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Ohne Touristen kein Sexgeschäft in Pattaya
Aus HeuteMorgen vom 29.04.2021.
abspielen. Laufzeit 03:20 Minuten.
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Thailand im Lockdown Keine Kunden in Pattayas Walking-Street

Seit einem Jahr kommen kaum mehr Touristen nach Thailand. Für Zehntausende Prostituierte ist das eine existenzielle Katastrophe.

In der Walking-Street, dem Rotlichtviertel Pattayas, wo sonst eine Bar die nächste übertönt, hört man an diesem Abend nur das Klacken von Annas Stöckelschuhen auf dem Pflaster. Die Bars sind geschlossen, die Lichter ausgeschaltet. «Zu vermieten» steht auf vielen Türen und Fenstern.

Die Walking-Street gleicht jetzt einer Strasse der Toten. Und Pattaya, die Stadt, die niemals schläft, liege nun bereits um acht Uhr abends im Tiefschlaf, sagt Anna. Die 34-jährige transgender Thailänderin kam vor zehn Jahren hierher mit dem Traum, Tänzerin zu werden.

Anna in der menschenleeren Walking Street.
Legende: Harte Zeiten für Prostituierte wie die Transgender Anna. Ihr geht es vergleichsweise gut trotz Lockdown – Anna hat in der Vergangenheit stets etwas Geld zur Seite gelegt. SRF/Karin Wenger

Stattdessen wurde Anna Prostituierte. Sie blieb, denn während sie in der Fabrik umgerechnet 180 Franken pro Monat verdiente, machte sie vor der Pandemie mit Sexarbeit bis zu 6000 Franken monatlich.

Das habe sich im vergangenen Jahr radikal geändert. Sie habe keine Kundschaft mehr – und online welche suchen, wolle sie nicht. «Es macht mir Angst, wenn ich nicht weiss, wer mich erwartet.»

Geschlossene Läden und Bars,davor steht ein Mann.
Legende: Alles geschlossen und kaum Touristen in der Walking Street von Pattaya. SRF/Karin Wenger

Auch die 42-jährige Dokdao, die seit 20 Jahren als Prostituierte in Pattaya arbeitet, kommt kaum mehr über die Runden. Sie gehe nun vermehrt am Strand spazieren, um Männer zu finden, sagt sie. Ausserdem habe sie ihre Preise halbieren müssen. «Manchmal mache ich es auch für noch weniger», fügt sie an.

Zehn Franken verlangt Dokdao jetzt für eine halbe Stunde. Das reiche nicht zum Überleben. Während sie früher ihre Familie unterstützt habe, müsse ihr jetzt ihr Sohn Geld schicken, sagt die Mutter von fünf Kindern.

Keine Hilfe vom thailändischen Staat

Die meisten Prostituierten sind inzwischen zu ihren Familien in ihre Dörfer zurückgekehrt, wo das Leben billiger ist. Für die, die in Pattaya ausharrten, sei es dagegen extrem hart geworden, sagt Surang Janyam, die Direktorin von «Swing». Die Organisation unterstützt Prostituierte bei gesundheitlichen Problemen und verteilt jetzt Nahrungsmittel an die Sex-Arbeiterinnen und -Arbeiter.

Schotten dicht im Sündenpfuhl

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Schotten dicht im Sündenpfuhl
Legende: SRF/Karin Wenger

Nachtclubs, Bars, Happy-Ending-Massagen – die thailändische Stadt Pattaya ist berühmt-berüchtigt für ihr Nachtleben und ihre Sexindustrie. Schätzungsweise 50'000 Prostituierte boten hier vor Ausbruch der Corona-Pandemie ihre Dienste an. Seit einem Jahr aber kommen kaum mehr ausländische Touristen ins Land, die Stadt ist seit Beginn der dritten Welle wieder im Lockdown. Pattaya präsentiert sich jetzt wie ausgestorben, alle Bars sind geschlossen. Touristen sieht man kaum. Einzig die vielen älteren, weissen Männer, die nach ihrer Pensionierung nach Thailand ausgewandert waren, sind noch da.

Nicht nur für die Sexarbeiterinnen- und -arbeiter hat die Pandemiekrise schwere Folgen: Die meisten Prostituierten schaffen in Pattaya oder einem anderen Touristen-Hotspot an, um ihre armen Familien irgendwo im Land zu finanzieren. Entsprechend fehlt nun deren finanzielle Unterstützung. Dabei ist der Umgang mit der Prostitution in Thailand eine riesige Heuchelei: Sie ist moralisch verpönt und gesetzlich verboten – aber überall sichtbar. Laut Schätzungen werden mit der Prostitution in Thailand jährlich bis zu sechs Milliarden Dollar umgesetzt – das sind rund drei Prozent der thailändischen Wirtschaftsleistung. (Karin Wenger)

Weil die Prostitution in Thailand eigentlich illegal sei, hätten die Prostituierten schon vor der Pandemie nirgendwo Schutz suchen können, wenn sie von Kunden geschlagen oder misshandelt wurden, sagt Janyam. «In der Pandemie bedeutet es, dass sie auch keine keine Hilfe von der Regierung bekommen.»

