Seit Januar hat die Schweiz mit Bundesrat Ignazio Cassis den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) inne. Nachdem Cassis Anfang der Woche in Kiew zu Gast war, will der Schweizer Aussenminister nun am Freitag nach Russland reisen. Sein Besuch hat Seltenheitswert – kaum ein westliches Regierungsmitglied ist nach dem Kriegsausbruch nach Moskau gereist. Wie die diplomatische Charmeoffensive im Kreml ankommt, erklärt SRF-Russland-Korrespondent Calum MacKenzie.
Wie kommt die diplomatische Offensive von Cassis in Moskau an?
Moskau bleibt bei seiner Behauptung, die OSZE sei ein «Instrument des Westens» – Russland ist zwar Mitglied, bezeichnet aber die OSZE-Kritik an Moskau immer als «ungerecht» oder «russophob». Und weil die Schweiz die EU-Sanktionen übernommen hat, sagt der Kreml schon lange, die Schweiz habe «ihre Neutralität aufgegeben» und «sich der Nato unterworfen». Russland dürfte also eine harte Linie fahren.
Wie wird der Besuch von Cassis in den russischen Medien wahrgenommen?
In den Staatsmedien ist der Besuch kein grosses Thema. Eigentlich hätte man annehmen können, dass dieser stärker ausgeschlachtet wird. Russland betrachtet die Schweiz offiziell als «unfreundliches Land», und jetzt kommt Cassis nach Moskau und will die russische Seite anhören. Aber auch in den russischen Medien ist man sich bewusst, dass bei den Gesprächen wahrscheinlich nichts Konkretes herauskommen wird, was man als europäischen oder Schweizer Kniefall vor Moskau verkaufen könnte. Darum hängt man den Besuch nicht an die grosse Glocke.
OSZE-Vorsitzender Cassis zu Besuch in der ukrainischen Hauptstadt
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Bild 1 von 3. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski empfängt den Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis in Kiew (2.2.2026). Bildquelle: AP / Pressestelle des ukrainischen Präsidenten (Archiv).
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Bild 2 von 3. Der ukrainische Aussenminister Andrii Sybiha (Mitte) begrüsst den amtierenden OSZE-Vorsitzenden und Schweizer Bundesrat Ignazio Cassis (rechts) und den OSZE-Generalsekretär Feridun H. Sinirlioglu (links) auf einem Bahnhof in Kiew (2.2.2026). Bildquelle: EDA / Nicolas Bideau (Archiv).
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Bild 3 von 3. Cassis beschrieb am WEF in Davos den Grund für seine Reisen nach Kiew und Moskau wie folgt: «Ich werde die Ukraine und Russland persönlich besuchen, um ihnen aufzuzeigen, was die OSZE im Falle eines Waffenstillstands zu tun gedenkt.» (15.1.2026). Bildquelle: EPA / MAX SLOVENCIK (Archiv).
Welche Themen stehen beim Cassis-Besuch in Moskau im Zentrum?
Der Ukraine-Krieg wird das Hauptthema sein. Aber Cassis sind die Hände gebunden. Die russischen Forderungen sind für die OSZE nicht hinnehmbar: Erst kürzlich hat der russische Aussenminister Sergei Lawrow gefordert, die Organisation müsse im Krieg die russische Linie übernehmen – also Moskau nicht länger kritisieren und stattdessen das «Kiewer Nazi-Regime» anprangern. Dialog ist grundsätzlich etwas Gutes, aber Russland will allem Anschein nach nicht reden, bis sein Kriegsziel – die Unterwerfung der Ukraine – erfüllt ist. Auf dieser Basis dürften die Schweiz und die OSZE nicht diskutieren wollen. Es wird sehr schwer sein, auf einen grünen Zweig zu kommen.
Ist Russland an einer Rolle der OSZE in einer möglichen Nachkriegszeit interessiert?
Das kommt darauf an, wie der Krieg endet. Jetzt, wo Russland noch weiterkämpfen will, ist die OSZE eigentlich nur ein Störfaktor. Sie bleibt bei gewissen Prinzipien, die mit Russlands Zielen nicht vereinbar sind. Moskau will die OSZE und die EU lieber aussen vor lassen und direkt mit den USA verhandeln, die für die russischen Forderungen viel empfänglicher sind. Aber wenn Russland eine Situation in der Ukraine erreicht, die dem Kreml passt, dann könnte die OSZE für Russland wieder nützlich werden. Bietet sich die OSZE an, um den neuen Status quo zu überwachen, könnte Russland dies nutzen, um diesen zu legitimieren.