Ein Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff sorgt derzeit für Schlagzeilen. Wir sprechen mit einer Expertin für Infektiologie über die Hintergründe und mögliche Risiken.
SRF News: Wie konnte es zu einem solchen Ausbruch auf einem Schiff kommen?
Isabella Eckerle: Wir wissen, dass unter bestimmten Umweltbedingungen, wie zum Beispiel viele Menschen auf engem Raum, auch weniger ansteckende Viren ungewöhnliche Transmissionsereignisse hervorrufen können. Kreuzfahrtschiffe sind dafür prädestiniert, das kennen wir auch von anderen Viren wie SARS-CoV-2 oder Noroviren. Ausbrüche sind dort oft schwerer zu kontrollieren als an Land. Ich glaube, diese besondere Situation, eine Verkettung unglücklicher Umstände, hat zu diesem Ausbruch geführt.
Solche Ereignisse gibt es oft, sie führen aber nicht zu grösseren Ausbrüchen und werden kontrolliert.
Sie sprechen von Umständen. Könnte das Virus auch mutiert sein?
Ausschliessen können wir es nicht, die Sequenzierung läuft noch. Aber diese Viren sind sehr eng mit ihrem Wirt, Mäusen oder Ratten, verknüpft. Sie fühlen sich im Nagetier wohl, das Nagetier wird nicht krank. Es gibt für das Virus eigentlich keinen Grund zu mutieren. Wenn es aber zu Mensch-zu-Mensch-Übertragungen kommt, könnte das passieren. Davon gehen wir im Moment aber nicht aus. Wir erwarten kein verändertes Virus.
Aber wenn es zu mehr Übertragungen zwischen Menschen kommt, könnte es mutieren?
Genau. Bei RNA-Viren, die in einen neuen Wirt übergehen, kann es zu Mutationen kommen, da sich das Virus anpassen muss. Lange Übertragungsketten im Menschen könnten das bewirken. Deshalb plädieren wir dafür, solche Ausbrüche früh zu kontrollieren. Es ist aber noch unklar, wie viele Fälle sich vielleicht in Argentinien über Mäuse angesteckt haben, oder ob es eine Infektionsquelle auf dem Schiff gab. Mensch-zu-Mensch-Übertragungen sind aufgrund der Inkubationszeiten denkbar, aber der endgültige Beweis fehlt noch. Wir brauchen bald sequentielle Daten und eine genaue epidemiologische Aufarbeitung.
Wie überraschend ist ein solcher Ausbruch für Sie als Forscherin?
Es ist ein Phänomen, das wir bei seltenen Viren immer wieder sehen. Sie sind nicht leicht übertragbar, und trotzdem kommt es durch Zufall oder unglückliche Umstände zu solchen Ereignissen. Ich glaube, dieses Ereignis hat keine Relevanz für die allgemeine Bevölkerung. Ich rechne nicht mit dem nächsten Pandemie-Virus. Es ist eine sehr komplexe Situation, da Menschen aus verschiedenen Ländern betroffen sind. Trotzdem beunruhigt es mich nicht sehr, abgesehen von der Tragik für die Betroffenen.
Das heisst, auch bei seltenen Erkrankungen kann es unter besonderen Umständen zu einem grösseren Ausbruch kommen?
Als grossen Ausbruch würde ich das nicht bezeichnen. Was mir auffällt, ist die erhöhte Aufmerksamkeit seit der Covid-19-Pandemie. Solche Ereignisse gehören für uns Virologen zum Alltag. Vor 2020 wäre die Aufmerksamkeit wahrscheinlich nicht so gross gewesen. Solche Ereignisse gibt es oft, sie führen aber nicht zu grösseren Ausbrüchen und werden kontrolliert. Die mediale Aufmerksamkeit und die Befürchtung einer Wiederholung wie bei Covid-19 sind jetzt einfach viel grösser.
Wann wissen wir sicher, ob das Virus mutiert ist?
Die Sequenzierung der Proben ist im Gange. Sie braucht etwas mehr Zeit als ein PCR-Nachweis. Verschiedene Referenzlabore der WHO sind daran beteiligt. Ich denke, wir werden in den nächsten Tagen eine Sequenz haben und dann genauer wissen, um welche Viruslinie es sich handelt und wie die genetische Ausstattung aussieht.
Das Gespräch führte Julius Schmid.