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Bringen die Taliban US-Präsident Biden in Bedrängnis?
Aus Echo der Zeit vom 14.08.2021.
abspielen. Laufzeit 06:15 Minuten.
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US-Abzug aus Afghanistan Joe Bidens erste grosse Krise

Eine Stadt nach der anderen fällt in die Hand der Taliban – und dies in atemberaubendem Tempo. Dies alles passiere viel schneller, als die US-Regierung unter Joe Biden angenommen hatte, erklärt US-Korrespondentin Isabelle Jacobi. Das Gespräch wurde vor dem Beginn des Vorrückens der Taliban in die Hauptstadt Kabul geführt.

Isabelle Jacobi

Isabelle Jacobi

USA-Korrespondentin, SRF

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Nach dem Studium in den USA und in Bern arbeitete Jacobi von 1999 bis 2005 bei Radio SRF. Danach war sie in New York als freie Journalistin tätig. 2008 kehrte sie zu SRF zurück, als Produzentin beim Echo der Zeit, und wurde 2012 Redaktionsleiterin. Seit Sommer 2017 ist Jacobi USA-Korrespondentin in Washington.

SRF News: Die Biden-Regierung ging davon aus, dass es längere Zeit dauern würde, bis sich die Taliban in Afghanistan ausbreiten. Nun erobern sie in nur wenigen Tagen und Wochen Stadt um Stadt. Warum diese kolossale Fehleinschätzung? 

Isabelle Jacobi: Die US-Regierung hat die Stärke der afghanischen Armee offensichtlich überschätzt. Ein Geheimdienstbericht Ende Juni ging davon aus, dass es nach dem Abzug der US-Truppen ein halbes Jahr dauern würde, bis Afghanistan an die Taliban fällt. Nun geht es viel, viel schneller.

Die militärische Aufbauarbeit der USA endet gerade in einem Debakel.

Die afghanische Armee bricht wie ein Kartenhaus zusammen. Eine Armee, die die USA über zwanzig Jahre lang aufgebaut haben – sie haben über 80 Milliarden Dollar in Ausbildung und Ausrüstung gesteckt.

Alles für nichts? 

Nein, die afghanische Armee verfügt über eine moderne militärische Ausrüstung inklusive einer Luftwaffe. Aber sie setzt sie nicht ein wie erwartet. In Washington schaut man dem Kollaps fast ein bisschen fassungslos zu. Der Pentagon-Sprecher sagte, die Armeeführung müsse jetzt halt ihre Vorteile ausspielen. Aber nichts kann verhüllen, dass die militärische Aufbauarbeit der USA gerade in einem Debakel endet.

In Gefahr sind in Afghanistan derzeit alle, die für die USA sind oder für die USA gearbeitet haben – besonders natürlich die Angestellten auf der Botschaft oder auch die afghanischen Übersetzer. Was geschieht mit ihnen? 

Rund 1700 Botschaftsangestellte werden derzeit ausgeflogen, direkt in die USA, nach Fort Lee in Virginia. Etwa 20'000 weitere Afghanen und Afghaninnen, zum Beispiel Mitarbeitende von NGOs und US-Medien, können ein Not-Visum beantragen, aber das müssen sie ausserhalb der USA tun.

Die Afghaninnen und Afghanen, die mit den USA zusammengearbeitet haben, bezahlen für diese Fehleinschätzung nun möglicherweise mit ihrem Leben.  

Wenn man ihre Familienmitglieder mitrechnet, muss man eher von einer Zahl von 90'000 Visaanträgen ausgehen. Aber wo wickelt man die ab? Das US-Aussenministerium sucht derzeit mit Hochdruck nach Standorten – im Gespräch ist der Kosovo, Albanien oder der US-Stützpunkt in Guam.  

Warum ist man nicht besser vorbereitet? 

Der chaotische Prozess zeigt, wie sehr die Biden-Regierung vom schnellen Vorrücken der Taliban überrascht worden ist. Die Afghaninnen und Afghanen, die mit den USA zusammengearbeitet haben, bezahlen für diese Fehleinschätzung nun möglicherweise mit ihrem Leben.  

