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Deutschland will Völkermord in Namibia anerkennen
Aus Tagesschau vom 28.05.2021.
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Verbrechen in der Kolonialzeit Deutschland will Völkermord in Namibia anerkennen

  • Nach jahrelangen Verhandlungen will sich Deutschland mit seiner früheren Kolonie – dem heutigen Namibia – aussöhnen.
  • Das Deutsche Reich war von 1884 bis 1915 Kolonialmacht im heutigen Namibia und schlug Aufstände brutal nieder.
  • Zwischen 1904 und 1908 sind dabei gemäss Historikern rund 75'000 Menschen – Angehörige der Volksgruppen der Herero und Nama – getötet worden.
  • Die Bundesregierung will nun die Gräueltaten an den Volksgruppen der Herero und Nama als Völkermord anerkennen und die Nachfahren finanziell unterstützen.

«Als Geste der Anerkennung des unermesslichen Leids, das den Opfern zugefügt wurde, wollen wir Namibia und die Nachkommen der Opfer mit einem substanziellen Programm in Höhe von 1.1 Milliarden Euro zum Wiederaufbau und zur Entwicklung unterstützen», sagte Bundesaussenminister Heiko Maas (SPD). Deutschland will zudem offiziell um Vergebung für die Verbrechen bitten.

Sechs Jahre für ein Schuldeingeständnis

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Warum hat es sechs Jahre gedauert, bis Deutschland eingestehen konnte, dass das Kaiserreich für Völkermord in Namibia verantwortlich war?

SRF-Deutschland-Korrespondent Peter Voegeli sagt dazu: «2016 hat der deutsche Bundestag eine Resolution verabschiedet, die von einem Völkermord an den Armeniern im osmanischen Reich gesprochen hat. Ankara war erbost und hat Deutschland auf seine Verbrechen in Afrika hingewiesen. So kam das Thema zur Sprache. Das Problem bei diesen Verhandlungen war erstens, dass Berlin auf einer moralischen und keiner rechtlichen Schuld beharrt und dass in dieser noch nicht veröffentlichten Erklärung von Hilfen und nicht von Entschädigungen die Rede ist. Zweitens hat Deutschland mit Namibia und nicht mit den Herero und Nama verhandelt hat.»

Zuvor hatten Delegationen beider Länder nach fast sechsjährigen Verhandlungen eine Einigung über eine gemeinsame politische Erklärung erzielt, der beide Regierungen nun zugestimmt haben. Das Deutsche Reich war von 1884 bis 1915 Kolonialmacht im heutigen Namibia.

Erstmals Eingeständnis eines Völkermords

Während des Herero-und-Nama-Kriegs von 1904 bis 1908 im damaligen Deutsch-Südwestafrika begingen die Kolonialherren einen Massenmord, der als erster Genozid des 20. Jahrhunderts gilt. Historikern zufolge wurden rund 65'000 von 80'000 Herero und mindestens 10'000 von 20'000 Nama getötet.

Die Bundesregierung will in dem Abkommen die Tötung Zehntausender Menschen in der Ex-Kolonie Deutschsüdwestafrika aus heutiger Sicht als Völkermord einstufen. Eine offizielle Bitte um Vergebung soll Berichten zufolge durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Festakt im namibischen Parlament erfolgen.

Deutschlands Vergangenheit als Kolonialmacht

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Deutschland hatte sich ab 1884 Kolonien in Afrika, Ozeanien und Ostasien angeeignet. Es verfügte damit über das viertgrösste koloniale Gebiet und war Besatzungsmacht nicht nur in Deutsch-Südwestafrika (Namibia), sondern auch in Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika (Tansania), im chinesischen Tsingtao und auf Pazifikinseln. Die gewaltvolle Herrschaft der Deutschen führte zu Aufständen und Kriegen. Mit der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg wurden ihre Kolonien dann unter den Siegermächten aufgeteilt.

Mit den 1.1 Milliarden Euro sollen über einen Zeitraum von 30 Jahren vor allem Projekte in den Siedlungsgebieten der Herero und Nama gefördert werden. Dabei soll es um Landreform, Landwirtschaft, ländliche Infrastruktur und Wasserversorgung sowie Berufsbildung gehen. Die Bundesregierung betont aber, dass sich aus ihrer Anerkennung des Völkermords und der Gründung des Hilfsfonds keine rechtlichen Ansprüche auf Entschädigung ergeben, sondern dass es um eine politisch-moralische Verpflichtung geht.

«Ich bin froh und dankbar, dass es gelungen ist, mit Namibia eine Einigung über einen gemeinsamen Umgang mit dem dunkelsten Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte zu erzielen», sagte Maas. «Unser Ziel war und ist, einen gemeinsamen Weg zu echter Versöhnung im Angedenken der Opfer zu finden.»

Langwieriges Prozedere und namibische Kritik

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Hage Geingob an der UNO-Generalversammlung 2019 in New York.
Legende: Hage Geingob an der UNO-Generalversammlung 2019 in New York Reuters

Die jetzt abgeschlossenen Verhandlungen hingen lange Zeit an der heiklen Frage einer finanziellen Entschädigung für koloniale Ausbeutung und Unterdrückung fest. Über lange Strecken muteten sie für Beobachter wie ein Geschacher um Bedingungen und Umstände für die längst überfällige Entschuldigungsgeste Deutschlands an.