Die «grosse Lüge» Thailands

Dass die Regierung Prostitution noch immer nicht legalisiert habe, sei lächerlich, findet Anna: «Es ist wie eine grosse Lüge.» Die Bars seien legal, aber die, die darin arbeiten, seien illegal. «Und das, obwohl wir Sex-Arbeiterinnen jedes Jahr Milliarden von Thai Bath verdienen und viele Touristen ins Land locken.»

Eingang zur Walking Street.
Legende: Die Walking Street in Pattaya ist weltberühmt – vor allem wegen ihrer Sex-Angebote. SRF/Karin Wenger

Die meisten Prostituierten hätten ihre Ersparnisse inzwischen aufgebraucht und sich verschuldet, fährt Anna fort. Einige seien bereits obdachlos und schliefen am Strand. Dass die ausländischen Freier bald zurückkommen, glaubt sie nicht. Das mache sie zwar traurig, aber immerhin habe sie, anders als viele andere, vorgesorgt.

Weil alles in dieser Welt ein Ablaufdatum habe, habe sie schon immer Geld zur Seite gelegt und damit ein Haus und ein Stück Land in ihrem Dorf gekauft, sagt Anna. «Dort werde ich mich in ein paar Jahren zur Ruhe setzen und ein ruhiges Leben führen.»

Heute Morgen, 29.04.2021, 06.00 Uhr

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42 Kommentare

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  • Kommentar von Ernesto Asher Meng  (Ashi Ernesto)
    @karin.wenger SRF Teil 5. Falls Sie Informationen wünschen, wie die Realität in Thailand aussieht, sende ich diese Unterlagen wo alles belegt. Finde, dass es Zeit wird, dass AI und andere Organisationen dieses Problem, das immer düsterer wird, in dieser Pandemie, aktiv werden. Auch dass in ganz Asien viele Frauen und Menschen in Fabriken arbeiten für einen Hungerlohn, damit wir Kleider günstig hier kaufen können, ist betrübend und gemein, denen gegenüber.Zuhälter muss der Prozess gemacht werden.
    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Ernesto Asher Meng Guten Tag Herr Meng, besten Dank für Ihren ausführlichen sowie kritischen Kommentar. Grundsätzlich: Prostitution ist in Thailand verboten, dies ist eine Tatsache. Mehr dazu auch hier: https://www.krisdika.go.th/data//document/ext845/845321_0001.pdf
      Dass dieses Verbot nicht mit der Realität übereinstimmt, schliesst die Tatsache nicht aus und wird auch nicht gesagt. Viel mehr spricht die Journalistin, Karin Wenger, im SRF4 Gespräch von der grossen Heuchelei, dass dieses Gesetz nicht endlich geändert und Prostitution legalisiert wird. Auch dass viele Prostituierte aus dem Norden kommen, wird im Gespräch erwähnt. Dass viele Prostituierte ausgebeutet werden, wird ebenfalls im zweiten Teil des Artikels erwähnt: «Weil die Prostitution in Thailand eigentlich illegal sei, hätten die Prostituierten schon vor der Pandemie nirgendwo Schutz suchen können, wenn sie von Kunden geschlagen oder misshandelt wurden, sagt Janyam….». Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Ernesto Asher Meng  (Ashi Ernesto)
    @karin.wenger SRF Teil 4. Habe auch Frauen in unserer Fabrik angestellt. Dass diese Frauen 6000 Fr im Monat verdienen würden ist nur für 2 % aller Frauen und Transgender FaktDer grösste Teil müssen diese Frauen für Miete und Zuhälter bezahlen. Allen Frauen wird der Pass und Papiere abgenommen.Diese Menschen werden ausgebeutet und der Staat sieht zu und regelt gar nichts. Prozesse enden immer mit Gewinn des Zuhälters, der immer Strohmänner einsetzt.Sie berichten gar nichts über diese Ausbeutung.
  • Kommentar von Ernesto Asher Meng  (Ashi Ernesto)
    @karin.wenger SRF Teil 3. zu generieren. Auch die Asiatinnen die in der CH arbeiten, müssen einen grossen Teil des Geldes nach Thailand monatlich überweisen. Dass diese Frauen im Normalfall nie mehr nach Hause dürfen, weil die Familie Sie ablehnt, haben Sie nicht erwähnt. Dass in Pattaya meistens ein Zuhälter mittlerweile aus Russland oder Asien diese Frauen unter Vertrag nehmen und nur 20 % des verdienten Betrages die Frauen behalten dürfen, kann ich beweisen. Setze mich für solche Frauen ein.