Weltweit gibt es immer mehr Kriege und – auch aufgrund des Klimawandels – immer mehr und heftigere Naturkatastrophen. Die Not nimmt entsprechend zu. «Es brauchen inzwischen gegen 250 Millionen Menschen dringend humanitäre Hilfe, sagt Tom Fletcher, der oberste Chef der UNO-Nothilfeorganisation Ocha.
Schon bisher konnte seine Organisation, die Ocha, nicht allen helfen. Das Ziel der UNO für das ablaufende Jahr lautete: Mit 47 Milliarden Dollar 190 Millionen Menschen das Nötigste verschaffen: Essen, Obdach, medizinische Grundversorgung.
Das Problem: Bis jetzt, wenige Tage vor Silvester, kamen von den benötigten Geldern bloss 15 Millionen zusammen, weniger als ein Drittel: «Wir sind überfordert, unterfinanziert und unter Beschuss», sagt Fletcher. Tatsächlich wurden 2025 fast 400 humanitäre Helferinnen und Helfer getötet, mehr als je zuvor – und häufig absichtlich.
«Spendiermüdigkeit» und Ernüchterung bei der Ocha
Westliche Staaten sind die mit Abstand bedeutendsten Spender für Nothilfe. Aber fast alle stehen finanziell gewaltig unter Druck und zahlen weitaus weniger als früher. Ganz besonders haben die USA ihre Hilfsbudgets gekappt – «und manche Politiker sind auch noch stolz darauf», sagt der Ocha-Chef.
Internationale Organisationen und Hilfswerke sprechen neuerdings von «Donor Fatigue», also von «Spendiermüdigkeit». Bei der Ocha herrscht Ernüchterung: Statt so viel Geld zu fordern, wie sie eigentlich bräuchte, ist im Appell für 2026 bloss noch von 23 Milliarden Dollar für 87 Millionen Hilfsbedürftige die Rede.
Was derzeit fehlt, ist der politische Wille und der moralische Kompass.
Man reduziert also die eigene Ambition auf die Hälfte, in der Hoffnung, dass wenigstens diese Mittel zusammenkommen. Im Alltag bedeute das aber, dass man sich auf jene beschränkt, die am dringendsten Hilfe benötigen. Was zugleich heisst: Die etwas weniger Notleidenden gehen leer aus.
Vor den Medien schilderte Fletcher emotional seinen jüngsten Besuch im sudanesischen Darfur, seine Begegnung mit einer Frau in einer katastrophalen Lage: «Gibt es irgendjemanden», fragt er rhetorisch, «der oder die – unabhängig von der Herkunft, von der politischen Haltung, vom Glauben – findet, man brauche dieser Frau nicht zu helfen?»
Tatsache ist: Die humanitäre Hilfe reicht bei Weitem nicht mehr für alle. Sarkastisch merkt Fletcher an: «Die Welt steckt Unsummen in die Entwicklung führerloser Autos oder die Besiedlung des Mars – aber für humanitäre Hilfe fehlt das Geld …»
Mit schwerwiegenden Konsequenzen: noch mehr gewaltsame Konflikte, noch mehr Migration und eine noch instabilere Welt. UNO-Generalsekretär António Guterres drückt es so aus: «Was derzeit fehlt, ist der politische Wille und der moralische Kompass.»