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Spanien als rettender Hafen Die Angst vor dem Kollaps

Wird Spanien zum neuen Hotspot für Migranten? In der öffentlichen Debatte vermischen sich Fakten und Fantasien. Eine Lagebeurteilung.

Legende: Audio Migration: Spanien kommt ans Limit abspielen. Laufzeit 03:58 Minuten.
03:58 min, aus Rendez-vous vom 30.07.2018.

Das Wort Notstand hört er nicht gern. José Ignacio Landaluce Calleja bemüht sich um einen souveränen, einen staatsmännischen Auftritt. Er ist Bürgermeister von Algeciras und Senator in Madrid, ein Konservativer. In seiner Stadt sind Tausende Migranten angekommen. Der Bürgermeister geht hin und redet mit ihnen.

Dutzende Menschen auf einem spanischen Rettungsboot
Legende: Die spanischen Seerettungsdienste retten täglich Menschen, die auf kleinen Booten unterwegs waren. Keystone

«Sie alle haben Tausende Nöte, Tausende Schwierigkeiten, Tausende Wegstrecken voller Hindernisse und Gefahren durchgestanden, sie haben körperlich und seelisch einen sehr anstrengenden Weg hinter sich. Darum sind sie zuerst einmal glücklich, hier anzukommen», sagt Landaluce Calleja. Die Leute seien in guter Verfassung und froh, den Boden erreicht zu haben, von dem sie lange geträumt hatten.

«Keinen Tag können wir warten»

Die Stadt sei überfordert, hört man, liest man auch in den spanischen Medien. Landaluce sagt es nicht so, er tönt an, er formuliert indirekt. Jetzt, sagt er, müssten alle handeln. Die Regierung müsse das Problem anpacken, Brüssel müsse helfen. Auch Marokko müsse helfen, um die Migrantenströme zu unterbinden.

Das neue Ziel: Spanien

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Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ist Spanien das neue Hauptziel afrikanischer Migranten. Die Zahl übertrifft mittlerweile die Ankünfte in Italien und Griechenland. Am vergangenen Wochenende hat die spanische Seenotrettung weit über tausend Flüchtlinge gerettet.

Allerdings hat die Gesamtzahl von Flüchtlingen, die über das Meer nach Europa kommen, drastisch abgenommen. Waren es laut IOM von Januar bis Juli 2017 rund 114'000 gewesen, so waren es 2018 im gleichen Zeitraum nur noch knapp 52'000.

(sda)

Migration der südlichen EU-Länder im Vergleich

«Und wir müssen schnell ein Zentrum eröffnen, das die vielen Menschen aufnehmen kann.» Zur Diskussion steht ein alter Teil des Hafens, mit leeren Lagerhallen. «Wir können nicht warten», sagt Landaluce, der Bürgermeister. «Keinen Tag können wir warten.»

Freiwillige Helfer des Roten Kreuzes leisten den Ankömmlingen Erste Hilfe.
Legende: Freiwillige Helfer des Roten Kreuzes leisten wenn nötig den Ankömmlingen Erste Hilfe. Keystone

Das klingt schon dringlich, aber gegenüber einer konservativen Madrider Zeitung ist er noch deutlicher geworden und hat seine Stadt das neue Lampedusa genannt. Diese Affiche ist dramatisch. «Ja, das stimmt», sagt Landaluce Calleja, «das habe ich gesagt, weil wir es mit einem grossen humanitären Problem zu tun haben.» Er betont auch, die Schleppermafia habe die Mittelmeerrouten nach Westen verlegt.

Die Suche nach Lösungen

Übersetzt heisst das: Spanien hat mehr zu gewärtigen. Wir sind erst in der Mitte des Jahres. Innenminister Fernando Grande-Marlaska weiss das, behauptet aber, zu Besuch im Süden, die Lage sei unter Kontrolle. Hilfswerke widersprechen vehement und reden vom Kollaps des ganzen Systems.

ein Polizist der Guarda Civil spielt mit Kind.
Legende: Auch das gehört zum Alltag: ein Polizist der Guarda Civil spielt mit einem der gestrandeten Kinder. Keystone

Der sozialistische Minister, seit zwei Monaten im Amt, zeigt auf seine Vorgänger: «Es fehlte etwas an Voraussicht», sagt Grande-Marlaska. «Die letzte Regierung hätte Ende 2017 schon erkennen können, wie die Migration sich entwickelt. Wir hatten damals schon Rekordzahlen. Dass die weiter steigen würden, war zumindest denkbar», sagt der Minister. Die Zahlen geben ihm Recht.

