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Sniper-Tourismus in Sarajevo Mailänder Justiz ermittelt gegen mutmasslichen Kriegstouristen

  • Kriegstouristen aus Italien sollen im Bosnienkrieg in den 90er-Jahren Geld bezahlt haben, um in Sarajevo zum Spass auf Zivilisten schiessen zu dürfen.
  • Nun hat die Mailänder Staatsanwaltschaft einen ersten Verdächtigen vorgeladen.
  • Der 80-jährige Beschuldigte wollte sich nach der einstündigen Befragung durch die Staatsanwaltschaft nicht äussern.

Laut Zeugenaussagen soll sich der Mann öffentlich damit gebrüstet haben, in Sarajevo auf Menschenjagd gegangen zu sein.

Das Kriegsverbrechen im Bosnienkrieg

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Der Bosnienkrieg dauerte von 1992 bis 1995. Damals erklärten Bosnien und Herzegowina ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien. Vor allem viele Serben lehnten diesen Schritt ab. Der Konflikt eskalierte zu einem brutalen Krieg mit Massakern, Vertreibungen und schweren Kriegsverbrechen.

Besonders schlimm traf es die Hauptstadt Sarajevo, die von zentraler Bedeutung war. In der Stadt lebten verschiedene Ethnien und Religionen friedlich zusammen. Die serbischen Belagerer wollten dieses Nebeneinander auslöschen und belagerten jahrelang die Stadt. Von den umliegenden Hügeln aus schossen sie auf die Bevölkerung. Über 10'000 Menschen starben, mehr als 50'000 wurden verletzt.

Unter den Schützen waren offenbar auch reiche Ausländer, die viel Geld bezahlt haben, um zum Spass auf wehrlose Opfer zu schiessen. Dies hat ein italienischer Investigativautor aufgedeckt. Die Recherche stützt sich auf mehrere Zeugenaussagen und frühere Dokumentationen.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm mehrfachen vorsätzlichen Mord aus niederen Beweggründen vor. Er soll während der Belagerung der bosnischen Hauptstadt zwischen 1992 und 1995 gemeinsam mit anderen aus den umliegenden Hügeln mit Scharfschützengewehren auf unbewaffnete Zivilisten geschossen haben.

Menschen ducken sich neben einem Fahrzeug auf der Strasse.
Legende: Sarajevo, April 1992. Zivilisten und bosnische Soldaten gehen in Deckung, als sie von serbischen Heckenschützen beschossen werden. KEYSTONE / MIKE PERSSON

Nach der Befragung sagte sein Anwalt Giovanni Menegon: «Mein Mandant hat die Fragen des Staatsanwalts beantwortet und seine absolute Unschuld bekräftigt.» Sein Mandant vertraue darauf, dass die Justiz, jenseits des derzeitigen Medienrummels, seine Unschuld in dieser Angelegenheit überprüfen und bestätigen werde.

Für den Mann gilt derzeit die Unschuldsvermutung. Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt gegen weitere Tatverdächtige.

SRF-Korrespondent: «Verlangen nach Gerechtigkeit ist riesig»

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Franco Battel schätzt die erste Befragung eines Kriegstouristen aus Italien ein: «Dass die Mailänder Staatsanwaltschaft einen ersten Verdächtigen identifizieren konnte, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn 30 Jahre nach den vermuteten «Sarajevo-Safaris» sind viele Zeugen oder Täter bereits verstorben. Die erste Einvernahme zeigt, dass Italiens Justiz trotz dieser schwierigen Umstände einen ersten Schritt weitergekommen ist.

Der gestern befragte Verdächtige ist ein 80-jähriger Rechtsextremer aus Norditalien. Er soll sich in der Vergangenheit damit gebrüstet haben, im Bosnienkrieg der 1980er-Jahre auf Zivilisten geschossen zu haben – aus purem Zeitvertreib. Gestern wies der Verdächtige allerdings alle Schuld weit von sich.

Der Vorwurf ist monströs. Und das Verlangen der Überlebenden nach Aufklärung und Gerechtigkeit ist riesig. Doch der Weg von einer ersten Einvernahme bis zu einer Anklage oder gar Verurteilung ist lang. Ob sich so viele Jahre nach der Tat noch Klarheit schaffen lässt, bleibt weiter fraglich.»

Tagesschau kompakt, 11.2.2026, 12:45 Uhr ; 

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