Zum Inhalt springen

Header

Video
Gefangen in Belarus: Angehörige kämpfen für Freilassung
Aus 10 vor 10 vom 08.02.2021.
abspielen
Inhalt

Repression in Belarus Ein Land wird zum Gefängnis

Ein halbes Jahr nach den Präsidentschaftswahlen sind in Belarus willkürliche Festnahmen an der Tagesordnung.

Die Angst, willkürlich verhaftet zu werden, ist für die Menschen in Belarus allgegenwärtig. Seit August sind insgesamt 31‘000 Menschen im Land zeitweise festgenommen worden und die Zahl steigt laufend.

Die ersten drei Monate nach Igors Festnahme habe ich nur geweint.
Autor: Daria LosikEhefrau von Igor Losik

Mit jeder Festnahme beraubt das Regime nicht nur eine Einzelperson der persönlichen Freiheit – auch das Leben der Angehörigen wird vom Tag der Festnahme an durch den Gefängnisalltag diktiert. Die belarussische Menschenrechtsorganisation Wjasna zählt zurzeit bereits über 220 politische Gefangene, darunter auch den 28-jährige Igor Losik.

«Die ersten drei Monate nach Igors Festnahme habe ich nur geweint – vor Ärger und aus Frustration. In der Zwischenzeit bin ich ein wenig zu mir gekommen. Mir blieb keine Wahl, als mich mit der Situation irgendwie zu arrangieren», schildert Daria Losik ihren Umgang mit der Festnahme ihres Mannes vor sieben Monaten.

Daria.
Legende: Daria Losik hat die Festnahme ihres Mannes schwer mitgenommen, auch wegen der gemeinsamen kleinen Tochter. SRF / Luzia Tschirky

Die belarussischen Behörden beschuldigen ihren Mann, Massenunruhen organisiert und daran teilgenommen zu haben. Er wurde vor den Präsidentschaftswahlen festgenommen – vor den Augen seiner damals anderthalb Jahre alten Tochter.

Foto zeigt Moment der Festsetzung von Luzia Tschirky

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen
Foto zeigt Moment der Festsetzung von Luzia Tschirky
Legende: Luzia Tschirky und ihre Bekannten werden festgesetzt. Die SRF-Korrespondentin befindet sich zum Zeitpunkt des Fotos bereits im Wagen. ZVG

Eine willkürliche Festsetzung seitens der Behörden erlebte auch SRF-Korrespondentin Luzia Tschirky während ihrer Reise nach Belarus. Sie wurde knapp drei Stunden von belarussischen Sicherheitskräften festgehalten.

Auf dem Messenger-Dienst Telegram tauchte ein Foto auf, welches den Moment der willkürlichen Festsetzung von Luzia Tschirky und ihren Bekannten durch die belarussischen Behörden zeigt. SRF ist der Name des Urhebers der Fotografie bekannt. Gemäss diesem Augenzeugen, haben sich auf der Strasse kaum Menschen aufgehalten, als Tschirky und ihre Bekannten an einer Ampel willkürlich von Sicherheitskräften festgesetzt wurden. Eine der wenigen Passantinnen habe die Szenen beobachtet und die nicht maskierten Männer lautstark als «Mörder» bezeichnet.

Tschirky kam nach knapp drei Stunden wieder frei, ihre Bekannte Anisja Kasljuk und deren Mann Juli Iljuschenko befinden sich zurzeit im Zentrum für Gesetzesbrecher in Minsk. Es ist nicht möglich weitere Details zu ihrem gesundheitlichen Zustand in Erfahrung zu bringen. Zu den Haftbedingungen ist bekannt, dass sie keine Matratzen und kein Decken in den kaum beheizten Zellen zu Verfügung gestellt bekommen bei Aussentemperaturen von unter - 20 Grad. Es ist nicht möglich mit den Inhaftierten direkten Kontakt aufzunehmen, oder ihnen Lebensmittel oder Kleidung ins Gefängnis zu bringen.

«Dass unsere Tochter noch so klein ist, hat den Vorteil, dass sie nicht versteht, was das Wort Gefängnis bedeutet», erzählt Daria. Ihr Alltag hat sich durch die Haft von Igor stark verändert. Sie ist täglich mit Besorgungen oder Abklärungen beschäftigt und schickt ihrem Mann Lebensmittel ins Gefängnis. Von den Rationen im Gefängnis könne kein Häftling satt werden und ihr Mann habe zudem erst kürzlich einen 40-tägigen Hungerstreik beendet. Er müsse sich nun langsam wieder an feste Nahrung gewöhnen.

Monate der Angst

«Ich selbst war früher zwar schon gegen das Regime, doch ich habe meine Meinung nicht öffentlich geäussert. Seit sie meinen Mann ins Gefängnis steckten, sage ich meine Meinung laut und deutlich. Wenn die Repression schon so nahe zu dir kommt, musst du dich wehren!» Die Inhaftierung ihres Mannes wurde für Daria irgendwann eine solch grosse Belastung, dass sie sich psychologische Hilfe holte.

