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Russland: Was steckt hinter der rekordtiefen Corona-Todesrate?
Aus SRF 4 News aktuell vom 19.05.2020.
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Russische Coronastatistik «Man weiss eigentlich nicht, wie schlimm die Lage wirklich ist»

Von den knapp 300'000 gemeldeten Corona-Infizierten sind in Russland bislang offiziell nur rund 2800 Personen an Covid-19 verstorben. Die Zahlen seien zweifellos viel höher, sagt Russland-Korrespondent David Nauer.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Russland hat offiziell eine sechsmal kleinere Corona-Sterblichkeit als die Schweiz. Wie ist das möglich?

David Nauer: Das ist nicht möglich. Es gibt denn auch erhebliche Zweifel. So weiss man etwa, dass in Moskau im April 20 Prozent mehr Menschen gestorben sind als sonst in diesem Monat. Die meisten dieser zusätzlichen Toten sind nicht als Corona-Opfer registriert worden. Mehrere Medien haben deshalb die Behörden beschuldigt zu manipulieren.

Wie reagiert der Kreml auf diese Kritik?

Sehr vehement. Politiker und auch das russische Aussenministerium haben vor allem ausländische Medien ins Visier genommen, darunter die «New York Times». So wurde mit der Ausweisung von Korrespondenten gedroht, wenn ein kritischer Bericht nicht zurückgezogen wird.

Wie erklären die Behörden die tiefen Zahlen?

Sie verweisen darauf, dass anders gezählt werde als im Westen. So werde unterschieden zwischen Menschen, die an – respektive mit – Covid-19 gestorben seien. In Russland werden alle Menschen obduziert, die an einer Infektionskrankheit sterben oder die eine Infektionskrankheit hatten, als sie starben. Momentan werden auch alle Toten mit Corona-Verdacht obduziert. Oft schreiben die Ärzte dann von Herzversagen oder Problemen mit anderen Organen. Das Virus taucht als Sterbeursache nicht auf. Das sei und ist ganz offenbar der Grund, warum die offizielle Zahl der Corona-Toten so tief ist.

Das Virus taucht als Sterbeursache oft nicht auf.
Autor: David Nauer

Nutzen die Behörden den Spielraum, um die Zahlen zu drücken?

Diesen Eindruck bekommt man. Die russische Zählweise ermöglicht Manipulationen. Laut Recherchen des russischen Online-Journals «Meduza» werden vor allem in den Provinzen zum Teil systematisch andere Todesursachen angegeben. Die örtlichen Behörden wollten im Kreml ein möglichst gutes Bild abgeben. Entsprechend würden örtliche Pathologen gedrängt, andere Todesursachen anzugeben. Eine Region im hohen Norden etwa meldet so rund 1700 Erkrankte, aber nur drei Tote.

Wie sieht die Realität aus?

Die Infektions- und Todesraten sind zweifellos viel höher. Es gibt auch einzelne Beamte, die das eingestehen. Moskaus Bürgermeister etwa hat geschätzt, dass in der Hauptstadt mindestens 300'000 Menschen infiziert seien. Also mehr als doppelt so viele wie in der offiziellen Statistik.

Die Infektions- und Todesraten sind zweifellos viel höher. Es gibt einzelne Beamte, die das eingestehen.
Autor: David Nauer

Noch krasser sind Informationen aus der Provinz Dagestan. Dort sprach ein Beamter kürzlich von rund 600 Menschen, die in den letzten Wochen an einer akuten Lungenentzündung gestorben seien. Von diesen sind offiziell nur 29 Menschen dem Virus erlegen. Die Epidemie ist zumindest in Teilen Russlands ein ziemlicher Blindflug. Man weiss eigentlich nicht, wie schlimm die Lage wirklich ist.

