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International Ukraine gespalten zwischen Ost und West?

Die Partei der Regionen des ukrainischen Präsidenten ist im Osten des Landes verwurzelt. Hier würden die Menschen wieder Viktor Janukowitsch wählen. Wie denken sie über die Proteste im Westen des Landes? Journalist Florian Willershausen berichtet aus Donezk.

SRF: Wie ist die Stimmung in der östlichen Stadt Donezk?

Florian Willershausen: Die Stimmung ist entspannt. Es gibt im Moment keine Demonstrationen. Die Menschen hier im Osten der Ukraine beobachten die Geschehnisse in Kiew aber mit Argusaugen.

In den vergangenen Tagen kam es in Donezk aber zu Protesten. Wer ging da auf die Strasse?

Menschen, die von der Regierung enttäuscht sind. Präsident Viktor Janukowitsch kommt aus der Region. Die Menschen hier haben eine erfolgreichere Politik und weniger Repressionen erwartet. Es waren aber keine Massenkundgebungen wie in den westlichen Städten des Landes. Nur einige hundert Demonstranten beteiligten sich, überwiegend Anhänger der Oppositionspartei von Vitali Klitschko.

Wie reagierten die Behörden auf die Demonstrationen?

Mir sind keine Repressionen bekannt. Allerdings bewacht die Spezialeinheit der Polizei die Gebietsverwaltung, die in anderen Städten gestürmt wurde. Die Präsenz der Spezialeinheit soll als Abschreckung dienen, damit die Demonstranten nicht auf die Idee kommen, die Gebäude zu stürmen.

Kann sich Janukowitsch weiter auf seine Stammwählerschaft verlassen?

Ja, die Region steht weiter hinter ihrem Präsidenten, allerdings nicht mehr ohne Vorbehalt. Die Menschen würden erneut Janukowitsch wählen – mangels Alternativen. Zwar sind sie tief enttäuscht von ihm. Doch glauben sie nicht, dass eine westlich dominierte Regierung es schaffen würde, mehr Wachstum und Wohlstand ins Land zu bringen.

Die Machtbasis von Janukowitsch bröckelt im Osten des Landes also nicht?

Nein. Vielleicht waren einige Menschen vor den Ausschreitungen in Kiew geneigt, für die Opposition zu stimmen. Aber die Bilder aus der Hauptstadt werden in der Ostukraine anders wahrgenommen: Nach Ansicht der Menschen hier gehen die Unruhen teilweise von Demonstranten aus. Sie richten sich gegen Polizisten, die oft aus dem Osten nach Kiew entsandt wurden.

Die Rede ist oft von einem Graben zwischen der Ost- und der Westukraine. Gibt es den wirklich?

Ich würde nicht von einem Graben sprechen. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind teils politisch konstruiert und im Alltag der Menschen nicht sehr präsent. Ich glaube, das Land will weder Teil Russlands noch Teil Europas werden. Die Ukraine begreift sich zunehmend als selbstbewusstes Land. Darauf deuten auch die Demonstrationen in Kiew hin. Diese sind in erster Linie ein Appell an die Regierung, das Volk endlich zu erhören.

Das Gespräch führte Anneliese Tenisch.

Zur Person

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Legende: ZVG

Florian Willershausen ist Chefreporter des deutschen Wirtschaftsmagazins Wirtschaftswoche. Er befindet sich zurzeit in der Industriestadt Donezk im Osten der Ukraine. Von 2007 bis 2011 war er Russland-Korrespondent. Zuvor hatte er in Marburg, Mainz und Twer (Russland) Politikwissenschaft, Publizistik und Osteuropäische Geschichte studiert.

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