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Neuer Einblick ins weltweite Geschäft der Rohstoff-Giganten
Aus Trend vom 30.04.2021.
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Rohstoff-Business Rohstoffhändler – Weichensteller der Weltpolitik

Ein neues Buch gibt Einblicke in die Welt der Rohstoff-Giganten und zeigt auf, wie sie mit ihrer Macht die Weltpolitik beeinflussen. Die Schweiz spielt dabei eine zentrale Rolle.

«Das Flugzeug geriet arg in Schieflage, als es in den Sinkflug ging. In der Tiefe hatte das Mittelmeer der öden Weite der nordafrikanischen Wüste Platz gemacht. Rauchsäulen ragten am Horizont in den Himmel. Die Insassen des kleinen Privatjets waren mit versteinerten Mienen auf ihren Sitzen festgezurrt, und es drehte ihnen fast den Magen um, als das Flugzeug sich in engen Kurven vom Himmel schraubte.

Das war kein normaler Business-Trip, auch nicht für Ian Taylor. In vier Jahrzehnten Öl-Handel hatte er sich schon in viele Hotspots manövriert, von Teheran bis Caracas. Aber diese Reise mit Ziel Bengasi, Libyen – inmitten eines Bürgerkriegs – war eine neue Erfahrung.»

Das ist der Einstieg ins Buch «The World for Sale», das die Bedeutung und Macht der Rohstoff-Giganten neu ausleuchtet. Denn ob Metall im Smartphone, die Baumwolle fürs T-Shirt oder das Gas für die Heizung: Wir sind tagtäglich auf Rohstoffe angewiesen. Die Händler dieser Rohstoffe reden nicht gern über ihr Geschäft, aber es geht um hunderte Milliarden.

«The World for Sale»

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«The World for Sale»
Legende: ZVG

Das Buch «The World for Sale» haben die beiden Bloomberg-Journalisten Javier Blas und Jack Farchy geschrieben, beide Experten im Rohstoff-Business. Erschienen ist es im Februar 2021 im Randomhouse Business-Verlag.

Abgespielt hat sich die eingangs geschilderte dramatische Flugzeug-Szene 2011. Passagier im Flugzeug war Ian Taylor, der Chef von «Vitol», dem grössten Erdölhändler der Welt. Ziel dieses riskanten Unterfangens war ein Öl-Deal mit den Rebellen, die damals gegen Machthaber Muammar al-Gaddafi kämpften.

«Die Rebellen brauchten Diesel, damit sie weiterkämpfen konnten. Taylor wollte es ihnen liefern, gab ihnen gar einen Kredit von einer Milliarde Dollar. Diesen sollten sie ihm mit Öllieferungen aus den Quellen rund um Bengasi zurückzahlen», erzählt Javier Blas. Zusammen mit seinem Kollegen Jack Farchy hat er diese Geschichte für das Buch «The World for Sale» recherchiert.

Diese Vermischung von Öl und Politik beschreibt für Javier Blas sehr gut, wie Rohstoffhändler nachhaltig Einfluss auf die Weltpolitik nehmen.

Blas ist seit rund 20 Jahren Experte für Rohstoffe. Zusammen mit seinem Kollegen Jack Farchy führte er für das Buch viele Gespräche mit Rohstoffhändlern. «Ich kenne sie, und sie kennen mich», sagt Blas im Gespräch mit SRF. Und auch wenn die Branche als sehr verschwiegen gilt, hätten die meisten geredet. «Ein hartes Stück Arbeit», grinst der Autor. Einige hätten ihm auch nahegelegt, das Buch nicht zu veröffentlichen.

Korruption ist weit verbreitet

Die Händler geben im Buch erstaunlich offen Auskunft, auch über heikle Themen wie Korruption: «Torbjörn Törnqvist, der Chef des Ölhändlers Gunvor, hat erklärt, dass die Branche wohl noch einige Leichen im Keller habe.»

Blas und Farchy schreiben auch immer wieder über Händler oder Mittelsmänner, die mit Koffern voll Bargeld unterwegs waren für sogenannte «Kommissionen». «Vor 40 Jahren war Bestechung eine weitere Art Geschäftsausgabe», erklärt Javier Blas. «In der Schweiz konnte man solche Kommissionen auch von den Steuern abziehen.» Was als üblich galt, war aber nicht immer legal. So sah sich auch Gunvor jüngst wieder mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert.