Natalia Hirsche an einer Demonstration in Minsk im September 2020. Wenig später wurde sie an dieser Stelle verhaftet.
Legende: Natalia Hersche (Mitte) an der Demonstration in Minsk im September 2020. Wenig später wurde sie an dieser Stelle verhaftet. SRF

Dieses Gefühl von der Situation überrollt zu werden, kennt Robert Stäheli nur zu gut. Seine Partnerin Natalia Hersche ist belarussisch-schweizerische Doppelbürgerin und war im September bei Verwandten zu Besuch, als sie sich den friedlichen Protesten anschloss. Sie wurde am 19. September festgenommen und Anfang Dezember zu 2.5 Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Verhaftung von Nathalia Hersche vis-à-vis des Ortes, wo sie demonstriert hatte.
Legende: Die Festnahme von Natalia Hersche in einer Fernsehaufnahme. SRF

«Am Anfang hat mich das richtig umgehauen, da war ich zuerst apathisch, wie gelähmt.» Es folgte die Angst um die körperliche Unversehrtheit seiner Partnerin, da viele Gefängnisinsassen nach ihrer Freilassung von Folter durch die Sondereinheiten und auch von Vergewaltigung berichteten.

Am Anfang hat mich das richtig umgehauen, da war ich zuerst apathisch, wie gelähmt.
Autor: Robert StäheliPartner von Natalia Hersche

Einen Monat nach der Festnahme konnte Robert Stäheli endlich aufatmen: Seine Partnerin scheint zumindest körperlich zu keinem Zeitpunkt schwer traumatisiert zu werden.

Robert.
Legende: Der Partner von Nathalia Hersche, Robert Stäheli, lebt in der Schweiz. Sie wurde in Belarus zu 2.5 Jahren Gefängnis verurteilt. SRF / Luzia Tschirky.

Doch die Situation ist weiter belastend: «Ich verfolgte zu Beginn die Politik im Land und überlegte ständig, was jetzt nun dieses oder jenes bedeuten könnte. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich damit aufhören muss. Wir wissen schlicht nicht, wie dieses Regime reagieren wird.»

Ein Land in Gefangenschaft

Die einzige Möglichkeit mit ihren Angehörigen im Gefängnis in Kontakt zu bleiben sind für die Partner und Familie Briefe. Doch nur ein kleiner Bruchteil der Briefe kommen tatsächlich auch an. Die Behörden lesen die Briefe gegen – und wenn der Inhalt als politisch beurteilt wird, lässt man den Brief an den Absender retournieren.

Maria Kalesnikowa an einer Kundgebung. Ihr drohen bis zu fünf Jahre Gefängnis.
Legende: Maria Kalesnikowa an einer Kundgebung. Ihr drohen bis zu fünf Jahre Gefängnis. SRF

Der Vater von Maria Kalesnikowa hat seit einem Monat keinen Brief mehr von seiner Tochter erhalten. Um ihr näher zu sein, führt Alexander Kalesnikow jeden Tag in Gedanken Gespräch mit ihr, während er in der Umgebung des Gefängnisses spazieren geht. «Ich stelle mir vor meinem inneren Auge ihr Lächeln vor. Sie ist ein sehr starker, integrer und guter Mensch.»

Video
Alexander Kalesnikow: «Sie ist ein sehr starker, integrer und guter Mensch»
Aus News-Clip vom 08.02.2021.
abspielen

Im vergangenen Sommer wurde Maria Kalesnikowa zu einer der zentralen Personen der Demokratiebewegung im Land. «Ich bin sowjetisch erzogen worden, mein inneres Freiheitsgefühl ist noch nicht ganz zum Leben erwacht. Doch meine beiden Töchter sind freie Menschen – und für mich Vorbilder.» Die innere Freiheit könne einem niemand nehmen, ist Alexander Kalesnikow überzeugt. Die Bevölkerung lebt unter Alexander Lukaschenko bis auf Weiteres mit einem Bein im Gefängnis.

10vor10 vom 8. Februar 2021

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

10 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Fritz Meier  (FriMe)
    Eine gute Zusammenfassung zur Situation in Belarus. Lukashenka gehört zu denen, die lieber sterben, als die Macht friedlich abzugeben. Die EU sollte so rasch als möglich eine Strategie für ein "Nach-Lukashenka-Belarus" öffentlich bekanntmachen. Beispiel: Sofortige Abschaffung des Visa-Zwangs, sofortige Verhandlungsaufnahme für ein EU-BY-Assoziierungsabkommen und klar signalisieren, dass die Verantwortlichen für eventuelle Massaker, in der EU lebenslange Zutrittsverbote erhalten.
  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    "Die Bevölkerung lebt unter Alexander Lukaschenko bis auf Weiteres mit einem Bein im Gefängnis." Die freie Weltdarf sich nichts einbilden. Ohne Unterstützung von außen können sich die Menschen in Belarus nicht befreien. Die Diktaturen haben gelernt, damit sie vom UNO-Scherhritsrat belangt werden können: Sie lassen Demos inoffiziel zu. Scheibchenweise werden dann die Oppositionellen wegen "terroristischen Aktivitäten" ins Gefängnis gesteckt. Die Pazifisten des Westen durchschauen das Spiel nicht.
  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Hier muss sich die Staatengemeinschaft einsetzen
    Und einmischen die Belarustragödie darf nicht geduldet werden. Nicht zu vergleichen mit Navalny, der Gesetze Russland bricht
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Nicht Gesetze Russland, Gesetze des Kremls!