Ein Tauchunfall auf den Malediven sorgt für Schlagzeilen. Auf dem dortigen Vaavu-Atoll sind fünf Taucher und Taucherinnen aus Italien bei einem Höhlentauchgang ums Leben gekommen. Auch ein Retter starb. Da stellt sich die Frage: Wie gefährlich ist Höhlentauchen? Antworten hat der Experte Beat Müller.
SRF News: Wie unterscheidet sich Freiwassertauchen vom Höhlentauchen?
Beat Müller: Beim Freiwassertauchen kann man grundsätzlich jederzeit an die Oberfläche gelangen und damit an die Luft. In einer Höhle geht das nicht. Man spricht da auch von «Overhead Environment» – man hat also immer quasi ein Dach über dem Kopf. Das heisst: Was immer passiert, man muss das Problem dort lösen, wo man sich befindet, und dann zum Höhleneingang zurückkehren. Freiwassertaucher denken vertikal: Sie tauchen auf eine bestimmte Tiefe und dann wieder auf. Beim Tauchen in der Höhle muss man horizontal denken.
Braucht es also eine andere Ausbildung fürs Höhlentauchen?
So ist es. Besonders was die Ausrüstung anbelangt, gibt es spezielle Regeln: Alles lebenswichtige Equipment muss doppelt oder sogar dreifach mitgeführt werden beim Höhlentauchen.
Beim Tauchen gibt es durchaus Risiken – aber Risiken werden erst zur Gefahr, wenn man sich nicht adäquat verhält.
Wie gefährlich ist Höhlentauchen?
Jede menschliche Aktivität beinhaltet gewisse Risiken. Doch man kann sagen, dass Tauchen und auch Höhlentauchen grundsätzlich relativ sichere Sportarten sind. Ich selber tauche seit über 30 Jahren – und bin immer noch am Leben. Aber klar: Es gibt gewisse Risiken. Wenn man diese aber kennt, sich entsprechend ausbilden lässt und handelt, die nötige Ausrüstung beherrscht und die Vorsichtsmassnahmen einhält, ist das Tauchen relativ sicher. Klar, es gibt Risiken – aber Risiken werden erst zur Gefahr, wenn man sich nicht adäquat verhält.
Was sind die grössten Risiken beim Höhlentauchen?
In einer Höhle muss man deren Verlauf entlang tauchen, vielleicht muss man sogar an einer Stelle austauchen, weil es eine Trockenstrecke hat. Es kann auch sein, dass man zwischendurch auf grosse Tiefen abtauchen muss. Diesen Zwang, einem bestimmten Weg zu folgen, hat man beim Freiwassertauchen nicht.
Wenn man in der Höhle die Orientierung verliert kann das fatale Folgen haben.
Auch kann in einer Höhle die Distanz zum rettenden Ein- und Ausgang gross sein, ausserdem kann es eng werden beim Durchtauchen einer Höhle. Man kommt also möglicherweise nur langsam voran, was einen Einfluss auf den Luftverbrauch hat. Oder es wird Dreck aufgewirbelt und man kann kaum mehr etwas sehen. Oder die Führungsleine reisst und man verliert die Orientierung in der Höhle. Letzteres kann fatale Folgen haben.
Was könnte beim Höhlentauchgang auf den Malediven schiefgegangen sein?
Zu der Tragödie liegen derzeit nur wenige Fakten vor. Gesichert ist: Bei der Unglückshöhle handelt es sich um eine Korallenhöhle, deren Eingang in einer Tiefe von 55 bis 58 Metern liegt. Eine der ersten Hallen liegt in rund 60 Meter Tiefe, eine zweite auf 70 Meter. Ein dritter, grösserer Raum liegt sogar in 80 Metern Tiefe. In solchen Tiefen sollt man mit offenen Systemen, wie man sie vom Freizeittauchen kennt, nicht tauchen.
Ich kenne niemanden, der jemals auf den Malediven zum Höhlentauchen war.
Sicher hätte man also mindestens mit sogenannten Kreislaufgeräten tauchen sollen, mit einem für solche Tiefen nötigen Atemgas-Gemisch. Ob die verunglückten Taucher entsprechend ausgerüstet waren, ist nicht bekannt. Die Malediven sind sowieso nicht fürs Höhlentauchen bekannt. Ich jedenfalls kenne niemanden, der dort jemals zum Höhlentauchen war. Hinzu kommt, dass es auf den Malediven eigentlich gesetzlich verboten ist, tiefer als 30 Meter zu tauchen. In dieser Höhle hat eigentlich also niemand etwas zu suchen.
Das Gespräch führte Martina Koch.