Die Epidemie ist zumindest in Teilen Russlands ein ziemlicher Blindflug. Man weiss nicht, wie schlimm die Lage wirklich ist.
Autor: David Nauer
May 15, 2020, Novo-Ogaryovo, Russia: Russian President Vladimir Putin, chairs a meeting via video conference to COVID-19, coronavirus hospitals built by the Defense Ministry from the Novo-Ogaryovo state residence May 15, 2020 outside Moscow, Russia. Novo-Ogaryovo Russia - ZUMAp138 20200515_zaa_p138_002
Legende: Zentrale Schaltstelle: Präsident Wladimir Putin an einer Videokonferenz zu Covid-19 Mitte Monat. imago images

Bringt die Pandemie das russische System an seine Grenzen?

Das russische Gesundheitssystem ist noch nicht zusammengebrochen. Aber es hat Sand im Getriebe. Putin hat in den vergangenen Jahrzehnten viel Energie darauf verwendet, um eine sogenannte Vertikale der Macht zu errichten. Alles geht vom Kreml aus. Nun kommt der Super-Zentralismus an seine Grenzen. Ein Beispiel: Putin persönlich hat für Ärztinnen, Ärzte und Pflegepersonal Bonuszahlungen angeordnet, die mit Covid-19-Erkrankten arbeiten. Das vom Kreml an die Provinzen überwiesene Geld wird zum Teil nicht weitergegeben, worauf Putin wütend reagierte.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

SRF 4 News, 19.05.2020, 06:30 Uhr;

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68 Kommentare

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  • Kommentar von Misra Namana  (Misra Namana)
    "Moskaus Bürgermeister etwa hat geschätzt, dass in der Hauptstadt mindestens 300'000 Menschen infiziert seien. Also mehr als doppelt so viele wie in der offiziellen Statistik" Die Dunkelziffer ist immer viel höher. Man schätzt auf bis zu 10 mal so hoch. Also Moskaus Bürgermeister untertreibt gewaltig.
    Dies jedoch in einem Bericht als "schlechte" zähl Art zu nutzen ist doch schon sehr gewagt. Als wenn das genau gleiche in Russland schlecht ist, und bei uns gut und normal.
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      In Italien und Frankreich zeitenweise über 98% der Fälle unentdeckt (vom eher übervorsichtigen Imperial College geschätzt).
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Ein weiterer unberechenbarer Machthaber dieser Welt! Vorsicht ist geboten betreffend lukrativen, wirtschaftlichen "Beziehungen" der Schweiz und allfälliger Abhängigkeiten - Konsequenzen!
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  • Kommentar von Norbert Zehner  (ZeN)
    "Man weiss eigentlich nicht, wie kontrolliert die Lage wirklich ist", wäre genauso zutreffende Aussage, wenn man nicht weiss, wie die Lage ist. Aber bei Russland Berichterstattung von Herrn Nauer würde das gar nicht passend sein, darum schreibt man lieber vorsorglich "schlimm". Medien von heute.
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    1. Antwort von Stefan Huwiler  (huwist)
      Sind überall die Sterberaten etwa gleich (5-10% der positiv Getesteten), so kamm man guten Gewissens davon ausgehen, dass etwas nicht stimmt wenn ein Land um Faktoren darunter liegt. Wenn es dann noch durchs Band Länder sind, die als intransparent gelten, dann können halt nicht alle die Augen schliessen und gegen die Fakten argumentieren nur weil es gewissen Kreisen so lieber wäre.
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    2. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Fragt sich, wieviel getestet wird und wie fortgeschritten die Verbreitung ist. Weiss jemand, wieviel Forschung momentan betrieben wird, um Dunkelziffern und die effektive Fallsterblichkeit genauer zu erfassen? Und wenn das Virus eine solche Spur der Verwüstung durch das Land zöge, müssten wir das doch langsam mitbekommen? Warum funktionieren die Spitäler noch? Wird Menschen die Behandlung verweigert? Bleiben sie aus Angst daheim und sterben dort? Der Fokus auf die Zählung greift doch etwas kurz.
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