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Schweizer UNO-Botschafterin Pascale Baeriswyl: «Trotz Blockaden gibt es Fortschritte»

Die UNO steht unter Druck wie nie zuvor. Ihre Finanzlage ist bedrohlich. Ihre Handlungsfähigkeit schwindet. Ihr Nutzen wird infrage gestellt. Trotz alledem lohne es sich, sich für die UNO und in der UNO zu engagieren, ist Pascale Baeriswyl überzeugt. Sie zieht Bilanz nach sechs Jahren als Schweizer Botschafterin am UNO-Hauptsitz in New York.

Pascale Baeriswyl

UNO-Botschafterin der Schweiz

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Pascale Baeriswyl wurde 1968 in Bern geboren. Die Juristin, Historikerin und Diplomatin war von 2016 bis 2019 Staatssekretärin im Aussendepartment EDA. Darauf wurde sie vom Bundesrat zur neuen Chefin der Ständigen Mission der Schweiz bei der UNO in New York ernannt.

SRF News: Wenn Sie an Ihre Jahre als Botschafterin zurückdenken – fallen Ihnen da Beispiele ein, wo die UNO konkret etwas Positives bewirkt hat?

Pascale Baeriswyl: Ja. Ich erinnere mich etwa an unsere Reise mit dem UNO-Sicherheitsrat in den Kongo, wo die UNO-Friedensoperationen auch in entlegenen Gebieten dafür gesorgt haben, dass Kinder sicher zur Schule gehen können oder die Ernte eingefahren wird. Inzwischen ist auch wissenschaftlich belegt, dass dort, wo Friedensoperationen stattfinden, die Bevölkerung besser geschützt ist.

Ich erlebe die UNO momentan als Ort, wo man gleichzeitig Blockaden hat und trotzdem Fortschritte erzielt.

Oder – ein zweites Beispiel: Als eine Polio-Epidemie im Gazastreifen auszubrechen drohte, konnten wir mit Druck der UNO eine Impfaktion anbieten. Unicef impft bis heute etwa 45 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren weltweit. Das sind drei Milliarden Impfdosen pro Jahr. Damit rettet sie jeden Tag Leben.

Wenn aber aktuell von der UNO die Rede ist, in den Medien, in der Politik, in der Öffentlichkeit, dann fallen Stichworte wie Ohnmacht, Blockade oder Krise. Ist das nun mal die UNO-Wirklichkeit im Jahr 2026?

Stillstand ist sicher ein Teil der Wirklichkeit. Aber ebenso Hektik, pausenloses Verhandeln, damit man doch noch irgendwie Kompromisse erreicht. Ich erlebe die UNO momentan als Ort, an dem man gleichzeitig Blockaden hat und trotzdem Fortschritte erzielt. Das ist kein Widerspruch, vielmehr der Spiegel einer immer komplexeren Welt. Die UNO steht in dieser Welt nicht abseits, sondern mittendrin.

Laut Mike Waltz, dem amerikanischen UNO-Botschafter, braucht die UNO massiven Druck aus Washington, damit sie sich reformiert. Hat er recht?

Die UNO steht im grössten Reformprozess ihrer Geschichte. Das ist auch gut so! Wir haben beim Budget bereits sieben Prozent gespart und 19 Prozent bei den Personalkosten. Jetzt sollten aber alle Mitgliedstaaten ihre finanziellen Beiträge leisten, damit die UNO diese Reformen umsetzen kann und handlungsfähig bleibt.

Entscheidend ist, dass Dialog nicht zum Selbstzweck wird, sondern zum Ausgangspunkt für konkretes Handeln.

Besteht nicht die Gefahr, dass die UNO auf ihre Funktion als Ort, an dem sich alle treffen und alle miteinander reden, reduziert wird, aber dass sie auch mangels Geld operativ immer weniger tun kann und die Entwicklung der Welt kaum noch beeinflusst?

Wenn sich Staats- und Regierungschefs aller Staaten in der UNO treffen, miteinander Lösungen für globale Probleme verhandeln und Kompromisse schliessen, gemeinsam mit der UNO-Führung, dann hat das automatisch einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Welt. Ich würde das nicht gering schätzen. Entscheidend ist, dass Dialog nicht zum Selbstzweck wird, sondern zum Ausgangspunkt für konkretes Handeln.

Frau am Rednerpult mit Schild 'Switzerland'.
Legende: «Es braucht politischen Willen und die Bereitschaft, echte Lösungen über kurzfristige nationale oder sogar persönliche Vorteile zu stellen», sagt die Schweizer UNO-Botschafterin. Keystone/Alessandro della Valle

Die Schweiz steht entschieden zur UNO. Sollte sie das noch dezidierter tun, auch mit dem Risiko, mitunter anzuecken?

Ich denke, die Schweiz steht dezidiert zur UNO, und zwar, weil es in unserem eigenen existenziellen, aber auch unserem Wohlstandsinteresse liegt. Und weil in der Verfassung festgeschrieben ist, dass wir diese Werte vertreten. Mehr könnte man immer tun. Aber kein Land der Welt hat keine Schwachstellen. Grundsätzlich wird unser Engagement, auch als Gaststaat in Genf, von den anderen Mitgliedsstaaten geschätzt und auch von der UNO bis zuoberst.

Das Gespräch führte Fredy Gsteiger.

Echo der Zeit, 26.03.2026, 18 Uhr ; 

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