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In Brasilien demonstrieren Zehntausende gegen Bolsonaro
Aus Echo der Zeit vom 20.06.2021.
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Verheerender Corona-Ausbruch Brasilien ist in Aufruhr

  • Die Coronalage in Brasilien spitzt sich zu: Mehr als eine halbe Million Menschen sind gestorben; die Impfungen gehen schleppend voran.
  • Zehntausende gehen gegen Präsident Jair Bolsonaro auf die Strasse oder machen mit Protestaktionen auf ihre Wut und Trauer aufmerksam.
  • Sie sprechen in Anbetracht der vielen Toten nicht mehr von einer Pandemie, sondern von einem Genozid.

500 Rosen stecken im Sand an der Copacabana in Rio de Janeiro. 500 Rosen als Gedenken an 500’000 Menschen, die an Corona gestorben sind. Bislang gibt es nur in den Vereinigten Staaten mehr Corona-Todesfälle. Hinter dieser Aktion steckt die brasilianische NGO Rio de Paz.

Rosen stecken im Sand an der Copacabana in Rio de Janeiro.
Legende: 500 Rosen stecken im Sand an der Copacabana in Rio de Janeiro. Keystone

«In Brasilien haben wir keinen Krisenstab eingerichtet, um dem Land eine gemeinsame Corona-Politik zu geben. Deshalb haben wir jetzt 500’000 Tote, Millionen trauernder Brasilianer, unzählige Familien in Angst vor dem Virus, voller Angst zu sterben oder Verwandte beerdigen zu müssen», sagt Direktor Antonio Carlos Costa.

Aus Protest gegen das Corona-Krisenmanagement von Präsident Bolsonaro und unter dem Eindruck dieser Opferbilanz sind am Wochenende Zehntausende Brasilianerinnen und Brasilianer auf die Strasse gegangen.

Die Proteste fanden in mehr als 20 Hauptstädten brasilianischer Bundesstaaten statt. Die Demonstrierenden fordern den Rücktritt Bolsonaros, mehr Impfungen und wirtschaftliche Unterstützung in der Coronakrise. Eine Demonstrantin sagt: «Es dauerte viel zu lange, bis etwas unternommen wurde. Bei den Impfungen hat man erst mal die Leute sterben lassen, bevor gehandelt wurde. Das nennt man Genozid.»

Ein Demonstrant in Brasilien mit einem Plakat.
Legende: Die Demonstrierenden sprechen in Anbetracht der vielen Toten nicht mehr von Pandemie, sondern von Genozid. Keystone

Tatsächlich herrscht in Brasilien scheinbare Normalität. Geschäfte, Restaurants und Bars sind geöffnet, auf den Strassen sind zahlreiche Menschen ohne Masken unterwegs. Die Belegung der Intensivstationen deutet aber auf den Ernst der Lage hin: Im ganzen Land sind sie zu mehr als 80 Prozent belegt. Das brasilianische Gesundheitsministerium registrierte am Freitag knapp 100’000 Corona-Neuinfektionen an einem Tag – so viele wie noch nie.

Bei derzeit mehr als 2000 neuen Todesfällen täglich wird Brasilien bald schon die USA als Land mit den weltweit höchsten Todeszahlen ablösen, rechnet Natalia Pasternak vor. Sie ist Mikrobiologin an der Universität São Paulo und Direktorin einer Denkfabrik für den öffentlichen Gesundheitssektor.

Und was macht Bolsonaro? Er schweigt

«Das Krisenmanagement hat total versagt. Denn die Regierung setzt auf eine Herdenimmunität, also darauf, dass halt alle erst einmal krank werden, um so eine natürliche Immunität zu erreichen», sagt sie und erklärt weiter: «Und deswegen braucht man nichts zu unternehmen. Keine Impfungen, keine Massnahmen und gleichzeitig die Wirtschaft schützen – das ist aber eine Lüge.» Es gebe den Gegensatz «entweder Wirtschaft oder Gesundheit» nicht.

Bislang haben in Brasilien knapp 30 Prozent der Menschen eine erste Impfdosis erhalten, etwa elf Prozent sind vollständig geimpft. Gesundheitsminister Marcelo Queiroga sagte kürzlich, er arbeite unermüdlich daran, dass alle Brasilianerinnen und Brasilianer in kürzester Zeit geimpft werden könnten.

Und Bolsonaros Reaktion auf die traurige Opferbilanz der Pandemie in Brasilien: Er schweigt.

