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«Eine Million Demonstranten sind möglich»
Aus SRF 4 News aktuell vom 17.12.2019.
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Streik in Frankreich «Je mehr Leute auf der Strasse, desto grösser der Druck»

In Frankreich liegt der öffentliche Verkehr seit bald zwei Wochen praktisch lahm. An diesem Dienstag rufen erstmals ausnahmslos alle Gewerkschaften zum Protesttag gegen die geplante Rentenreform auf – landesweit. Gelingt es ihnen, eine Million Menschen zu mobilisieren, steht Emmanuel Macrons Regierung unter Zugzwang, wie SRF-Korrespondent Daniel Voll schätzt.

Daniel Voll

Daniel Voll

Korrespondent für Frankreich und Maghreb, SRF

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Daniel Voll arbeitete zunächst als Wirtschaftsredaktor, EU-Korrespondent und Auslandredaktor für SRF. Seit 2012 Reisekorrespondent für den Maghreb, seit Sommer 2018 Frankreichkorrespondent für Radio SRF in Paris.

SRF News: Alle Gewerkschaften rufen zum Protest auf. Was passiert nun?

Daniel Voll: Es wird nicht wie seit beinahe zwei Wochen nur der öffentliche Verkehr praktisch stillstehen. Streiken will auch das Personal in den öffentlichen Spitälern. Auch in vielen Schulen fällt der Unterricht aus. Und streiken wollen aber auch Anwälte und Gerichtsangestellte. Denn auch sie lehnen die Rentenreform ab, weil sie ihnen höhere Prämien und gleichzeitig tiefere Leistungen bringen wird.

Vor allem wollen aber die Gewerkschaften bis zu einer Million Demonstranten mobilisieren. Das ist mehr als in den beiden ersten Demonstrationstagen in der letzten und vorletzten Woche. Dies wäre möglich, weil erstmals auch die grösste Gewerkschaft, die CFDT, mitmacht.

Die CFDT ist eine gemässigte Gewerkschaft. Was hat sie dazu bewegt?

Sie reagiert auf die Pläne, die Regierungschef Edouard Philippe letzten Mittwoch vorgestellt hat. Sie ist gegen eine allgemeine Erhöhung des Rentenalters auf 64 Jahre. Mit dem Umbau des Rentensystems – der Abschaffung der unterschiedlichen Branchenlösungen – hätte die CFDT dagegen kein Problem. Sie fordert selber schon seit Jahren eine Vereinheitlichung. Aber sie hat ganz andere Vorstellungen als radikalere Gewerkschaften wie die CGT, die die Rentenpläne grundsätzlich ablehnt.

Man ruft zum Protest auf, nicht zum Streik. Warum diese Unterscheidung?

Weil es nicht dasselbe ist. Gestreikt wird vor allem im öffentlichen Verkehr. Das ist ein Sektor, der sehr gut organisiert ist, mit dem man relativ einfach ein ganzes System lahmlegen kann, mit Auswirkungen für das ganze Land. Die Leute leiden zum Teil sehr stark darunter, haben stundenlange Arbeitswege. Aber es sind auch andere die Branchen unzufrieden. Mit der Protestaktion können die Gewerkschaften zeigen, dass ihre Unterstützung gross ist.

Wie stark kommt Macrons Regierung mit ihrer Rentenreform unter Druck?

Je mehr Leute auf die Strasse gehen, desto grösser wird der Druck auf die Regierung. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass alle fünf grossen Gewerkschaften vereint demonstrieren. Über eine Million Menschen zu mobilisieren, ist ihnen seit Jahren nicht mehr gelungen. Schaffen sie es, dann haben ihre Forderungen bei den Gesprächen mit der Regierung mehr Gewicht.

Nach bald zwei Wochen Stillstand liegen die Nerven bei vielen Menschen blank.

Dann muss sich die Regierung tatsächlich überlegen, ob sie den Protestierenden entgegenkommt. Zum Beispiel könnte sie auf die Erhöhung des Rentenalters verzichten und sich auf den Systemumbau beschränken. Damit hätte sie zumindest die grösste Gewerkschaft an Bord und würde Flexibilität signalisieren.

