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Russische Verbrechen Nachschub für die Front: Wie Russland Kinder für den Krieg formt

Russland entführt nicht nur ukrainische Kinder, sondern erzieht sie in den besetzten Gebieten zu loyalen Soldaten. Das ist eine Gefahr für ganz Europa.

Soldaten und Soldatinnen mit Maschinengewehren stürmen ein Haus, es knallt und raucht, während ein Moderator aufgeregt kommentiert, wie bei einer Sportübertragung. Zwei Stunden lang geht das so, es kommen Panzer und Landungsschiffe zum Einsatz, gefilmt aus der Vogelperspektive oder in Nahaufnahme, oft in der Ästhetik eines Videospiels.

Luftaufnahme eines Geländes mit Panzern und Explosionen in der Nähe von Häusern.
Legende: In den Übungsstädten kommen auch Panzer zum Einsatz. The Kyiv Independent

Das Ganze spielt sich auf einem riesigen Gelände ab, in einem Dorf. Doch das alles ist Kulisse, in den Kampfuniformen stecken Teenager. Sie üben zwei Stunden lang Krieg, im Final der militärisch-patriotischen Spiele «Sarnitsa 2.0», ausgetragen letzten Herbst in der russischen Region Wolgograd.

Sehr cool sei das, mit viel Action, sagt einer der Jugendlichen in einem eingeblendeten Werbefilm, während er in Vollmontur und schwer bewaffnet über ein Feld stürmt.

Mag sein, dass einige das toll finden. Viele aber nicht, denn sie werden gezwungen, an dieser realitätsnahen Übung teilzunehmen. Das sagt Olesia Bida, sie ist Investigativjournalistin beim ukrainischen Online-Medium «Kyiv Independent». Es seien zahlreiche Kinder und Jugendliche aus den besetzten Gebieten der Ukraine vor Ort gewesen, neben russischen Gleichaltrigen.

Frau mit langen Haaren sitzt in einem Büro.
Legende: Olesia Bida ist Investigativjournalistin beim ukrainischen Online-Medium «Kyiv Independent». srf

Freiwillig geschah das im Fall der ukrainischen Teenager nicht: Sie und auch ihre Eltern seien ständig unter Druck. Sie hätten keine Wahl, denn sonst stünden eines Tages russische Soldaten und der Kinderschutz vor der Tür, stellten Fragen und drohten den Eltern, ihnen die Kinder wegzunehmen.

Die Indoktrinierung hat System

Olesia Bida hat monatelang zum Thema Militarisierung von Kindern und Jugendlichen in den russisch besetzten Gebieten recherchiert. Sie sagt, Russland treibe einen riesigen Aufwand und habe ein ganzes System aufgebaut. Die Kriegsspiele sind nur ein Teil davon. «Sie versuchen eine Realität zu erschaffen, in der es kein Leben ohne Krieg gibt», sagt die ukrainische Journalistin.

In der Schule treten Kriegsveteranen auf, es gibt zahlreiche militärisch-patriotische Organisationen mit Namen wie Junarmija oder «Bewegung der Ersten», und in den Ferien werden die Minderjährigen in Camps geschickt, die Militärlagern gleichen. So werde auch die Freizeit der Kinder kontrolliert, meint Bida.

Gruppe uniformierter Männer beim Appell im Freien.
Legende: Für die Kinder soll Krieg zum Leben dazugehören. Sowohl in der Schule wie auch in der Freizeit. The Kyiv Independent

Eine, die diese Indoktrinierung selbst erlebt hat, ist die 24-jährige Anna. Sie lebt und studiert heute in Kiew, ihre Schulzeit aber verbrachte sie auf der Krim. Ihre Erzählung zeigt, dass Russland mit der Militarisierung der ukrainischen Kinder schon früh begonnen hat: nämlich unmittelbar nach der Besetzung der ukrainischen Halbinsel im Jahr 2014.

Anna erzählt: «Sie haben uns aus den Schulstunden geholt. Wir mussten marschieren, patriotische russische Lieder einüben und Maschinengewehre laden und entladen.» Auch das Kriegsspiel Sarnitsa gab es bereits. Anna erinnert sich gut daran, sie war damals 14 Jahre alt: «Es war einfach nur widerwärtig, Kinder in Uniform zu sehen. Ich habe versucht, zu abstrahieren, ich sagte mir: Das neben mir ist meine beste Freundin, wenigstens können wir so Zeit miteinander verbringen.»

In der Klassenstunde kam ein Militär zu Besuch und erzählte uns, wie toll es sei, einen Vertrag mit der Armee abzuschliessen.

