Im südostasiatischen Land Malaysia hat ein Gericht die eigene Regierung angewiesen, 172 Uhren der Schweizer Marke Swatch zurückzugeben. Diese Armbanduhren hatten die Behörden letztes Jahr anlässlich von Razzien in Swatch-Geschäften beschlagnahmt. Der Grund: Die Uhren sind regenbogenfarbig, enthalten also LGBT-Elemente. Homosexualität ist in Malaysia aber illegal und kann mit bis zu 20 Jahren Gefängnis bestraft werden. Südostasienkorrespondentin Christiane Justus darüber, ob der Urteilsspruch gesellschaftliche und politische Änderung anstossen wird.
SRF: Swatch hat sich juristisch gegen die Beschlagnahmungen gewehrt. Erkämpft da eine Schweizer Uhrenfirma mehr Rechte für queere Menschen in Malaysia? Oder geht es nur ums Geschäft?
Christiane Justus: Swatch selbst argumentierte rein wirtschaftlich, dass der Ruf des Unternehmens beschädigt worden sei und das Geschäft nach den Beschlagnahmungen gelitten habe. Aber die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Denn Swatch geht es um mehr, speziell in Malaysia. Das Unternehmen spricht sich ja in seiner Werbung offen für Diversität aus. Aber natürlich spielen auch Marketingzwecke eine Rolle, indem die Firma ganz gezielt eine Community anspricht, und zwar weltweit.
Die Community hält sich im Moment mit Reaktionen noch zurück.
Wie steht es ganz allgemein um die LGBT-Community in Malaysia?
Homosexuelle Handlungen sind in Malaysia sowohl nach weltlichem, als auch nach religiösem Recht illegal. Sie werden mit körperlicher Züchtigung geahndet – zum Beispiel durch Stockhiebe. Menschenrechtsgruppen warnen vor einer wachsenden Intoleranz in Malaysia. Ein Beispiel, das die Stimmung im Land widerspiegelt: Im vergangenen Jahr hat die Regierung ein Musikfestival in der Hauptstadt Kuala Lumpur unterbrochen, nachdem der Frontmann einer britischen Band auf der Bühne seinen männlichen Kollegen geküsst hatte. Das heisst, es geht hier wirklich um symbolische Zeichen, aber eben auch wirklich um Diskriminierung innerhalb der Gesellschaft.
Gibt es Reaktionen aus der Community auf dieses Gerichtsurteil?
Es ist gefährlich als homosexuelle Person in Malaysia – und das spüren wir auch, wenn wir zu dem Thema recherchieren. Dann treffen wir auf teilweise verängstigte Menschen. Und deshalb hält sich die Community im Moment noch zurück mit Reaktionen auf das Gerichtsurteil. Aber es gibt eine Schwulenrechtsgruppe in Malaysia, die sich zuvor öffentlich über das Verbot, die Uhren mit der Pride-Flagge zu tragen, geäussert hatte.
Und wie reagiert die Bevölkerung in Malaysia allgemein?
Bisher handelt es sich ja nur um die Rückgabe der 172 beschlagnahmten Uhren an Swatch. Und zwar mit der Begründung des Gerichts, die Beschlagnahmung sei zu diesem Zeitpunkt illegal gewesen. Das Gesetz nämlich, das den Verkauf der Uhren verbietet, wurde erst nach der Beschlagnahmung erlassen. Aber jetzt gilt das Gesetz. Deshalb dürfen die Uhren in Malaysia auch nicht verkauft werden.
Diskriminierung und Stigmatisierung werden nicht weniger werden.
Das heisst: Konservative religiöse Führer haben in Malaysia weiterhin erhebliche politische und kulturelle Macht und verurteilen homosexuelle Personen oft öffentlich als unislamisch und unmoralisch. Das trägt auch weiterhin zu einer negativen Sicht auf gleichgeschlechtliche Beziehungen bei, vor allem unter Muslimen. Durch dieses Urteil wird Diskriminierung und Stigmatisierung also nicht weniger werden.
Das Gespräch führte Dominik Rolli.