Die Schweiz als Drehscheibe

Viele Rohstoff-Konzerne haben ihre Zentrale oder wichtige Niederlassungen in der Schweiz. Das überrascht nicht. Das Land sei politisch neutral und steuerlich attraktiv, bestätigt Blas. Er kritisiert aber, dass die Schweiz die Regulierung solcher Konzerne lange Zeit verschlafen habe. «Es ist ein sehr wichtiges Geschäftsfeld. Aber damit verbunden ist auch die Verpflichtung, die Branchenvertreter bei Verfehlungen zur Rechenschaft zu ziehen.»

Zwar gehe man mittlerweile rechtlich gegen Bestechung vor: «Aber Bussen von ein paar Millionen Franken sind im Milliardengeschäft um Rohstoffe schlicht Peanuts.»

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Aus dem Archiv: Recherchen aus der Glencore-Minenstadt Mount Isa
Aus Rundschau vom 10.06.2020.
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Die Wende zu mehr Transparenz im Rohstoffgeschäft kam 2011: Glencore ging an die Börse. Bis dahin gehörte der mächtigste Rohstoff-Konzern der Welt seinen Händlern. Nur drei Personen wussten, wer wie viele Aktien besass. «Darüber zu reden, war tabu», sagt Javier Blas. Durch den Börsengang wurden die Besitzverhältnisse plötzlich publik. Quasi über Nacht wurden etliche Händler zu Millionären und gar Milliardären.

Der stille Teilhaber von Glencore war der Pharmakonzern Roche.
Autor: Javier BlasAutor

Den Schritt an die Öffentlichkeit gemacht hatte Glencore, weil der Konzern wachsen wollte und dafür frisches Geld brauchte. Die geplanten Käufe und den Unterhalt von Minen konnten die Glencore-Händler nicht mehr selbst finanzieren.

Und bisher hatte erst ein branchenfremder Investor Anteile von Glencore gekauft, hat Javier Blas recherchiert: «Der stille Teilhaber mit einem Aktienanteil von 20 Prozent war bis um die Jahrhundertwende der Basler Pharmakonzern Roche.» Roche hatte damals durch den Verkauf von Valium viel Bargeld angehäuft und suchte eine Investitionsmöglichkeit. Glencore wollte sich von Marc Rich loskaufen und brauchte dafür viel Geld. «Der Deal passte», sagt Blas.

«Cool Runnings» dank Marc Rich

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Cool Runnings Szene
Legende: Imago / Ronald Grant

Das Bobteam aus Jamaika sorgte an den Olympischen Spielen von Calgary 1988 für Aufsehen, die Geschichte wurde in den USA als «Cool Runnings» verfilmt. Weniger bekannt ist: Finanziert wurde das Bobteam damals vom Zuger Rohstoffhändler Marc Rich, welcher von den USA zur Fahndung ausgeschrieben worden war.

Rich hatte in den frühen 1980er-Jahren den Staat Jamaica in einer Nacht- und Nebel-Aktion mit Geld- und Erdöl versorgt und vor dem Bankrott bewahrt. So sicherte er sich wichtige Rohstoffe des Inselstaates und einen guten Draht in oberste Regierungskreise.

Public Eye begleitet die Rohstoffbranche seit Jahren sehr kritisch. 2011 veröffentlichte das Schweizer NGO ebenfalls ein Rohstoff-Buch, das die Geschäfte der Branche etwas ausleuchten sollte. Für das neue Buch der Wirtschafts-Journalisten findet Sprecher Oliver Classen lobende Worte: «Erfrischend ist vor allem die historische Einbettung der Aktivitäten der Branche.

Ich hätte mir gewünscht, dass sie auch die Situation in den Produktionsländern näher beleuchten.
Autor: Oliver ClassenPublic Eye

Sie zeige die Relevanz dieser Branche. «Die Autoren haben Zugang zu den Köpfen der Branche wie kaum jemand sonst.» Das untermauere ihre Expertise. Allerdings sind für Classen die Protagonisten und deren Arbeit zu wenig kritisch beleuchtet. «Und ich hätte mir gewünscht, dass sie auch die Situation in den Produktionsländern näher beleuchten, und nicht nur das Geschäftsmodell der Rohstoffhändler skizzieren.»

Überrascht hat den Fachmann von Public Eye, dass einige Händler im Buch offen Korruption zugeben. Das sei nach wie vor ein grosses Problem in der Branche. Und die Schweiz – da ist er sich mit Blas einig – stehe da in der Verantwortung. Fälle von Korruption würden vornehmlich in den USA aufgedeckt, nicht in der Schweiz.

