Bei einer kurzfristig einberufenen Wahlveranstaltung in einer Turnhalle im Zentrum Tokios kämpft der LDP-Politiker Kiyoto Tsuji um seine Wiederwahl. Als Staatsminister für Umwelt gehört er zur Regierung Takaichi – und wurde vom frühen Wahltermin selbst überrascht. «Niemand hat damit gerechnet», sagt er.
Obwohl Prognosen auf eine Mehrheit für die regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) hinweisen, bleibt Kiyoto vorsichtig. Das kalte Wetter, die kurze Vorbereitungszeit und verspätet verschickte Stimmzettel könnten die Wahlbeteiligung drücken.
Takaichi im Hoch – LDP im Tief
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Während Regierungschefin Takaichi persönlich hohe Zustimmungswerte erreicht, ist ihre Partei belastet. Spendenaffären und Korruptionsskandale drücken auf die Beliebtheitswerte der LDP.
Auf den Wahlzetteln steht jedoch nicht die Regierungschefin selbst, sondern Parteikolleginnen und -kollegen wie Kiyoto.
Unterstützung der Jungen
Vor allem junge Wählerinnen und Wähler zeigen sich hin- und hergerissen. Die 19-jährige Studentin Hanako wünscht sich Veränderung. Sie will «etwas anderes, als was wir bisher hatten.»
Ihre Hoffnung verbindet sie überraschend dennoch mit Takaichi. Mit ihr habe sich etwas geändert. Für viele symbolisiert die Regierungschefin ein Bruch mit der bisherigen politischen Ästhetik in Japan.
Auch die 23-jährige Haruka schwankt: Sie setzt auf die Ministerpräsidentin, fürchtet aber, mit ihrer Stimme andere Kräfte innerhalb der Regierungspartei LDP zu stärken.
Erzkonservative Takaichi
Laut dem Politologen Koichi Nakano von der Sophia-Universität in Tokio profitiert Takaichi besonders von ihrer starken Medienpräsenz, ihrem unkonventionellen Auftreten und einer gezielten Social-Media-Strategie.
«Natürlich spielt auch eine Rolle, dass sie die erste weibliche Regierungschefin Japans ist – in einem Land, das lange Zeit von eher farblosen Männern in grauen Anzügen regiert wurde», so Koichi Nakano.
Gleichzeitig werde dabei oft übersehen, dass Takaichi politisch streng konservativ sei. Er zweifelt daran, ob sie wirklich für Veränderung steht. Tatsächlich kandidieren nun wieder zahlreiche LDP-Kandidatinnen und Kandidaten, die ihre Posten im Zuge der Partei-Skandale verloren haben.
Viele Kandidaten – eine zentrale Figur
Takaichi sei es aber gelungen, sich als Figur zu inszenieren, die gewissermassen über der Parteipolitik stehe, meint Politologe Nakano. Und so könnte sie es schaffen, ihre Partei zu einer starken Mehrheit zu führen – trotz Hürden.
Für den 22-jährigen Tamako ist die Entscheidung bereits gefallen: Er will Takaichi unterstützen, weil diese umsetze, was sie verspreche. Seine Aussage unterstreicht: Obwohl fast 1300 Kandidierende zur Wahl antreten, wird vor allem über eine Person abgestimmt, die nicht auf dem Wahlzettel ist – Sanae Takaichi.