Ein Auto rollt in die Waschstrasse, wird mit einem Hochdruckreiniger abgespritzt. «Schnell, schnell!», rufen die Angestellten auf Spanisch. Los Angeles, die Stadt der Autos. Nirgendwo gehören glänzende Autos so sehr zum Alltag wie hier. Und nirgendwo sonst in den USA werden so viele Autos von Hand gewaschen: ohne automatische Bürsten, sondern mit Schwämmen und Lappen.
Auch Flor Melendrez lässt ihren Toyota so waschen. Das sei typisch für L.A.: «Hollywood spielt sicher eine Rolle, doch egal ob luxuriös, getunt oder gebraucht, hier wollen die Leute ihr Auto sauber und glänzend.»
Mit einem Föhn wird ihr Auto getrocknet, dann von Hand mit einem weichen Tuch auf Hochglanz poliert. Und fertig. Die meisten Beschäftigten in der Autowaschbranche sind Migrantinnen und Migranten, viele ohne geregelten Aufenthaltsstatus. Reden will niemand, zu gross ist die Angst.
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Flor Melendrez kennt die Gründe. Sie ist Geschäftsführerin des «Clean Car Wash Worker Center», der einzigen Non-Profit-Organisation für Beschäftigte der Autowaschbranche in den USA.
Razzien abseits der Öffentlichkeit
Früher habe sie sich für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen eingesetzt. Doch das habe sich mit der ersten Razzia der Einwanderungsbehörde ICE letzten Sommer geändert. Ein Mitglied habe angerufen: Die Waschanlage sei überfallen worden, als wäre es eine Entführung gewesen.
Seither hätten die Razzien nie aufgehört. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Seit der Grossrazzia in Minneapolis, bei der die Grenzschutzbehörde Anfang des Jahres zwei Menschen getötet hat, schickt Präsident Donald Trump nicht mehr Hunderte von Beamten gleichzeitig in eine bestimmte Stadt. Doch abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit finden täglich Einsätze statt, bei denen Autowaschanlagen in Los Angeles ein beliebtes Ziel sind.
Der Grund sei einfach, sagt Flor Melendrez: «Eine Waschstrasse ist so konzipiert, dass man ohne Absperrung einfach reinfahren kann, obwohl es privater Grund ist.» Die ICE-Fahrzeuge seien nicht gekennzeichnet und kaum von normalen Kunden zu unterscheiden. Alles gehe sehr schnell: «Es kommen zehn, manchmal zwanzig Autos. Maskierte, bewaffnete Männer steigen aus, gehen auf alle los und nehmen sie in weniger als zehn Minuten mit, ohne Fragen zu stellen.»
Angst und Verunsicherung
Die Angst und die Verunsicherung in der gesamten lateinamerikanisch geprägten Autowaschbranche seien riesig, sagt Flor Melendrez: «Angestellte werden unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus mitgenommen. Entscheidend ist, wie sie aussehen und welche Sprache sie sprechen. Viele wägen täglich ab, ob sie zur Arbeit gehen, um ihre Familie ernähren zu können, und das Risiko eingehen, verhaftet zu werden.»
Melendrez bereitet ihre Mitglieder nun vor: «Wir machen Rollenspiele und üben verschiedene Szenarien.» Sie glaube an eine widerstandsfähige Latino-Gemeinschaft. Gleichzeitig wisse sie, dass viele zu Hause bleiben, weil sie sich nur dort sicher fühlten.
Bei der Waschanlage geht der Betrieb weiter. Autos werden gewaschen, getrocknet und poliert. Doch in den Blicken der Angestellten liegt Misstrauen. Sie sind sich nicht sicher, ob nicht doch jemand im Auftrag der Einwanderungsbehörde ICE hier ist, um sie auszuspionieren und später mitzunehmen.