Migranten steigen in einen Bus
Legende: Nach der ersten Versorgung werden die Migranten in sogenannte Koordinationszentren gebracht. Reuters

Der neue konservative Parteichef Pablo Casado kontert mit Äusserungen, denen genau diese Grundlage fehlt. Spanien brauche jetzt eine Partei, die den Leuten die Wahrheit sage, auch wenn sie politisch unkorrekt klinge. Spanien könne nicht alle Migranten akzeptieren. «Spanien kann unmöglich Millionen von Afrikanern aufnehmen, die nach Europa kommen und hier ein besseres Leben führen wollen», sagt Casado.

Bisher redet man von 24'000 Migranten in diesem Jahr. So sehen die Fakten aus. Ob sich in der öffentlichen Debatte Spaniens Fakten oder Fantasien besser halten, weiss derzeit noch niemand.

Legende: Video Immer mehr Flüchtlinge landen in Spanien. abspielen. Laufzeit 02:19 Minuten.
Aus Tagesschau Spätausgabe Wochenende vom 28.07.2018.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Die Angst ist dort, wo der Weg durchgeht. Und der Weg heisst, Bewachung der Aussengrenzen. Rettung der Migranten und sofortige Rückführung nach Marokko.
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    1. Antwort von Edi Steinlin (Chäsli)
      Rückführung wird der einzige Weg sein, aber bis das unsere Politiker/innen einsehen, haben wir noch einige Millionen mehr hier.
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Es gibt keine Rechtsgrundlage Menschen, die nicht Marokkaner sind nach Marokko zurück zu bringen. Das würde in keinem Europäischen Land geduldet.
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    3. Antwort von Tobias Weiss (Weiss)
      Ach, es soll illegal sein Menschen in ein Land zu schicken, das nicht Ihr Herkunftsstaat ist. Gut dann ist diese Verteilung, die Aufnahme in Europa also illegal? Selbstverständlich die Boote welche ein Staat ansteuern auch. Sehr interessant. Das ist natürlich Unsinn. Natürlich kann man bei Notwendigkeit zurückschicken.
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    4. Antwort von Tobias Weiss (Weiss)
      Frau Wüstner, Edi Steinli. Ich würde Ihnen gerne einen Dank für Ihre einwandfrei guten und korrekten Beitragskommentare zukommen lassen. Auch zur Eindämmung von Gruppen welche als Schlepper agieren.
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  • Kommentar von Margot Helmers (Margot Helmers)
    Bevölkerung Afrika 1950 / 230 Millionen Menschen, heute 2,126 Milliarden, 2050 ca. 2,4 Milliarden. Clemens Fuest, der neue Präsident des Münchner IFO-Instituts in Deutschland und Österreich, sieht ein Problem in der direkten Einwanderung in den Sozialstaat. Wenn man die Sozialstaaten in Europa bewahren wolle, sei das mit freier Migration auf Dauer unvereinbar: "IFO-Chef fordert Ehrlichkeit in Flüchtlingsdebatte: Sozialstaat mit freier Migration auf Dauer unvereinbar"
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    1. Antwort von Rolf Künzi (Unbestimmt)
      Heute sind wir bei rund 1,3 Milliarden allerdings haben Sie recht das eine Verdopplung bis 2050 wahrscheinlich ist.
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    2. Antwort von Rolf Künzi (Unbestimmt)
      Der Sozialstaat in Europa und der Schweiz belastet sich vorallem selbst. Es ist aber so das eine Bodenerosion in der Sahelzone und darüber hinaus,gepaart mit dieser extremen Demografieverhatlnissen, an jungen Menschen sozialer Sprengstoff sind.
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    3. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      Afrika hat heute die jüngste Bevölkerung weltweit mit einem Durchschnittsalter von 19,5 Jahren. Es gibt einen Bericht zu sehr erfolgreichen und auch noch günstigen Wideraufforstung: "Der Waldmacher". Habe den Bericht schon mehreren CH Politikern gesendet und die haben sich über den "interessanten" Artikel bedankt. Passiert ist bisher nichts. Ich hoffe irgendwann mal, dass die Entwicklungshilfa darauf ausgerichtet wird.
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