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Überfischung und Verschwendung Die grossen Sünden der Fischereiindustrie

Weltweit kommt immer mehr Fisch auf den Tisch. Doch nur zwei von drei getöteten Tieren landen tatsächlich auch auf unserem Teller.

Legende: Audio Ein Drittel aller gefangenen Fische landet im Abfall abspielen. Laufzeit 3:31 Minuten.
3:31 min, aus Rendez-vous vom 19.07.2018.

Die Menschheit nutze die Ozeane nicht nur – sie übernutze sie. Damit gefährde sie ihr wichtigstes Biotop, sagt UNO-Generalsekretär Antonio Guterres. «Wir leben vom Meer. Im Grunde sollte man nicht vom ‹Planeten Erde›, sondern vom ‹Planeten Meer› sprechen», meint er. Trotz dieser Erkenntnis werde die Lage nicht besser, sondern schlechter.

20 Kilo Fisch pro Person und Jahr

Ein zentrales Problem ist die Überfischung der Meere: Erstens wächst die Weltbevölkerung immer noch schnell, und zweitens hat sich der Pro-Kopf-Konsum an Fisch von 1960 bis heute verdoppelt. Inzwischen isst jeder Erdenbewohner zwanzig Kilogramm Fisch pro Jahr.

Laut der UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) wird sich dieser Trend fortsetzen. Denn je wohlhabender die Menschen werden, desto mehr Fisch und Fleisch essen sie. Derzeit sind es 170 Millionen Tonnen Fisch, die jährlich verzehrt werden.

Stark überfischte Meere

Davon wird nur noch gut die Hälfte im Meer gefangen. 45 Prozent stammen aus Fischzuchten. Dennoch ist ein Drittel des heutigen Fischfangs nicht nachhaltig. Die Meere werden also überfischt.

Dramatisch ist die Lage in europäischen Meeren, im Mittelmeer und im Schwarzen Meer. Zwar werde mit Fangverboten, Schutzzonen und Schonzeiten versucht, die Fischbestände wieder aufzubauen, sagt John Ryder. Er ist bei der FAO Direktor der Abteilung Fischmarkt und Fischhandel. Allerdings fehle ein Patentrezept.

Nur zwei von drei Fischen landen im Teller

Die UNO-Behörde will deshalb zusätzlich an einer anderen Stelle ansetzen: Von den jährlich gefangenen und gezüchteten Fischen landen nämlich nur 65 Prozent auf unseren Tellern, der Rest wird verschwendet. «Von der Lösung dieses Problems hängt auch ab, ob sich der Hunger in der Welt besiegen lässt», ist Ryder überzeugt.

Der Fischverlust hat viele Ursachen. Es beginnt beim Fang selbst. Dort werden je nach Fangart Tiere getötet, die der Mensch gar nicht essen will. Andere Fische werden zermanscht, so dass man sie nicht mehr verkaufen kann.

Auch beim umstrittenen Elektrofischfang gibt es grosse Verluste. Zwar ist das Elektrofischen vielerorts verboten; genauso wie der Fang mit Sprengstoff oder Gift. Allerdings gibt es legale Ausnahmen, und Verbote werden missachtet.

Fehlerhafte Kühlkette – «ein komplexes Problem»

Auch später, an Land, sind die Verluste enorm. Tonnenweise wird Fisch vernichtet, weil Haltbarkeitsfristen ablaufen – ein Zeichen von Marktversagen. Noch viel grösser ist die Verschwendung in Entwicklungsländern. Oft fehlt die Erfahrung im Umgang mit Fischprodukten, häufiger aber die Infrastruktur. So haben Kühlketten Lücken, Stromausfälle sind häufig, es mangelt an Hygiene. «Es ist ein komplexes Problem», sagt FAO-Mann Ryder. «Wenn es eine einfache Lösung gäbe, würde sie schon seit Jahrzehnten angewendet.»

Doch es ist offenkundig, dass sich die Welt einen derart verschwenderischen Umgang mit dem hochwertigen, aber zunehmend raren Lebensmittel Fisch nicht länger leisten kann.

Weltweite Fischproduktion

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27 Kommentare

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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Überfischung: Bald drohen uns leere Meere. Die Fischerei plündert die Weltmeere. Deren Reichtum schien lange Zeit unerschöpflich – eine Illusion, denn Fisch ist nicht in unbegrenzten Mengen vorhanden. Die weltweite Überfischung gilt heute als eine der grössten Bedrohungen für die Gesundheit der Meere und das Überleben seiner Bewohner. Auch zigtausende Haie, Seevögel und Meeresschildkröten, Krebse, Jungfische kommen als ungewollter Beifang in den Netzen der Fischerei unnötig um.
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Artensterben: Die Meere könnten bis 2048 leergefischt sein, wenn es so weiter geht. Mit den Arten geht die Produktivität und die Stabilität ganzer Ökosysteme verloren. Wenn wir unseren Umgang mit den Arten in den Ozeanen nicht fundamental ändern, wird dieses Jahrhundert das letzte mit wild gefangenem Fisch sein. Die Arktis steht zurzeit noch unter Schutz, aber nicht dauerhaft.Die meisten Anrainer haben in einigen Jahren die künftige Ausbeutung von Ressourcen im Blick, Fischerei, ÖL etc. Kollaps!
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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    Der Wildfang ist seit 1985 nicht mehr gross gestiegen. Zucht nimmt massiv zu. Eigentlich gute Nachrichten.
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    1. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Woher haben Sie diese Info? Nach wie vor werden die Meere überfischt.
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    2. Antwort von Felice Limacher (Felimas)
      Auf den ersten Blick sind das gute Nachrichten. Bei genauerem Hinschauen werden Sie feststellen, dass sich die meiste Zucht von Fischen weder Nachhaltig noch gut für die Tiere und schon gar nicht für die Umwelt sind. Beispiel Lachs: Die Fütterung (mit Antibiotika) und Hälterung (im Meer schwimmende Offennetze) sind sehr problematisch für die Tiere und für die Umwelt. Hinzu kommt, dass vorbei ziehender Wildlachs von den Zuchtlachsen mit Krankheiten angesteckt wird. Ähnlich ist es bei Pangasius.
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    3. Antwort von Simon Weber (Weberson)
      Z.B. in Chile (und sicher an vielen anderen Orten auch) gibt es auch viele Fischzuchten welche in Meeresbuchten erstellt werden. Eine Bucht wird mit Netzen zugemacht, dann werden dort die Fische gehalten, mit Kraftfutter ernährt und mit Medikamenten am Leben erhalten. Wenn sie groß und fett sind werden sie raus genommen, getötet und verkauft. Die Bucht ist dann für mehrere Jahre wenn nicht sogar Jahrzehnte kontaminiert. Es gibt dort kein Leben mehr.
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