gar nicht ausbleiben, weil die Demonstranten gegen die Symbole der Krise protestieren. Sie schmeissen die Scheiben der Banken ein, aber sie ändern nicht das System. Sie müssten im Prinzip vor den Hauptquartieren der Mächtigen auflaufen. Aber das tun sie nicht, weil sie dann wieder mit einem Fuss im Bürgerkrieg stehen. Im Moment ist das trotz der Verletzten noch Geplänkel. Man rennt gegen die Polizei an, die Polizei schiesst mit Tränengas. Aber die wirklichen Konflikte haben noch nicht einmal angefangen.

Das Gespräch führte Roger Brändlin.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von S. Borel  (Vidocq)
    Ein Beispiel mehr dafür, dass die Gier einzelner zum Absturz der Allgemeinheit führen kann. Fragt sich bloss noch, ob es hier der Anfang der Katastrophe für den Libanon allein ist und wie lange es noch dauert, bis auch andere Staaten ähnliches erfahren werden.
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  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Im Libanon leben etwa 6,5 Libanesen und nochmals doppelt so viele im Ausland also 13 Millionen, niemand weiss das so genau. Das Bankensytsem wurde also von aussen am Leben gehalten. Da fragt man sich schon wie ist dieses Bankensystem aufgebaut. Dollar, Gold im Ausland usw. Libanon wurde so von allen benutzt nur nicht vom eigenen Volk, oder vielleicht haben auch die Auslandlibanesen es ausgesaugt, 6 - 10 Prozent Zins, bei Null Zinsen? Währungsreform???
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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Der Lybien Gipfel müsste noch um ein paar Tage verlängert werden, um auch das Thema "Libanon" zu besprechen!
    Es sind die selben Strippenzieher.
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    1. Antwort von hr hort  (hrhort)
      Da besteht kein Zusammenhang, auch wenn es in das einfache Weltbild einiger Europäer, die gebetsmühlenartig den Westen schul geben an allem, passen würde. Der Libanon ist ein Pulverfass der Religionen und wird von der Hizbollah in Geiselhaft genommen. Die Achse Iran, Irak, Syrien, Libanon steht. Die Schiiten (Aleviten) beherrschen die Gegend nach dem Sieg über den IS (vermutlich vorübergehend).
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