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Frauen im Dienste des IS
Aus Echo der Zeit vom 28.09.2020.
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Terrorismus in Südostasien Frauen im Dienste des «Islamischen Staates»

Die radikalen Ideen des IS motivieren zunehmend südostasiatische Frauen, Terroranschläge zu verüben. Die Behörden tun sich schwer, etwas dagegen zu unternehmen.

Ende August explodierten in Jolo, im Süden der Philippinen, zwei Bomben. 14 Personen starben, über 70 wurden verletzt. Verübt wurde der Anschlag von zwei Selbstmordattentäterinnen, die dem IS nahestanden. Es war der vierte Selbstmordanschlag in Südostasien, der von Frauen durchgeführt wurde. Frauen spielen Expertinnen zufolge eine immer aktivere Rolle in den Terrornetzwerken in Südostasien.

Ich will nicht, dass mein Mann alleine geht. Wenn sich ihm der Tod nähert, muss ich da sein.
Autor: Ummu SabrinaIS-Anhängerin aus Indonesien

So wie Ummu Sabrina: Die indonesische Mutter war, was man heute eine Influencerin nennen würde. Vor fünf Jahren begann sie, auf Facebook ihren Reise-Blog zu veröffentlichen. Es war nicht irgendeine Reise, die sie beschrieb – Ummu Sabrinas Reise führte nach Syrien zum «Islamischen Staat».

Ihr Mann habe in den heiligen Krieg ziehen und sich der Terrormiliz anschliessen wollen, schrieb Ummu Sabrina. «Ich will nicht, dass mein Mann alleine geht. Wenn sich ihm der Tod nähert, muss ich da sein. Deshalb hab ich zu ihm gesagt: Ich und die Kinder kommen mit.» Ihr jüngster Sohn war damals noch nicht einmal ein Jahr alt.

Ummu Sabrinas Blog wurde ein Hit. Vielfach kopiert und weiterverbreitet, findet man ihn noch heute auf Webseiten neben Propaganda-Videos des IS. Die junge Indonesierin postete Fotos ihrer Wohnung, die sie vom IS gratis erhalten habe, und gab Tipps für die Reise nach Syrien.

Ummu Sabrinas Erzählungen hätten unzählige indonesische Frauen inspiriert, sagt Irine Hiraswari Gayatri. Sie hat sich als Analystin im Zentrum für politische Studien am indonesischen Regierungsinstitut für Wissenschaften viele Jahre mit dem Thema Terrorismus beschäftigt. Der IS habe massgeblich dazu beigetragen, dass Frauen in den vergangenen Jahren immer aktivere Rollen im Terrorismus besetzten, betont Gayatri.

«Früher waren Frauen im Hintergrund. Sie sollten die Familie zusammen halten, Kinder gebären und diese aufziehen», sagt Gayatri. Das habe sich mit dem IS geändert. Er habe verstanden, dass die Organisation mehr Zulauf von Männern und Frauen bekommt, wenn auch Frauen aktiver sein können.

Das motivierte auch solche Frauen, die nicht nach Syrien reisen konnten.

Video
Indonesierin Kusuma betet und schwört dem IS die Treue (arabisch)
Aus News-Clip vom 29.09.2020.
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Zum Beispiel Anggi Indah Kusuma. Auf einem wackligen Handyvideo sieht man bloss die Augen der verhüllten Frau, die zuerst betet und dann dem IS ihre Treue schwört. Als die Indonesierin Kusuma das Video aufnahm und auf Facebook stellte, arbeitete sie in Hongkong als Haushaltshilfe. Dort hatte sie über soziale Netzwerke radikale Islamisten kennengelernt, die Verbindungen zum IS hatten.

Die 24-Jährige wurde im März 2017 nach Indonesien abgeschoben. Wenige Monate später wurde sie festgenommen, angeklagt, einen Terroranschlag geplant zu haben, und zu drei Jahren Haft verurteilt. Seit ihrer Freilassung im vergangenen August befindet sie sich wegen psychischer Probleme in einer Klinik.

Für Frauen, die nicht in einem radikalen Umfeld aufwüchsen, spielten das Internet, soziale Medien und geschlossene Chatgruppen eine wichtige Rolle im Radikalisierungsprozess, sagt Dyah Ayu Kartika, Analystin am Institute for Policy Analysis of Conflict in Jakarta, einem angesehenen Konfliktforschungsinstitut. Ihr jüngster Bericht, Link öffnet in einem neuen Fenster beschäftigt sich mit dem Leben von Extremistinnen im Gefängnis.

«In den sozialen Medien treffen sich die Frauen, diskutieren religiöse Themen oder wie sie eine bessere Mutter oder Tochter sein können. Vertreter islamistischer Gruppierungen platzieren in diesen Foren ihre extremen Ideen. Die Frauen aber finden schwesterliche Gemeinschaften und fühlen sich nicht mehr allein und sie finden gleichgesinnte Freundinnen, mit denen sie gemeinsam auch Anschläge planen können», fasst Kartika die Rolle der Foren zusammen.

