Der Konflikt: Der Streik bei der Lufthansa, einer der grössten Fluggesellschaften Europas, kommt wenig überraschend. Die Lufthansa steht bei ihrer Kernmarke unter wirtschaftlichem Druck und verlagert Flüge zunehmend zu günstigeren Tochtergesellschaften. Das sorgt beim Personal für Unmut. Gewerkschaften nutzen Vertragsverhandlungen, um höhere Löhne für Kabinenpersonal und eine bessere Altersvorsorge für Piloten zu fordern.
Die Dynamik: Der Arbeitskampf verläuft gestaffelt: Erst streikten Pilotinnen und Piloten, danach folgten Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter, und ab morgen bis Freitagmitternacht legen erneut die Piloten die Arbeit nieder, wie die Vereinigung Cockpit (VC) bekannt gegeben hat. Betroffen sind die Lufthansa und ihre Töchter CityLine und Eurowings, letztere jedoch nur am Donnerstag.
Streikwelle bei der Lufthansa
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Bild 1 von 5. Am Flughafen in Frankfurt wurden zahlreiche Flüge gestrichen. Bildquelle: Keystone/CHRISTOPHER NEUNDORF.
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Bild 2 von 5. Passagierinnen und Passagiere müssen geduldig sein. Bildquelle: KEYSTONE/Ronald Wittek.
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Bild 3 von 5. Betroffen sind nebst dem Flughafen in Berlin auch jene in München, Frankfurt, Leipzig/Halle und Stuttgart. Bildquelle: REUTERS/Annegret Hilse.
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Bild 4 von 5. Die Mitglieder der Kabinengewerkschaft UFO streiken. Bildquelle: KEYSTONE/Anna Szilagyi.
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Bild 5 von 5. Zahlreiche Lufthansa- und Eurowings-Flüge in und aus der Schweiz fallen aus. Bildquelle: REUTERS/Heiko Becker.
Weitere Aktionen sind möglich, eine rasche Einigung scheint bisher nicht in Sicht. Zwar zeigen sich beide Seiten grundsätzlich offen für ein Schlichtungsverfahren, doch Details dazu sind noch ungeklärt.
Die Folgen: Für die Fluggäste bedeutet der Streik Flugausfälle und Verspätungen. Laut dem Flughafenverband ADV sind Hunderttausende Reisende betroffen, denen der Streik vor allem Unannehmlichkeiten bringt.
Für die Lufthansa bringt der Streik erhebliche finanzielle Einbussen in Millionenhöhe. Der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) schreibt in einer Medienmitteilung, die Streiktiraden würden der Tourismuswirtschaft «Schaden in Millionenhöhe» verursachen, «ganz zu schweigen vom Imageschaden für den Standort Deutschland in der Welt». Indirekt betroffen sind auch Lufthansa-Töchter wie die Swiss, die versuchen, Ausfälle der Muttergesellschaft durch grössere Flugzeuge zu kompensieren. Auch bei Swiss stehen in nächster Zeit Tarifverhandlungen an, wobei hier beide Seiten auf Verhandlungen setzen.
Die Wirkung: In der Luftfahrt sind Streiks besonders wirksam – zumindest kurzfristig. Sie setzen Unternehmen stark unter Druck, da im Gegensatz zu anderen Branchen, in denen Produktionsausfälle durch Lagerbestände ausgeglichen werden können, schon wenige Streikende den Flugbetrieb lahmlegen können, da Pilotinnen oder Techniker nicht auf die Schnelle ersetzt werden können. Langfristig sind Streiks nur mässig wirksam, da Unternehmen mit Sparprogrammen reagieren oder Geschäftsbereiche aus- oder umlagern können.
Das Jubiläum: Während Teile der Belegschaft streiken, feiert die Lufthansa am Mittwoch ihr 100-jähriges Bestehen. Zur Feier werden auch Bundeskanzler Friedrich Merz und Verkehrsminister Patrick Schnieder erwartet.
Gegründet wurde die Fluggesellschaft am 6. Januar 1926 (damals noch «Luft Hansa» geschrieben), die ersten Flüge fanden im April statt. Ab 1933 wurde die Airline Teil des NS-Regimes, profitierte von staatlicher Förderung, war in die Aufrüstung eingebunden und setzte im Zweiten Weltkrieg Tausende Zwangsarbeiter ein. Nach Kriegsende wurde die Fluggesellschaft aufgelöst. 1955 nahm die neu gegründete «Deutsche Lufthansa AG» den Flugbetrieb wieder auf. Lange blendete das Unternehmen seine frühe Geschichte aus und feierte 2005 gar ihr 50-jähriges Bestehen, also den Neuanfang nach dem Krieg. Heute bekennt sich die Lufthansa zu ihrer gesamten Vergangenheit – auch wenn vielen Mitarbeitenden derzeit wohl nicht nach Feiern zumute sein dürfte.