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Schweden: Verurteilung wegen «unachtsamer Vergewaltigung»
Aus Rendez-vous vom 12.07.2019.
abspielen. Laufzeit 03:55 Minuten.
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Sex-Gesetz zeigt Wirkung «Vor dem Kopulieren sollte man mehr kommunizieren»

Das oberste Gericht Schwedens hat erstmals ein Urteil auf Grundlage des sogenannten Einwilligungsgesetzes gefällt. Es verurteilte einen 27-jährigen Mann unter anderem wegen sogenannter «unachtsamer Vergewaltigung» zu 27 Monaten Gefängnis. SRF- Nordeuropa-Mitarbeiter Bruno Kaufmann weiss, was das Urteil für Schweden bedeutet.

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann

Skandinavien-Korrespondent

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Bruno Kaufmann berichtet seit 1990 regelmässig für SRF über den Norden Europas, von Grönland bis Litauen. Zudem wirkt er als globaler Demokratiekorrespondent beim Internationalen Dienst der SRG, swissinfo.ch/directdemocracy, Link öffnet in einem neuen Fenster.

SRF News: Was muss man sich unter «unachtsamer Vergewaltigung» vorstellen?

Bruno Kaufmann: Nach schwedischem Gesetz handelt es sich dabei um einen sexuellen Kontakt, bei dem der eine Partner nicht ausdrücklich mitmachen möchte. Dies ist eine Ergänzung zum traditionellen Begriff der Vergewaltigung, der Gewaltanwendung, die Schutzlosigkeit des Opfers oder die Absicht des Täters voraussetzt. Eine «unachtsame Vergewaltigung» ist deshalb eine Art grobfahrlässige Vergewaltigung.

Welche Bedeutung hat dieses erste letztinstanzliche Urteil seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes vor einem Jahr für die schwedische Gesellschaft?

Das Urteil bestätigt die Veränderung der Haltung in der schwedischen Gesellschaft in den letzten Jahren. Die Toleranzschwelle für sexuelle Übergriffe wurde herabgesetzt. Dazu hat sicher auch die Me-Too-Bewegung einiges beigetragen. Und jetzt hat das oberste Gericht Schwedens mit dem Präzedenzurteil dieser Entwicklung Rechnung getragen.

Der aktivere Teilnehmer muss sich der Zustimmung des Partners oder der Partnerin versichern, bevor es zum Sex kommt.

Schweden hat als eines der ersten Länder Freier bestraft, um die Prostitution einzudämmen. Versucht das Land jetzt mit dem neuen Gesetz, potenzielle Opfer zu schützen – also quasi die Schwächeren?

Ja, das ist die eine Absicht. Das Einwilligungsgesetz ist aber auch ein nachdrücklich ausgedrückter Wunsch des gegenseitigen Respekts im sexuellen Umgang. Insbesondere wird der aktivere Teilnehmer dabei in die Pflicht genommen, sich der Zustimmung des Partners oder der Partnerin zu versichern, bevor es zum Sex kommt.

Vor allem ältere Schweden zeigen sich gegenüber dem Sex-Gesetz skeptisch.

Wie kommt das Urteil bei Politik und Bevölkerung an?

Sehr gut. Das Präzedenzurteil wurde durchwegs begrüsst. Es verstärkt den Trend der beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklung. Sieben von acht Parteien unterstützten das Gesetz bei der Abstimmung im Parlament vor einem Jahr und laut Umfragen stehen 70 bis 80 Prozent der Schwedinnen und Schweden dahinter. Dabei zeigen sich die älteren Schweden eher skeptisch, während die jüngeren dem Gesetz grösstenteils positiv gegenüberstehen.

Wie muss sich der schwedische Mann in Zukunft verhalten, damit er nicht am Morgen danach vor Gericht gezerrt wird?

In den allermeisten Fällen muss er sich nicht anders verhalten als bisher. Nur sehr wenige Fälle landen vor Gericht – so betrifft nur einer von zehn angezeigten Vergewaltigungsfällen den neuen Gesetzesartikel und den Straftatbestand der «unachtsamen Vergewaltigung». Als Botschaft an die Schweden kann aus den bisherigen Erfahrungen mit dem neuen Gesetz vielleicht festgehalten werden: Vor dem Kopulieren sollte man mehr kommunizieren.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

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32 Kommentare

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  • Kommentar von Annerieke Höck  (Anne Vd Linde)
    Am besten als Man vorher eine schriftliche Vereinbarung unterschreiben lassen......
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  • Kommentar von M. Kaiser  (Klarsicht)
    Wie irre ist denn so ein Gesetz ? Seit die Huren ihren Beruf nur erschwert ausüben dürfen und Freier bestraft werden - wundern sich die Prostitutionsbekämpfer, dass sich die Sexualität so manchen Mannes ein anderes Notventil sucht. Es ist wie mit dem Alkohol -wie mehr verboten desto heimlicher wird gesoffen . Gewalt gehört in allen Fällen der Art hart bestraft , da ist es wichtig ein klares scharfes Gesetz zu haben. Aber bitte nicht bis ins gemeinsame Bett hinein sinnlose Gesetze .
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  • Kommentar von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
    Die schwächere Seite zu schützen ist immer richtig. Aber hier fragt man sich schon, auf der Basis von welchen Beweisen und Indizien ein Urteil möglich sein soll. Es besteht die Gefahr, dass die Rechtssprechung zur reinen Beurteilung der Rhetorik verkommt. Dennoch: Für einige Kommentare unten und das Klickverhältnis schämt man sich als Mann. Da geht es zum Teil ganz offensichtlich nicht um juristische Argumente, sondern um etwas anderes, in der Richtung dessen, was Frau Wehrle (13:20) sagt...
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