Anna erinnert sich auch daran, wie die ukrainischen Kinder in der Schule demotiviert wurden: Sie sollten gleich nach dem Ende der obligatorischen Schulzeit in die russische Armee eintreten: «Sie haben uns unablässig eingeredet, ihr schafft die Prüfungen nicht, ihr werdet an keiner höheren Schule aufgenommen. In der Klassenstunde kam ein Militär zu Besuch und erzählte uns, wie toll es sei, einen Vertrag mit der Armee abzuschliessen, man erhalte eine Hypothek, eine Wohnung, Geld und viel Prestige.»

Besetzte Gebiete als Kriegslabor

Die Krim und die Ostukraine dienten den russischen Besatzern als eine Art Laboratorium, wo sie ihre Strategien erprobten, die sie für die ganze Ukraine vorgesehen hatten. Das sagt die renommierte Menschenrechtlerin Kateryna Raschewska. Diese Strategien wurden dann ab 2022 in den neu besetzten Gebieten der Ukraine wiederholt.

Frau zeigt Foto während Sitzung im Konferenzraum.
Legende: Kateryna Raschewska in den USA, während sie vor einem Unterausschuss des Haushaltsausschusses des US-Senats spricht. (5. Dezember 2025) Reuters/Jonathan Ernst

Mit einem Unterschied, so Raschewska: Die Russen hätten es nun eilig. Sie gingen sehr aggressiv vor, das Ziel sei, möglichst viele 18-Jährige an die Front zu schicken. Ausserdem gerieten nun auch Mädchen vermehrt in den Fokus der Militarisierung.

Minderjährige unter Terroranklage im Gefängnis  

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Ein besonderes Anliegen der Menschenrechtlerin Kateryna Raschewska ist das Schicksal ukrainischer Minderjähriger, die in den besetzten Gebieten im Gefängnis sitzen, weil sie den russischen Besatzern Widerstand geleistet haben. Sie hätten beispielsweise Flugblätter verteilt oder offen ihre Loyalität zum ukrainischen Staat bekundet. Dies reichte bereits, um sie unter der Anklage des Terrorismus ins Gefängnis zu bringen, wo sie laut der Menschenrechtlerin misshandelt und wie erwachsene Kriminelle behandelt werden. Sie seien in einer verzweifelten Situation. «Der einzige Weg, aus dem russischen Gefängnis zu kommen, ist die Teilnahme am Krieg gegen die Ukraine», so Raschewska. Russland wolle diese Minderjährigen in russische Soldaten verwandeln und als Kanonenfutter verheizen. Raschewska bittet die Weltöffentlichkeit darum, sich für diese Jugendlichen einzusetzen.

Der Kreml verfolge damit mehrere Ziele: der Ukraine die Zukunft zu stehlen, gefallene Soldaten zu ersetzen und die Armee zu stärken, wohl mit dem Ziel, eine neue Etappe der Aggression zu lancieren.

Sie werden eine mächtige Armee mit Soldaten haben, die seit dem Kindergarten darauf trainiert ist, mit Waffen umzugehen.

Raschewska betont: Die Militarisierung der ukrainischen und auch der russischen Kinder sei eine potenzielle Bedrohung der Sicherheit Europas: «Sie werden eine mächtige Armee mit Soldaten haben, die seit dem Kindergarten darauf trainiert ist, mit Waffen umzugehen.» Und denen man beigebracht habe, dass Krieg ein legitimes Mittel sei, Interessen durchzusetzen.

Kinder in Militäruniformen im Freien.
Legende: Kinder mit Militäruniform und Sturmgewehren in der Hand. Ein normales Bild bei Sarnitsa 2.0. The Kyiv Independent

Die Journalistin Bida sieht das genauso: «Das System funktioniert», sagt sie. Sie hat Beweise dafür, dass Männer aus Donetsk, die ab 2014 unter Besatzung zur Schule gingen, an der Grossinvasion gegen die Ukraine teilgenommen hätten und gefallen seien. Sie wurden zu loyalen Russen und zu Feinden ihres eigenen Landes erzogen. Und gegen die Heimat in den Krieg geschickt.

Sie bereiten neue Generationen für diesen Krieg vor.

1.6 Millionen Kinder lebten in den besetzten Gebieten der Ukraine, alle von ihnen seien bedroht, warnt Bida. Und sie fügt an: «Wenn ich Nachrichten lese wie: Ende Monat wird der Krieg enden, dann denke ich: Wirklich? Nein, ich glaube nicht, dass Russland aufhört. Sie bereiten neue Generationen für diesen Krieg vor.»

Echo der Zeit, 23.1.2026, 18 Uhr;weds

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