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Indien: Todesstrafe zur Prävention von sexueller Gewalt?
Aus Echo der Zeit vom 31.01.2020.
abspielen. Laufzeit 05:42 Minuten.
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Vergewaltigungen in Indien Das Problem ist nicht das Strafmass

Vier zum Tode verurteilte Männer werden erhängt. Was bringt das der indischen Gesellschaft im Umgang mit Vergewaltigern?

Wenn Asha Devi, die Mutter der 2012 vergewaltigten Jyoti Singh Pandey, die Bühne betritt, geht es einem durch Mark und Bein. Von Musik aus Lautsprechern begleitet, betritt die etwa 50-Jährige das Podium einer Veranstaltung am Hindu College im Norden von Neu-Delhi. Die Studenten im Publikum stehen auf, ihr zu Ehren. Die junge Moderatorin des Anlasses, vielleicht selbst im Alter von Jyoti Singh Pandey, bricht in Tränen aus.

Devi tritt ans Mikrofon. In den letzten Jahren ist sie zu einer vehementen Befürworterin der Todesstrafe geworden. Die Hinrichtung der Vergewaltiger ihrer Tochter soll andere Männer davon abschrecken, Frauen dasselbe anzutun, sagt die in einen gewöhnlichen Sari gekleidete Hausfrau und Mutter mit zitternder Stimme. Sie ist keine grosse Rednerin. Ihre Ansprache ist entsprechend kurz.

In diesem Fall wurde die Todesstrafe verhängt

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In diesem Fall wurde die Todesstrafe verhängt
Legende:Reuters

Es geschah im Dezember 2012 in Neu-Delhi. Über mehrere Stunden hat eine Gruppe von Männern eine 23-jährige Inderin in einem Bus vergewaltigt und gefoltert. Die junge Frau erlitt derart schwere innere Verletzungen, dass sie gut zwei Wochen nach der Tat starb. Der Fall schockierte rund um den Globus und trieb in Indien Tausende auf die Strasse. Schnell wurden Rufe laut, die die Todesstrafe für die Vergewaltiger forderten. Dieser Forderung gab die indische Justiz statt: Vier der Männer wurden 2017 vom obersten Gericht letztinstanzlich zum Tode durch den Strick verurteilt. Das Urteil sollte ursprünglich an diesem Samstag, drei Jahre nach dem endgültigen Richterspruch, vollzogen werden. Der Termin wurde aber verschoben.

Devi sagt, sie empfinde Genugtuung, wenn sie mit Studentinnen rede. In vielen von ihnen erkenne sie ihre Tochter wieder. Doch der langwierige Prozess zermürbe sie. Erst wenn die Vergewaltiger tot seien, könne sie wieder ruhig schlafen. Es werde ein Gnadengesuch nach dem anderen gestellt. Devi kommt es vor, als würden die Rechte der Täter höher gewichtet als die der Opfer.

Dem widerspricht Anwältin Maja Daruwala. Jeder Mensch, sogar ein Vergewaltiger, habe Anrecht auf eine adäquate Verteidigung. Die Gnadengesuche seien Teil des Prozesses. Daruwala eine vehemente Kritikerin der Todesstrafe und argumentiert für die lebenslange Haft. Denn in jedem Urteil schwinge ein Quäntchen Zweifel mit. Dieser Zweifel könne bei lebenslanger Haft nochmals überprüft werden, nicht aber bei der Todesstrafe.

Abschreckende Wirkung nicht erwiesen

Devi hat die Zweifel jedoch schon längst abgestreift. Es geht ihr um Prävention: Männer würden es sich künftig zweimal überlegen, eine Frau zu vergewaltigen, wenn sie wüssten, dass sie dafür gehängt würden. Statistisch sei dies nicht erwiesen, weder in Indien noch anderswo, entgegnet Daruwala.

Erst letzte Woche wurde im Bundesstaat Maharashtra ein 19-jähriges Mädchen genauso brutal gefoltert und vergewaltigt wie Devis Tochter.

Asha Devi, die Mutter des Vergewaltigungsopfers, in einer Menschenmenge.
Legende: Asha Devi, die Mutter eines Vergewaltigungsopfers, der 2012 verstorbenen Jyoti Singh Pandey. Keystone

Es sei nicht die Härte der Strafe, die Menschen von Übeltaten abhalte, sondern die Gewissheit, tatsächlich bestraft zu werden, so die Anwältin. Das sei in Indien oft nicht der Fall. Dies liege daran, dass Vergewaltigungsopfer eingeschüchtert würden, damit sie keine Anzeige erstatten.

Mehr Anzeigen seit Rechtsreform

Immerhin das habe sich verbessert, sagt die Anwältin: Die Gruppenvergewaltigung von 2012 führte zu einer grundlegenden Rechtsreform. Dabei wurde die Definition von Vergewaltigung erweitert, eine Mindeststrafe eingeführt und der Opferschutz verbessert. Danach stieg die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungen um über die Hälfte.

Das sei ein Zeichen von besserer Polizeiarbeit und davon, dass die Opfer mehr Vertrauen in die Behörden hätten, sagt Daruwala. Devi sieht es genau umgekehrt: Die Zahl der Vergewaltigungen sei in den letzten Jahren gestiegen, gerade weil noch keiner dafür die Todesstrafe erhalten habe.

Ob die Zahl der Vergewaltigungen in Indien nach 2012 tatsächlich zugenommen hat oder ob einfach mehr Fälle der Polizei gemeldet wurden, lässt sich nicht feststellen. Sicher ist nur: Weniger Sexualdelikte hat es nicht gegeben. Und es bleibt zu bezweifeln, dass an dieser Statistik auch die absehbare Hinrichtung der vier Männer etwas ändern wird.

Echo der Zeit, 31.01.2020, 18:00 Uhr

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Beatrice Fiechter  (thea)
    Todesurteile sind wie "Auge für Auge-Zahn um Zahn", eine unwiderrufliche Vergeltung. Als Christ kann ich einen so brutalen Akt der Gewalt an einer jungen Frau - gegenüber jedem Opfer egal ob weiblich/ männlich - nicht verstehen. Was geht in diesen Menschen vor? Wie kann man jegliches Mitgefühl für lebendige Menschen verlieren, so abstumpfen? Starre Hierarchien u.falsche Moralvorstellungen begünstigen solche Taten. Massive Prävention wäre von Nöten. Ein toter Täter ohne Reue wird nichts ändern!
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  • Kommentar von Hans König  (Hans König)
    Wenn die Beschuldigten eindeutig als Täter ermittelt wurden, finde ich diese Strafe (Massenvergewaltigung und Mord) als richtig.
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  • Kommentar von Cornelia Marthaler  (Cornelia Marthaler)
    Indien und Pakistan gehören zu jenen Ländern, in denen ein ganz ausgeprägter Machismus herrscht. Ausserdem wimmelt es einfach nur so von Menschen und da zählt der und die einzelne immer weniger.
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