Das ist im Kampf um die öffentliche Meinung auch nicht ganz unwichtig, denn im Moment haben die Streikenden noch eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Aber nach bald zwei Wochen Stillstand liegen die Nerven bei vielen Menschen blank. Wenn der Streik über die Festtage andauert, könnte die öffentliche Meinung sehr rasch kippen.

Das Gespräch führte Susanne Stöckl.

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Barbara Jermann  (BarbaraJ)
    Also ich bin dann einfach immer wieder etwas erstaunt über Aussagen von Franzosen, die finden wir sind in der Schweiz so verdammt reich und könnten uns alles leisten, so wie wir das immer wieder mal zu hören bekommen hier in der Romandie....
    Frankreich hat die 35 Stunden Woche, 33 Freitage pro Jahr und Rente ab 62....
    Man vergleiche und staune ;)
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  • Kommentar von Claudia Beutler  (Claudia)
    Hatten die Franzosen Macron nicht extra gewählt, weil sie Reformen wollten. Nun stricken sie gegen die Reformen weil sie ihnen nicht gefallen. Ein bischen "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass". Ich muss zugeben ich habe wenig Verständnis für die Anliegen der Streikenden.
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    1. Antwort von antigone kunz  (antigonekunz)
      Wie weit sind die Anliegen der Streikenden bekannt ausser das was da durch die Hofpresse propagiert wird, Frau Beutler?
      Würde uns die AHV gekürzt zu Gunsten 'individueller' kapitalgebundenen Rentenfonds-Lösungen, würden im Namen Sonderregelungen abzuschaffen im gleichen Atemzug, Sonderregelungen angekündigt, was würden wir tun? Wie glaubhaft wäre da eine Regierung, die zudem Zeit hatte und nicht bis kurz vor Weihnachten hätte zuwarten müssen, um endlich ihre Wunderrentenreform offen zu legen?
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    2. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Bis jetzt ist ja noch garnicht viel von der Reform bekannt. Also die Streikenden streiken auch ohne genau zu Wissen was sich ändert. Sicher ist das sie länger Arbeiten müssen, wobei meines Erachtens bis 62 arbeiten auch noch nett ist. Natürlich streikt man, wenn einem etwas weggenommen wird. Aber für alle die in der freien Wirtschaft wird es wohl besser. Außerdem welcher Staat kann sich bei steigender Lebenserwartung leisten schon mit 54 oder 56 seine Leute in Rente zuschicken
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    3. Antwort von antigone kunz  (antigonekunz)
      Es geht darum, Frau Beutler, dass diese Rente die kommenden Generationen massenweise in die Altersarmut treiben würde. UND nur wer vermag, sich mit Renten-Fonds das Alter absichern könnte. UND auch, dass 80% der Frauen, die erforderten Arbeitsjahre, um eine Minimalrente von 1000€ zu erhalten nicht erreichen werden. Oder wie es François Fillon mal gesagt hat, die Renten zu kürzen und die Leute länger arbeiten zu lassen.
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  • Kommentar von Eva Werle  (Eva Werle)
    ja, mit einer vereinheitlichung der systeme wären die meisten wohl einverstanden. aber massive kürzungen trotz höherer prämien und längerer arbeitszeit? das würde auch hier niemand akzeptieren. auf den franzosen lässt sich leicht rumhacken so lange der eigene geldbeutel nicht geschrumpft wird. die renten in der schweiz sind wesentlich besser als in europa. und trotzdem können viele hier schon nicht mehr ohne el leben. aber französische rentnern wünscht man die altersarmut an den hals. bravo!
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    1. Antwort von antigone kunz  (antigonekunz)
      Frau Werle, die aktuelle Rentenreform, würde keine Vereinheitlichung ergeben. Denn einzelnen Grupppen wie die Polizei erhalten Sonderregelungen. Zudem käme es jedes Jahr zu einem eigenen Regime, denn jedes Jahr muss die Rentenhöhe neu bstimmt werden. Es geht ja darum wieviele vom gleichen Jahrgang sich die Rente zu teilen haben. Zudem die Minimalrente erhält nur wer die vollen Jahre hat. Also da wird's dann nichts mit der Besserstellung der prekarisierten Frauen.
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