Die Bundesregierung habe einer «bedingungslosen Entschuldigung» an die namibische Regierung, ihr Volk und die betroffenen Gemeinden zugestimmt, wolle aber nicht den Begriff «Reparationen» benutzen, hatte Namibias Präsident Hage Geingob noch im vergangenen August geklagt. Auch der Begriff «Heilung der Wunden» wurde als unzureichend abgelehnt.

Die gemeinsame Erklärung muss noch unterzeichnet werden. Maas betonte, dass dies aber keinen Schlussstrich unter die Vergangenheit bedeute. «Die Anerkennung der Schuld und unsere Bitte um Entschuldigung ist aber ein wichtiger Schritt, um die Verbrechen aufzuarbeiten und gemeinsam die Zukunft zu gestalten», betonte er.

PR-Coups Deutschlands?

Die Verhandlungen wurden von Beauftragten der beiden Regierungen geführt, die Herero und Nama waren aber eng eingebunden. Bei einigen Vertretern der Volksgruppen hatten erste Hinweise auf das Abkommen jedoch bereits Kritik ausgelöst. Es sei nichts weiter als ein PR-Coup Deutschlands und ein Akt des Betruges der namibischen Regierung, hatte es in einer Erklärung geheissen.

SRF 4 News aktuell, 28.05.2021, 05:00 Uhr;

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Die Deutschen Kolonialmacht unter dem gnadenlosen Lothar von Trotha als des "Kaisers Holocaust". Sie sehen in der Vernichtung der Hereros "die kolonialen Wurzeln der deutschen Nazi-Ideologie", die schliesslich in der Ermordung von sechs Millionen Juden geendet habe. Es wurden Strafexpeditionen in Marsch gesetzt, die regelrecht Blutbäder unter der einheimischen Bevölkerung anrichteten: in Südwestafrika, in Ostafrika, aber auch in Togo, Kamerun oder in der Südsee. Gräueltaten, Mord und Todschlag
    1. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @ Herr Keller: Naja, im kolonialen Rassismus die Wurzel der Naziideologie zu sehen, finde ich jetzt schon etwas weit hergeholt. Den Vergleichbares gab es mit den Engländern, Franzosen und Portugiesen mit den Indianern und den Schwarzen. Nicht vergessen darf man nicht die Belgier im heutigen Kongo.
  • Kommentar von Jörg Kaufmann  (jka)
    Wie weit zurück will man noch gehen?
    Aus heutiger Sicht sind es zwar Verbrechen, die aber von Leuten begangen wurden die schon sehr lange nicht mehr leben, sowie auch direkte Nachfahren der Opfer leben nicht mehr. Es geschah in einer Zeit als solche Greueltaten überall verübt wurden und die Werte anders waren.
    Die Europäer waren mal Kolonialisten, es wurden aber auch Greueltaten an Europäern verübt, z.B. Piraten aus Nordafrika die Küstengebiete überfielen und weisse Sklaven nahmen., usw...
    1. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @ Herr Kaufmann: Da mögen Die teilweise recht haben. Aber gewisse Verbrechen haben bis heute einen Einfluss. Auch wäre es höchste Zeit das dies kollektiv geschieht und nicht nur in gewissen Ländern.
    2. Antwort von Erik Eisermann  (ECATWEAZLE)
      @ Hr. Kaufmann
      eine Nation oder ein Volk vergisst nie. Vielleicht im Alltag, aber die Wunde bleibt. Abgesehen davon ist eine Geldspritze keine Widergutmachung für das angetane Unrecht. Da muss noch mehr passieren. Siehe Folgebericht zu diesem Thema. Aber eine offizielle Entschuldigung darf und muss sein.
      Freundliche Grüsse, ee
  • Kommentar von Mark Altheer  (Mark_Altheer)
    Hier gehts einmal mehr nur um Geld! Es nützt niemand was wenn man irgendwelche Verbrechen die vor 150 Jahren passiert sind nun gross medial "bereut" und Mia. zahlt. Alles nur vordergründige Symbolpolitik um gut dazustehen. Wir kennen das ja von den Juden und den Meili Akten der UBS damals.
    1. Antwort von Beat Vogel  (birdee111)
      Natürlich, die EU versucht zurzeit auch, Deutschland auszutricksen wegen Kohle natürlich, aber die haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht :D
    2. Antwort von Roger Ebischer  (RO.Ebi)
      Sicher nützt es irgendjemand etwas, wenn das Geld am richtigen Ort genutzt wird! Die Menschen wurden teilweise in eine neue moderne Kultur gezwängt und hatte durch das einen riesen Umbruch in Ihrer eigenen. Da aber die Mittel generell kleiner waren sind durch das neue Sub Kulturen entstanden, die gar nicht mit unseren mithalten können, aber man überlässt Sie einfach ihrem eigenen Schicksal.
    3. Antwort von Javier López  (Javier López)
      "Hier gehts einmal mehr nur um Geld! "

      So wie hier alles. Ist es den hier anders?