Echo der Zeit, 20.06.2021, 18:00 Uhr

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56 Kommentare

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  • Kommentar von Stefan Gisler  (GiJaBra)
    Titel Brasilien in Aufrur fast wie im Blick. Hier in der Region Recife war nicht wirklich was zu spüren. Betreffend Notfalkspitäler hat sich die Situation übrigens die letzten 7 Tage hier verbessert, zudem sind die öffentlichen Spitäler immer überbelegt, auch ohne Covid. Die Impfungen zeigen wohl Wirkung. Die Massnahmen gegen Covid sind halbherzig aber bei Lockdown leidet die arme Bevölkerung noch mehr. Hier ist nicht die CH, alles viel komplexer. Regierungen jedoch überfordert, das stimmt
    1. Antwort von Erik Eisermann  (ECATWEAZLE)
      Schön, eine reale Beschreibung zu erhalten als Gegenpol zu den hiesigen Nachrichten. Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht.
      Allerdings ist Recife nicht gleich Rio, oder?
      Freundliche GRüsse, ee
  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Hallo? Aber das hören wir doch schon seit Monaten, dass in Brasilien die Spitäler nächstens kollabieren und sich die Lage zuspitzt. Wie "spitz" kann sie denn noch werden? Und 80% Auslastung der IPS . Das hatten wir doch auch bei uns in der Schweiz?
    Und 30% Erstgeimpfte in einem Staat wie Brasilien. Ist nun wirklich auch nicht schlecht, wenn man weis wie südamerikanische Staaten oft funktionieren. So im ergleich zum "Organisationsweltmeister" Deutschland...
  • Kommentar von Tim Luethi  (timluethi)
    Bei strengeren Corona Massnahmen wären wahrscheinlich mehr Leute verhungert als am Virus gestorben. Ein Lockdown in einem Land wo viele von der täglichen Arbeit für Lebensmittel abhängig sind, kann ein Lockdown tödlich werden. Zudem sind 500'000 relativ zur grossen Bevölkerung weltweit gesehen nicht überdurchschnittlich.
    1. Antwort von Erik Eisermann  (ECATWEAZLE)
      Entschuldigung - es geht um Menschen, egal wo sie sind. Und 500000 müssen nicht sein.
    2. Antwort von Philipp Notter  (Phil1)
      Da haben Sie wohl Recht Herr Luethi
      Pro Jahr sterben in Brasilien ca. 1,3 Mio. (Schnitt der letzten 10 Jahre). 2019 waren es 1,37 und 2020 waren es (inkl. Corona und Bevölkerungswachstum) 1,40 Mio. (Quelle: Weltdatenantlas)
    3. Antwort von Valentin Haller  (VH)
      Herren Lüthi und Notter

      Zwei Dinge: Erstens ist es Spekulation, ob bei strengeren Massnahmen mehr Menschen gestorben wären. Man hätte beispielsweise Lebensmittel verteilen können. Oder Gratismasken. Oder anderweitige Unterstützung anbieten. Wenn aber der Präsident das Virus als „Grippchen“ bezeichnet und nichts tut, ist die Katastrophe vorprogrammiert.

      Zweitens sind die Todeszahlen in Brasilien unzuverlässig. Laut UN werden nur etwa zwei Drittel aller Todesfälle (teils) amtlich erfasst.
    4. Antwort von Stefan Gisler  (GiJaBra)
      @Lüthi, das sehen sie genau richtig, Lockdowns führen zu mehr Armut und Leid. Tja was ist dir wichtiger, deine Familie ernähren und Covid zu erkranken oder deine Familie wochenlang Hunger leiden zu lassen, das Dach über dem Kopf verlieren. Ich sehe jeden Tag mehr Leute hier auf der Strasse, trauriger Anblick und der Staat hilft nicht.
    5. Antwort von Stefan Gisler  (GiJaBra)
      @Haller, bei härteren Massnahmen wäre viele Menschen in noch grössere Armut gestossen worden.
      Die einzelnen Bundesstaaten sind für die Mass ahmen verantwortlich nicht Bolsonaro. Aber wie alle Politiker hier stopfen sie das Geld lieber in die eigenen Taschen. Unterstützung kann beantragt werden, tja 60ü RS, etwas mehr als 10ü Franken, zu wenig zum leben, zu voel zum sterben. Traurig aber wahr. Sie könnenaber gerne Projekte hier unterszützen ein paar 10ü Fr. helfen schon wenn das mehrere tun.
    6. Antwort von Luciano Rousseau  (LLR)
      Herr Haller, genau gleich ist es Spekulation zu glauben ein Land lahmzulegen würde weniger tote bringen. Ihr Vorwurf an die Herren Lüthi und Notter müssen Sie auch Ihrer eigenen Aussage stellen. Einigen wir uns darauf, dass wir nichts von dem wissen.
    7. Antwort von Valentin Haller  (VH)
      Herren Gisler und Rousseau:

      Ich bestreite nicht, dass man ein Land wie Brasilien kaum in einen Lockdown schicken kann. Meine Position ist bloss, dass die Verharmlosung und Ignoranz Bolsonaros die Situation unnötig verschlimmert und Leben gekostet hat.

      Es gibt nicht nur Lockdown ja/nein. Wie wir inzwischen hoffentlich alle wissen, sind Abstand, Masken und Kontaktreduktionen die wirksamsten Massnahmen. Wenn kein Lockdown möglich ist, dann müssen diese Ziele anderweitig angestrebt werden.