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Der US-Wahlkampf wird zunehmend virtuell
Aus Rendez-vous vom 17.09.2020.
abspielen. Laufzeit 08:10 Minuten.
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US-Wahlkampf am Computer Demokraten gehen auf Distanz – im Gegensatz zu den Republikanern

Demokraten vermeiden wegen Corona möglichst die Nähe zu den Wählern – während Republikaner weniger virtuell agieren. Welcher Weg erfolgreicher ist, wird sich zeigen.

Jeden Sonntagabend lädt Dana Cottrell zur virtuellen Bürgerversammlung auf Zoom ein. Während einer Stunde beantwortet die demokratische Kongress-Kandidatin für den Bundesstaat Florida dabei am Computer mithilfe des Chat-Programms geduldig Fragen zu ihren Positionen bei Themen wie Krankenversicherung oder Staatsverschuldung.

Heisse Phase des Wahlkampfs

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Heisse Phase des Wahlkampfs
Legende:Reuters

Der Wahlkampf in den USA ist in der heissen Phase. Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden absolvieren regelmässig Wahlkampfauftritte. Doch wegen der Corona-Pandemie wird vor allem medial um Stimmen gekämpft – mit millionenteuren Wahlkampfspots am Fernsehen. Neben der Präsidentenwahl werden am 3. November aber auch Wahlen für den Kongress sowie regionale und lokale Ämter abgehalten. Dabei setzen viele Kandidatinnen und Kandidaten auf den digitalen Wahlkampf, denn ihnen fehlt oft das Geld für TV-Spots.

Via Zoom werden Cottrell aber auch ganz konkrete Fragen zur brieflichen Stimmabgabe gestellt. Das Thema verunsichert dieses Jahr viele Wählerinnen und Wähler in den USA. Bis zu 1000 Bürgerinnen und Bürger würden sich jeweils über Facebook oder Instagram in die Diskussion einschalten, sagt Cottrell.

Die Spenden bleiben mager

Virtuell könne sie mehr Menschen ansprechen als bei Veranstaltungen in Sälen und Aulen, ist die Demokratin überzeugt: «Das funktioniert aber nur, weil ich bei meiner ersten Kandidatur vor zwei Jahren bereits ein persönliches Kontaktnetz in der realen Welt aufgebaut habe.» Dieses habe sie in den virtuellen Raum übertragen können.

Bildschirm mit Zoom-Fenster.
Legende: So sieht die virtuelle Bürgerversammlung am Sonntagabend auf Zoom für Dana Cottrell aus. SRF/Matthias Kündig

«Negativ ausgewirkt hat sich das Fehlen von physischen Begegnungen bisher nur beim Sammeln von Wahlkampf-Spenden», sagt Cottrell. Gerade mal umgerechnet 36'000 Franken hat sie bisher gesammelt. Dieses Geld reicht nicht für einen grossflächigen Postversand oder Massen-SMS.

Unterstützung aus der Parteizentrale

Abhilfe schafft Big Data, das 2020 nun auch im ländlichen Wahlkreis Einzug gehalten hat. «Zu Beginn war ich schockiert, wie viele Informationen die Datensätze enthielten, die ich monatlich von der staatlichen Wahlkommission von Florida erhalte», sagt Cottrell. Daraus liessen sich detaillierte Rückschlüsse über das Wahlverhalten des Einzelnen ziehen.

Mithilfe eines Daten-Analysten könne sie ganz gezielt Wechselwählerinnen oder verunsicherte Republikaner ansprechen und damit die Kosten für Drucksachen und den Versand per Post oder SMS reduzieren.

T-Shirts mit dem Aufdruck: «Do you dare? Dana Cottrell for US House of Representatives»
Legende: Neben dem virtuellen Wahlkampf macht Cottrell auch Wahlkampf mit eigenen T-Shirts. SRF/Matthias Kündig

Oder sie veranstalte virtuelle Apéros und Housepartys und lade dafür bewusst potenzielle Neuwähler ein: «Im lockeren Rahmen kann ich so Freunde und Nachbarn von demokratischen Stammwählerinnen direkt ansprechen», sagt Cottrell.

Der Wahlkampf ist weniger zeitraubend

Die Kongress-Kandidatin sieht im virtuellen Wahlkampf von zu Hause aus vor allem Vorteile: So sei sie vor zwei Jahren jeden Tag mindestens vier Stunden im Auto unterwegs gewesen. Und das sogenannte Canvassing – von Tür zu Tür gehen und den persönlichen Kontakt suchen – habe sie beim letzten Wahlkampf in ihrem dünn besiedelten, aber grossflächigen Landkreis im ländlichen Florida als ineffizient erlebt.

Cottrell, Porträtaufnahme.
Legende: Dana Cottrell will ins Repräsentantenhaus – doch ihre Chancen sind klein: In ihrem Wahlbezirk in Zentralflorida leben doppelt so viele republikanische Wählerinnen und Wähler wie demokratische. SRF/Matthias Kündig

«Nur wenige der Türen, an die ich damals geklopft habe, wurden auch tatsächlich geöffnet.» Heute könne sie an einem Tag mehr Leute erreichen und mehr Termine wahrnehmen als früher. So ist Cottrell denn überzeugt, dass auch ohne die Corona-Pandemie die Wahlkämpfe in Zukunft wohl vor allem virtuell geführt werden.

