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Tsipras erhöht den Mindestlohn «Arbeitnehmer machen Schulden trotz Vollzeitjob»

Legende: Audio Rodothea Seralidou zum Anstieg des Mindestlohns in Griechenland abspielen. Laufzeit 07:16 Minuten.
07:16 min, aus SRF 4 News aktuell vom 01.02.2019.

Wer in Griechenland den Mindestlohn bekommt, hat ab heute erstmals wieder mehr Geld auf dem Konto. Die linke Syriza-Regierung setzt mit der Erhöhung des Mindestlohns ein Wahlkampfversprechen um. Doch davon leben kann man nicht, sagt Rodothea Seralidou.

Rodothea Seralidou

Rodothea Seralidou

Freie Journalistin

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Die Journalistin berichtet seit 2011 für SRF und ARD aus Griechenland. Sie lebt in Athen.

SRF News: Wie viele Arbeitnehmer profitieren von der Erhöhung des Mindestlohns?

Rodothea Seralidou: Nach Angaben der Regierung sind es rund 600'000 Personen, die mit dem gesetzlichen Mindestlohn bezahlt werden. Diese bekommen ab sofort 11 Prozent mehr Lohn, das sind rund 550 Euro netto im Monat. Bisher verdienten sie rund 490 Euro. Noch mehr dürften sich die besonders jungen Arbeitnehmer freuen: Für die unter 25-Jährigen gab es eine spezielle Regelung, den sogenannten Unter-Mindestlohn: Für eine Vollzeitstelle waren das 411 Euro netto. Diese Sonderregelung wurde nun abgeschafft. Das ist für die Jungen ein Anstieg von 27 Prozent.

Wer bezahlt das?

Die Arbeitgeber, denn es geht um den Mindestlohn im privaten Sektor. Diesen gab es schon vor der Krise, allerdings sank er in den letzten Jahren um ein Vielfaches. Die internationalen Geldgeber machten Druck mit dem Argument, Griechenland müsse wettbewerbsfähiger sein, indem auch die Lohnkosten für die Unternehmer sinken. Deshalb wurden die Mindestlohnsenkungen auch in den Sparprogrammen festgelegt. Nun, da Griechenland aus den Hilfsprogrammen raus ist, legt der Mindestlohn erstmals wieder zu.

Die 550 Euro netto sind immer noch weniger als das Niveau vor der Krise.

Sind die Gewerkschaften zufrieden?

Ja, sie sehen den Anstieg des Mindestlohns tatsächlich als einen positiven Schritt. Aber auch ihnen geht er nicht weit genug. Die 550 Euro netto sind immer noch weniger als das Niveau vor der Krise. Sie fordern auch ihre verlorene Macht zurück. Wie die Arbeitgeber fordern auch sie, dass der Mindestlohn nicht mehr staatlich festgesetzt werden soll, wie es seit 2012 der Fall ist, sondern dass er Ergebnis der Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern sein sollte.

Menschen vor einem Zeitungsstand
Legende: Der neue Mindestlohn sei auch in Griechenland wenig Geld, sagt Rodothea Seralidou. Reuters

Wie stehen die Parteien zum Mindestlohn?

Auch die anderen Parteien im Parlament haben klar für den Anstieg des Mindestlohns gestimmt. Aber es hagelt auch Kritik seitens der Opposition. Die konservative Nea Dimokratia sagt zum Beispiel, Tsipras setze sein Versprechen gerade jetzt um, weil dieses Jahr Parlamentswahlen anstehen.

Diejenigen, die den Mindestlohn bekommen, müssen ab 2020 erstmalig Steuern bezahlen.

Kritisiert wird auch, dass die Mindestlohnerhöhung den Arbeitnehmenden nur kurzfristig zugutekomme. 2020 soll der steuerfreie Betrag weiter sinken. Die Konsequenz wird sein, dass diejenigen, die den Mindestlohn bekommen, ab nächstes Jahr erstmalig Einkommenssteuer bezahlen müssen. Die Mindestlohnerhöhung würde dann eher der Staatskasse zugutekommen und weniger den Arbeitnehmenden, so der Vorwurf.

Kann man in Griechenland davon leben?

Das Leben in Griechenland ist tatsächlich preiswerter als in der Schweiz. Aber auch hier sind 550 Euro netto wenig Geld. Damit kann man in Athen eine bescheidene Wohnung mieten und vielleicht noch die Stromrechnung bezahlen. Meist sind die Arbeitnehmenden auf finanzielle Hilfe von ihrem familiären Umfeld angewiesen oder sie machen Schulden, um über die Runden zu kommen, trotz Vollzeitjob. Der Mindestlohn ist die unterste Grenze – er sollte als Sicherheitsnetz für die Arbeitnehmer gesehen werden, aber er ist nicht mehr und nicht weniger.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Ich glaube an das Gejammer um den nicht unzureichenden Mindestlohn herum nicht mehr. Es kommt nämlich darauf an, was der Sozialstaat noch an Benefits für diverse Anspruchsgruppen parat hält. Und diese können horrend sein. Ich kenne Systeme in OstEU, dort kriegst du mancherorts eine Haushälfte in der Stadt (ganzes Haus auf dem Lande) nachgeschmissen, wenn du 3 Kids hast. Solche Subventionen, alles zusammengezählt, ermöglicht oft eine viel höhere individuelle Lebensqualität als bei uns.
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    1. Antwort von Sacha Walter (Fliegenderschnee)
      Ich nehme mal an dass sie zu jenen gehören die glauben , die pervertierten Regeln dieser Wirtschaft seien ein Naturgesetz oder gottgegeben. Ich verrate ihnen jetzt ein Geheimnis. Es sind Menschen und Interessengruppen die dahinter stehen, die zt. ganz gross abkassieren ohne dafür zu arbeiten während andere mit Vollzeitjobs einen lächerlichen Mindestlohn erhalten. Anstelle die dafür verantwortlichen wirtschaftseliten an den Pranger zu stellen ziehen sie hier über soziale Sicherungsysteme her.
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    2. Antwort von Patrik Müller (P.Müller)
      @ fleigenderschnee: Ich hoffe, sie haben ihren Kommentar im Hinblick auf die Zustände in den diversen "Arbeiterparadiese" der ehem DDR, oder anderer sozialistischer Vorzeigerepubliken quergeprüft.
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    3. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      @Walter: Sie reden am Thema komplett vorbei. Wer diese "Benefits" steuert, ist glasklar. Osten wie Westen sind da gleich verschuldet. Wichtig ist aber - was Sie nicht begreifen -, dass genau diese Gebermentalität eine entsprechende Nehmermentalität heranzüchtet. Ganze Volkswirtschaften leben von solchen Subventionen (z.B. EU, Afrika usw.), ohne, dass sie das Bedürfnis hätten, sich zu verbessern. Auch die Bevölkerung rechnet stark mit den Geldern der "naiven Reichen". GRland ist eins davon.
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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Die unter 25jaehrigen Arbeitslosen und Zutiefloehner den Eltern aufzupuckeln statt den Staats- und Sozialkassen ist nicht nur in Griechenland eine der uebelsten Neofeudalismussumpfblueten. In Griechenland wird sie jetzt wenigstens wieder gekappt. Merkwuerdigerweise wird aber das Muenigkeitsalter auf 18 Jahren belassen, um die Jungen mit Knebelvertraegen und Verschuldungen oft bis zur Bahre ohne Elternveto ueber den Tisch ziehen zu koennen….
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