Die Rohstoffbranche bleibt künftig weiter im Rampenlicht – nicht nur wegen illegaler Finanzierungen, auch wegen des grossen CO2-Fussabdrucks. Dieser verteuert wichtige Bank-Kredite zur Absicherung von Geschäften. Die Konzerne geloben denn auch, die CO2-Emissionen schnell senken zu wollen.

Da setzen sie auch auf die Karte, dass sie wichtige Rohstoffe für den technologischen Wandel liefern würden; Kupfer, Kobalt oder Nickel für Windturbinen oder Batterien. Die Konzerne müssen nun beweisen, dass sie ihre Versprechen auch tatsächlich einhalten.

Trend, 01.05.2021, 19:00 Uhr

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13 Kommentare

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  • Kommentar von René Balli  (René Balli)
    Unser Konsum ist das Problem, die reichen und mächtigen Rohstoffhändler das Symptom!
  • Kommentar von Valentin Haller  (verbosus.ch)
    Was u.a. Rohstoffe anbelangt, ist die Menschheit leider in eine falsche Richtung abgebogen. Weshalb sollten diese Früchte des Planeten, den wir uns alle teilen, nur einzelnen Personen oder Firmen gehören, die sie sich irgendwann (und oft mit unlauteren Mitteln) unter den Nagel gerissen hatten?

    Rohstoffe sollten stattdessen Allgemeingüter im kollektiven Eigentum der Menschheit sein.
    1. Antwort von Urs Felber  (ursus felber)
      Sie können sich an jeder Firma über einen aktienkauf daran beteiligen und profitieren. Ist doch gut ?
    2. Antwort von Valentin Haller  (verbosus.ch)
      Ich habe nicht den Eindruck, Herr Felber, dass Sie die Essenz meines Arguments verstanden haben. Eine Aktienbeteiligung ändert schliesslich nichts am Umstand, dass Rohstoffe im Privateigentum sind.
    3. Antwort von Urs Heinimann  (uh4000)
      Die Vorkommen von Rohstoffen sind meistens Allgemeingüter. Wenn nun eine Regierung findet man könnte die Vorkommen abbauen und mit dem Erlös das Land entwickeln, inklusive Gesundheits- und Erziehungswesen, so versteigert sie Lizenzen an spezialisierte Unternehmen und handelt auch eine Beteiligung am Verkauf der Rohstoffe aus. Da kommen oft Kommissionen ins Spiel.
      Wenn man erlaubt, dass Personen auf eigene Faust abbauen, wie etwa Kobalt im Kongo,ist dies deaströs für die Umwelt.
    4. Antwort von Valentin Haller  (verbosus.ch)
      Herr Heinimann:

      In dem Punkt gehe ich mit Ihnen einig, dass es natürlich nicht die Idee sein kann, dass einfach Krethi und Plethi das Zeug aus dem Boden pickeln. Selbstredend muss die Sache gut organisiert sein.

      Rohstoffe im heutigen System als Allgemeingüter zu bezeichnen, halte ich für eine sehr steile These. Dass dem nicht so ist, kann u.a. am rohstoffreichen Sierra Leone abgelesen werden, dessen Volk in bitterster Armut lebt.
    5. Antwort von Urs Heinimann  (uh4000)
      Herr Haller
      Sierra Leones bittere Armut ist Folge des etwa 10 jährigen Bürgerkrieges und allgemeiner Korruption. So wird rund die Hälfte aller Diamanten aus dem Land geschmuggelt,die Bevölkerung bekommt davon keinen Cent, einzig die Personen welche den Schmuggel tolerieren, bereichern sich masslos. Was den Goldabbau anbelangt, so hat die Regierung einige Lizenzen erteilt, doch auch da verhindert die Korruption, dass die Bevölkerung angemessen profitiert.
      Vorkommen im Boden sind Allgemeingüter.
    6. Antwort von Urs Heinimann  (uh4000)
      Herr Haller
      Sierra Leones bittere Armut ist Folge des etwa 10 jährigen Bürgerkrieges und allgemeiner Korruption. So wird rund die Hälfte aller Diamanten aus dem Land geschmuggelt,die Bevölkerung bekommt davon keinen Cent, einzig die Personen welche den Schmuggel tolerieren, bereichern sich masslos. Was den Goldabbau anbelangt, so hat die Regierung einige Lizenzen erteilt, doch auch da verhindert die Korruption, dass die Bevölkerung angemessen profitiert.
      Vorkommen im Boden sind Allgemeingüter.
  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Die Probleme sind, ohne Handel
    mit Rohstoffen gleich welcher Art,
    steht die Weltwirtschaft still
    Und geht in weltweit in Krise
    Wer gibt dann den Arbeitslosen
    einen Lohn?