Welcher Wahlkampf ist erfolgreicher?

Welcher Wahlkampf ist erfolgreicher?
Legende:Reuters

Floridas Demokraten und die Biden-Kampagne haben die Devise herausgegeben, auf das von-Tür-zu-Tür-Gehen (Canvassing) zu verzichten und auf den digitalen Wahlkampf zu setzen. Man will sich in der Corona-Pandemie als verantwortungsbewusst präsentieren und setzt darauf, dass dies in der Bevölkerung verstanden wird und gut ankommt.

Eine grundsätzlich andere Haltung zum Wahlkampf in Corona-Zeiten haben die Republikaner: Sie sagen, dass die Ansteckungsgefahr bei öffentlichen Veranstaltungen und beim Canvassing nicht grösser sei, als wenn man Einkaufen gehe. Deshalb suchen sie den direkten Kontakt im Wahlkampf.

Wie in früheren Jahren ziehen die republikanischen Kandidaten deshalb von Tür zu Tür, manchmal mit Maske mit dem Konterfei Trumps, manchmal aber auch ohne Schutz und Sicherheitsabstand.

Welche Strategie erfolgreicher ist, wird unter Fachleuten eifrig diskutiert. Bislang fehlen dazu entsprechenden Erfahrungen. Letztlich hängt es wohl davon ab, welche Haltung die einzelnen Wählerinnen und Wähler zur Pandemie haben: Wer sie noch immer als Bedrohung anschaut, empfindet das Vorgehen der Republikaner als leichtsinnig und verantwortungslos.

Wer hingegen denkt, von Corona gehe keine grosse Gefahr mehr aus, schätzt den persönlichen Kontakt und interpretiert die Zurückhaltung der Demokraten eher als Desinteresse oder gar Feigheit. (kuem)

SRF 4 News, Rendez-vous vom 17.9.2020, 12.30 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
    Das erste Gefühl, der Schock, war absolut richtig. Diese Technologien verändern die Demokratie fundamental: Aus der versuchten Beeinflussung der Masse wird die gezielte Manipulation des einzelnen Wählers (der Wählerin). Dabei bleibt die Wahrheit noch extremer auf der Strecke, indem die politische Botschaft individuell den Vorlieben und Abneigungen angepasst wird. Da sind die Lügen in den klassischen Kampagnen Kindergarten dagegen. Sogar „in den richtigen Händen“ eine gefährliche Entwicklung.
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  • Kommentar von Marc Kilchenmann  (marckilchenmann)
    @srf: Nebraska und Maine machen Ausnahmen vom „Winner-takes-all“-Prinzip.
    Bei diesen beiden Staaten werden zwei Elektro*innen an den Kandidaten, der die relative Mehrheit im ganzen Staat erhält vergeben und die anderen Stimmen wie bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus. Ist das in der Prognose der Sitze berücksichtigt? Es geht zwar um wenige Stimmen, aber bei einem knappen Ausgang könnte auch das entscheidend sein.
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    1. Antwort von Ihr Kommentar (SRF)
      @Marc Kilchenmann Guten Tag Herr Kilchenmann
      Wir haben bei unserem Auslandskorrespondenten Matthias Kündig nachgefragt. Hier seine Antwort:
      «Nebraska und Maine sind in der Tat die einzigen zwei Staaten, die nicht sämtliche Elektorenstimmen an den Gewinner/die Gewinnerin vergeben. Wer das Volksmehr erreicht, bekommt zwei Stimmen, die verbleibenden Stimmen bekommt, wer einen der Kongress-Distrikte (congressional districts) gewinnt. Es besteht also die Möglichkeit, dass diese beiden Staaten die Elektoren-Stimmen aufteilen. In der Praxis ist es aber erst zwei Mal vorgekommen, dass ein Kandidat, der nicht das Volksmehr erreicht hat, dennoch eine Stimme bekommen hat (2018 Obama in Nebraska - Trump 2016 in Maine). In allen anderen Jahren haben die siegreichen Kandidatinnen nicht nur die beiden Elektorenstimmen geholt, sondern auch gleich die Elektorenstimmen der Kongressbezirke. Eine Aufteilung der Stimmen in diesen beiden sehr kleinen Staaten ist also die Ausnahme und nicht die Regel. Maine hat nur 4 Elektorenstimmen zu verteilen, Nebraska 5. Angesichts der grossen Zahl von Elektorenstimmen, die von grösseren Staaten vergeben werden (Kalifornien: 55, Texas: 38) sind die Elektorenstimmen aus Maine und Nebraska kaum entscheidend. Mehr als eine Stimme kann der Kandidat, der nicht das Volksmehr erreicht, nicht gewinnen. Ich gehe davon aus, dass die theoretische Möglichkeit in diesen beiden Staaten in den Prognosen einberechnet werden. Allerdings sind Umfragen in diesen sehr bevölkerungsschwachen Gebieten meist mit einiger Vorsicht zu geniessen.»
      Liebe Grüsse SRF-News Redaktion
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    2. Antwort von Marc Kilchenmann  (marckilchenmann)
      @srf:
      Vielen herzlichen Dank für diese umfassende Antwort! Das ist Service public!
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