Die Angestellten der US-Botschaft sollen den Auftrag erhalten haben, alle Dokumente mit sensiblen Informationen zu verbrennen. Gehen die USA davon aus, dass auch ihre Botschaft gestürmt wird, wenn die Taliban Kabul einnehmen? 

Offiziell nein. Der Sprecher des US-Aussenministeriums sagt, das sei das übliche Verfahren bei einem Rückzug. Der Plan ist weiterhin, dass das Kernpersonal der Botschaft in Kabul verbleiben soll. Und das Pentagon geht auch nicht davon aus, dass Kabul ganz fällt, sondern belagert wird.

Wie fallen denn die politischen Reaktionen in Washington aus auf den Siegeszug der Taliban? 

Heftig. Der chaotische Abzug aus Saigon am Ende des Vietnamkriegs wird häufig als Vergleich genommen – auch wenn es vielleicht noch etwas früh ist, einen solchen zu machen. Rund 40 Kongressabgeordnete aus beiden Parteien haben Joe Biden einen Brief geschrieben, in dem sie von einem «Dünkirchen-Moment» sprechen – nach der Massenevakuierung an der französischen Küste im Zweiten Weltkrieg.

Präsident Joe Biden selber steht weiterhin zu seinem Rückzugs-Entscheid und auch zum Zeitplan.

Der Führer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell verlangt, dass die US-Flugwaffe die afghanische Armee unterstützt und den Fall von Kabul verhindert.  Und es meldeten sich natürlich auch Stimmen aus der Trump-Regierung – Ex-Aussenminister Mike Pompeo sprach von einem Planungs-Versagen der Biden-Regierung. Präsident Joe selber steht weiterhin zu seinem Rückzugs-Entscheid und auch zum Zeitplan. Die Regierungssprecher versuchen den Eindruck zu verhindern, die Lage sei ausser Kontrolle. 

Die Präsidentschaft von Joe Biden ist mit viel Elan gestartet. Nun dieses Fiasko. Ist das ein Wendepunkt? 

Es ist seine erste grosse Krise. Biden will derjenige sein, der den langen Krieg am 11. September beendet, genau zwanzig Jahre nach «9/11». Biden sagt, das amerikanische Volk stehe hinter ihm – aber die öffentliche Meinung könnte kippen, wenn jetzt Bilder des Entsetzens aus Afghanistan kommen und der Flüchtlingsstrom anfängt. Und so droht Biden am 11. September ein politisches Fiasko statt einem historischen Triumph.

Das Gespräch führte Beat Soltermann.

Echo der Zeit, 15.8.2021, 18 Uhr;

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102 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Bär  (Wahrheitssucher)
    In der Aussenpolitik waren die USA schon seit Jahrzehnten schwach und das unabhängig ob Reps oder Dems regiert haben.
  • Kommentar von Martin Daniel Brülhart  (Kiwi1963)
    Diese Krise ist nicht Joe Biden's erste Krise. Er hat da nur geerbt was gesät wurde. Richtig machen kann man in solchen Staaten eh nichts ausser die Finger davon zu lassen. Das macht er nun hoffentlich
    1. Antwort von Nunzio DiResta  (Nunzio)
      Aber wahrscheinlich hätte er es auch nicht besser gemacht, hätte er die Chance gehabt. Die politischen Abhängigkeiten sind so viel stärker als jeder gute Wille - Obama hat das uns sehr eindrücklich vor Augen geführt.
  • Kommentar von Renata Hari  (hari)
    Was ich heute sah in der Tagesschauhauptaussage: eine gut ausgebildete selbstbewusste afghanische TV-Moderatorin. Und solche Frauen soll es viele geben. Ein Erfolg nicht für die Ewigkeit aber für 20 Jahre? Viel mehr als nichts !!!
    Wir reichen Schweizer tun sehr wenig für die Not in andern Ländern. Wir handeln mit China und unterstützen damit unsägliches menschliches Leid. Jetzt westliche Länder, die etwas versuchten, vernichtend zu beurteilen steht uns Schweizern nicht zu.