Soldaten und Soldatinnen mit Maschinengewehren stürmen ein Haus, es knallt und raucht, während ein Moderator aufgeregt kommentiert, wie bei einer Sportübertragung. Zwei Stunden lang geht das so, es kommen Panzer und Landungsschiffe zum Einsatz, gefilmt aus der Vogelperspektive oder in Nahaufnahme, oft in der Ästhetik eines Videospiels.
Das Ganze spielt sich auf einem riesigen Gelände ab, in einem Dorf. Doch das alles ist Kulisse, in den Kampfuniformen stecken Teenager. Sie üben zwei Stunden lang Krieg, im Final der militärisch-patriotischen Spiele «Sarnitsa 2.0», ausgetragen letzten Herbst in der russischen Region Wolgograd.
Sehr cool sei das, mit viel Action, sagt einer der Jugendlichen in einem eingeblendeten Werbefilm, während er in Vollmontur und schwer bewaffnet über ein Feld stürmt.
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Bild 1 von 3. Zwei Teams treten in der Militärsimulation gegeneinander an. Bildquelle: The Kyiv Independent.
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Bild 2 von 3. Das Ganze wird übertragen und ähnelt einer Sportveranstaltung. Bildquelle: The Kyiv Independent.
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Bild 3 von 3. Moderatoren kommentieren die Geschehnisse während der militärisch-patriotischen Spiele. Bildquelle: The Kyiv Independent.
Mag sein, dass einige das toll finden. Viele aber nicht, denn sie werden gezwungen, an dieser realitätsnahen Übung teilzunehmen. Das sagt Olesia Bida, sie ist Investigativjournalistin beim ukrainischen Online-Medium «Kyiv Independent». Es seien zahlreiche Kinder und Jugendliche aus den besetzten Gebieten der Ukraine vor Ort gewesen, neben russischen Gleichaltrigen.
Freiwillig geschah das im Fall der ukrainischen Teenager nicht: Sie und auch ihre Eltern seien ständig unter Druck. Sie hätten keine Wahl, denn sonst stünden eines Tages russische Soldaten und der Kinderschutz vor der Tür, stellten Fragen und drohten den Eltern, ihnen die Kinder wegzunehmen.
Die Indoktrinierung hat System
Olesia Bida hat monatelang zum Thema Militarisierung von Kindern und Jugendlichen in den russisch besetzten Gebieten recherchiert. Sie sagt, Russland treibe einen riesigen Aufwand und habe ein ganzes System aufgebaut. Die Kriegsspiele sind nur ein Teil davon. «Sie versuchen eine Realität zu erschaffen, in der es kein Leben ohne Krieg gibt», sagt die ukrainische Journalistin.
In der Schule treten Kriegsveteranen auf, es gibt zahlreiche militärisch-patriotische Organisationen mit Namen wie Junarmija oder «Bewegung der Ersten», und in den Ferien werden die Minderjährigen in Camps geschickt, die Militärlagern gleichen. So werde auch die Freizeit der Kinder kontrolliert, meint Bida.
Eine, die diese Indoktrinierung selbst erlebt hat, ist die 24-jährige Anna. Sie lebt und studiert heute in Kiew, ihre Schulzeit aber verbrachte sie auf der Krim. Ihre Erzählung zeigt, dass Russland mit der Militarisierung der ukrainischen Kinder schon früh begonnen hat: nämlich unmittelbar nach der Besetzung der ukrainischen Halbinsel im Jahr 2014.
Anna erzählt: «Sie haben uns aus den Schulstunden geholt. Wir mussten marschieren, patriotische russische Lieder einüben und Maschinengewehre laden und entladen.» Auch das Kriegsspiel Sarnitsa gab es bereits. Anna erinnert sich gut daran, sie war damals 14 Jahre alt: «Es war einfach nur widerwärtig, Kinder in Uniform zu sehen. Ich habe versucht, zu abstrahieren, ich sagte mir: Das neben mir ist meine beste Freundin, wenigstens können wir so Zeit miteinander verbringen.»
In der Klassenstunde kam ein Militär zu Besuch und erzählte uns, wie toll es sei, einen Vertrag mit der Armee abzuschliessen.
Anna erinnert sich auch daran, wie die ukrainischen Kinder in der Schule demotiviert wurden: Sie sollten gleich nach dem Ende der obligatorischen Schulzeit in die russische Armee eintreten: «Sie haben uns unablässig eingeredet, ihr schafft die Prüfungen nicht, ihr werdet an keiner höheren Schule aufgenommen. In der Klassenstunde kam ein Militär zu Besuch und erzählte uns, wie toll es sei, einen Vertrag mit der Armee abzuschliessen, man erhalte eine Hypothek, eine Wohnung, Geld und viel Prestige.»
Besetzte Gebiete als Kriegslabor
Die Krim und die Ostukraine dienten den russischen Besatzern als eine Art Laboratorium, wo sie ihre Strategien erprobten, die sie für die ganze Ukraine vorgesehen hatten. Das sagt die renommierte Menschenrechtlerin Kateryna Raschewska. Diese Strategien wurden dann ab 2022 in den neu besetzten Gebieten der Ukraine wiederholt.
Mit einem Unterschied, so Raschewska: Die Russen hätten es nun eilig. Sie gingen sehr aggressiv vor, das Ziel sei, möglichst viele 18-Jährige an die Front zu schicken. Ausserdem gerieten nun auch Mädchen vermehrt in den Fokus der Militarisierung.
Der Kreml verfolge damit mehrere Ziele: der Ukraine die Zukunft zu stehlen, gefallene Soldaten zu ersetzen und die Armee zu stärken, wohl mit dem Ziel, eine neue Etappe der Aggression zu lancieren.
Sie werden eine mächtige Armee mit Soldaten haben, die seit dem Kindergarten darauf trainiert ist, mit Waffen umzugehen.
Raschewska betont: Die Militarisierung der ukrainischen und auch der russischen Kinder sei eine potenzielle Bedrohung der Sicherheit Europas: «Sie werden eine mächtige Armee mit Soldaten haben, die seit dem Kindergarten darauf trainiert ist, mit Waffen umzugehen.» Und denen man beigebracht habe, dass Krieg ein legitimes Mittel sei, Interessen durchzusetzen.
Die Journalistin Bida sieht das genauso: «Das System funktioniert», sagt sie. Sie hat Beweise dafür, dass Männer aus Donetsk, die ab 2014 unter Besatzung zur Schule gingen, an der Grossinvasion gegen die Ukraine teilgenommen hätten und gefallen seien. Sie wurden zu loyalen Russen und zu Feinden ihres eigenen Landes erzogen. Und gegen die Heimat in den Krieg geschickt.
Sie bereiten neue Generationen für diesen Krieg vor.
1.6 Millionen Kinder lebten in den besetzten Gebieten der Ukraine, alle von ihnen seien bedroht, warnt Bida. Und sie fügt an: «Wenn ich Nachrichten lese wie: Ende Monat wird der Krieg enden, dann denke ich: Wirklich? Nein, ich glaube nicht, dass Russland aufhört. Sie bereiten neue Generationen für diesen Krieg vor.»