Frauen und Kinder als Attentäter

So blieb es nicht bei versuchten Anschlägen. Im Mai 2018 sprengten sich im indonesischen Surabaya drei Familien mit ihren insgesamt elf Kindern vor verschiedenen Kirchen in die Luft und töteten und verletzten Dutzende von Personen.

Diese Anschläge hätten ganz Indonesien schockiert, sagt die Extremismus-Expertin Dyah Ayu Kartika: «Es war das erste Mal, dass minderjährige Kinder in Indonesien als Selbstmordattentäter eingesetzt wurden. Die IS-Anhänger und Mütter schienen damit zu sagen: Wieso warten, bis die Kinder erwachsen sind, wenn sie schon jetzt als Märtyrer in den Himmel kommen können?»

Seit den Anschlägen von 2018 gab es weitere Anschläge von Frauen. Heute sitzen 39 Frauen in Indonesien wegen Terror im Gefängnis oder warten auf ihre Gerichtsverfahren. Ein klares Profil hätten die Attentäterinnen nicht: Sie seien sowohl arm als auch reich, hätten Universitätsabschlüsse oder arbeiteten als Migrantinnen im Ausland, sagt die Analystin des Konfliktforschungsinstituts in Jakarta.

Wenn du nicht weisst, wohin du dich wenden sollst, dann gehst du zu Gott.
Autor: Dyah Ayu KartikaAnalystin am Institute for Policy Analysis of Conflict in Jakarta

Viele suchten Auswege aus persönlichen Krisen oder fühlten sich im Ausland einsam. «Wenn du nicht weisst, wohin du dich wenden sollst, dann gehst du zu Gott. Viele Frauen suchen dann religiöse Gruppen. Dort sind sie anfällig für extremistische Ideen», betont Expertin Kartika.

Keine der Frauen, die als Selbstmordattentäterinnen auf den Philippinen und in Indonesien bekannt wurden, war jemals im Irak oder in Syrien. Die radikalen Ideen, die vom IS aus Syrien und dem Irak im Internet verbreitet werden, schienen ihnen Motivation genug zu sein, um auch in Südostasien für einen islamistischen Staat zu kämpfen.

Laut Schätzungen der indonesischen Sicherheitsdienste versuchten bis 2018 jedoch auch zwischen 600 und 1000 Indonesier und Indonesierinnen nach Syrien oder in den Irak zu reisen, um dort dem IS beizutreten. Die Türkei deportierte mehr als 550 von ihnen. Einige jedoch kehrten nie in die Heimat zurück, andere tauchten bei der Rückkehr unter oder sind heute bei Terrorgruppen in Südostasien aktiv. Wie viele Frauen aus Syrien und dem Irak nach Südostasien zurückkehrten, weiss niemand.

Einige Frauen sind noch radikaler als ihre Männer, sie handeln aus eigenem Willen.
Autor: Dyah Ayu KartikaAnalystin am Institute for Policy Analysis of Conflict in Jakarta

Auch wenn der neue Trend von immer aktiveren Frauen in Terrornetzwerken längst bekannt ist, tun sich die Anti-Terror-Behörden in Südostasien schwer, ihm entgegenzuwirken. Noch sässen in diesen Behörden vor allem Männer in Schlüsselpositionen und diese hielten noch immer an alten Stereotypen fest, kritisiert Dyah Ayu Kartika.

Die Anti-Terroreinheit habe dieses Jahr einen neuen Chef bekommen, so Kartika, und der sage noch immer, Frauen würden von ihren Männern einer Gehirnwäsche unterzogen und so zu Terroristinnen. «Wir aber wissen, dass einige Frauen noch radikaler sind als ihre Männer und dass sie aus eigenem Willen handeln.»

Solange das nicht verstanden werde und nicht mehr Frauen an Schlüsselstellen in der Anti-Terrorbekämpfung eingesetzt würden, sei auch eine effiziente Bekämpfung, Vorbeugung und Entradikalisierung von extremistischen Frauen nicht möglich.

Umma Sabrinas Mann ist tot

Ummu Sabrina, die Indonesierin, die mit ihrer Familie vor fünf Jahren nach Syrien ausgewandert war, hat längst aufgehört, auf ihrer Facebook-Seite zu posten. Ihr Mann ist in Syrien umgekommen. Ob Ummu Sabrina unbemerkt nach Indonesien zurückgekehrt ist, in einem Flüchtlingslager in Syrien lebt oder auch tot ist, weiss niemand. Von ihr und ihren Kindern fehlt jede Spur.

Echo der Zeit, 28.09.2020, 18 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Arthur Meili  (Arthur Meili)
    Fuer einen Imam wird es leicht sein, ungebildete Frauen zu beeinflussen. Was weiss so eine Frau ueber die Welt.
  • Kommentar von Larsen LANDWEHR  (ElTröte)
    Wir müssen doch gar nicht so weit schauen. Wer den Fall der Jugendlichen aus Winterrhur kennt, sollte wissen das dort das Mädchen radikaler ist als der Junge. Ergo sind wir hier in der Schweiz auch dieser Gefahr ausgesetzt.