Seit bald vier Jahren verteidigt sich die Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg. Eine der grössten Herausforderungen wird dabei immer offensichtlicher: Die ukrainische Armee hat schlicht zu wenig Personal an der Front. Viele desertieren, andere entziehen sich der Mobilisierung und bleiben dem Militärdienst fern. SRF-Osteuropa-Korrespondentin Judith Huber erklärt, wie gross das Ausmass ist, warum Soldaten desertieren und was das für den Kriegsverlauf bedeutet.
Wie gross ist der Personalmangel in der ukrainischen Armee?
Lange wurde nur spekuliert. Jetzt hat die Ukraine erstmals Zahlen genannt. Der neue Verteidigungsminister Michailo Fedorow sprach von rund 2 Millionen Ukrainern, die sich der Mobilisierung entzogen haben. Zusätzlich hätten sich etwa 200’000 Soldaten unerlaubt von der Truppe entfernt. Zum Vergleich: Die Ukraine hat eine Gesamtbevölkerung von rund 39 Millionen Menschen; in der Armee kämpfen rund 900’000 Soldaten. Viele sind sich einig, dass es dringend Reformen und Lösungsansätze braucht. Sie sehen im Personalmangel eines der dringendsten Probleme für die Verteidigungsfähigkeit des Landes.
Was unterscheidet Desertion von unerlaubtem Fernbleiben?
Nach ukrainischem Gesetz bedeutet Desertion, dass man sich dauerhaft und mit klarer Absicht aus der Armee entfernt. Unerlaubtes Fernbleiben ist weiter gefasst: etwa wenn ein Soldat aus einem Urlaub nicht zurückkehrt, zeitweise der Armee fernbleibt oder eigenmächtig die Einheit wechseln will. Beide Vergehen sind strafbar.
Welche Folgen hat der Personalmangel für die Lage an der Front?
An der Front klaffen regelrecht Lücken, ganze Frontabschnitte werden von viel zu wenigen Soldaten verteidigt. Dort können russische Truppen, die grundsätzlich in der Überzahl sind, leichter vorstossen. Militärexperten sagen, ohne Desertion und Mobilisierungsflucht könnte die Ukraine wieder Offensiven starten. Zurzeit aber schafft es die ukrainische Armee lediglich, die Front knapp zu halten. Ein psychologischer Effekt ist zudem, dass viele Männer entscheiden, sich dem Dienst zu entziehen, weil viele andere das auch erfolgreich tun.
Warum verlassen erfahrene Soldaten die Armee?
Viele erfahrene Soldaten nennen Erschöpfung als Hauptgrund. Sie kämpfen seit Jahren, haben nur wenig Urlaub und wissen nicht, wann sie demobilisiert werden. Weitere Gründe sind mangelhafte Ausrüstung, zu wenig Waffen und Personalmangel in ihrer Einheit. So könnten sie ihre Aufgabe nicht erfüllen. Hinzu kommen Konflikte mit dem Kommandanten, der einen Urlaub oder eine Versetzung nicht bewilligt oder der Soldaten auf Selbstmordmissionen schickt.
Warum entziehen sich frisch Mobilisierte dem Einsatz?
Neu eingezogene Soldaten beklagen oft ungenügendes Training. Oder sie halten die Realität an der Front schlicht nicht aus. Einige haben den Kriegsdienst von Anfang an abgelehnt und nutzen die erste Gelegenheit zur Flucht.
Wo zieht es Deserteure und Kriegsdienstverweigerer hin?
Viele sind ins Ausland geflohen, vor allem jene, die sich der Mobilisierung komplett entziehen wollen. Andere verstecken sich im Land und gehen so wenig wie möglich aus dem Haus. Es gibt auch Berichte über Fahnenflüchtige, die in grossen Städten untertauchen und sogar arbeiten, zum Beispiel auf dem Bau. Oft organisieren sich ehemalige Soldaten und helfen sich gegenseitig. Auch dieses Verhalten ist strafbar, wird jedoch weniger hart bestraft als klassische Desertion.