Bei seinem Besuch in Eriwan im Februar besichtigte US-Vizepräsident JD Vance das Museum für den Genozid. Das tun die meisten Staatsgäste, die nach Armenien kommen. Doch dann kam es zum Eklat: Die Museumsdirektorin trat überraschend zurück. Kurz darauf sagte Armeniens Ministerpräsident Nikol Paschinjan, er habe sie dazu aufgefordert. Was war geschehen?
«Am Ende des Besuchs schenkte die Direktorin Vance ein paar Bücher», sagt Suren Manukjan, ein Historiker, der im Museum arbeitet. «Ganz normale Geschichtsbücher über den Genozid, wie sie jeder Besucher kriegt. Und später sagt Paschinjan, die Direktorin habe dem armenisch-aserbaidschanischen Friedensprozess geschadet.»
Jetzt setzt sich unsere Regierung aktiv gegen die Anerkennung des Völkermords ein – zugunsten des Friedensprozesses.
Nach dem verlorenen Krieg um die umstrittene Region Bergkarabach sitzt Armenien in den Verhandlungen mit Aserbaidschan am kürzeren Hebel. Zumal Aserbaidschan von seiner Verbündeten, der Türkei, gestützt wird.
Paschinjan macht viele Zugeständnisse, um den Streit mit den beiden mächtigeren Nachbarn beizulegen. Der Völkermord ist dabei ein wunder Punkt: Für Armenierinnen und Armenier ist er das schmerzhafte Schlüsselereignis ihrer Geschichte. Doch die Türkei leugnet den Genozid und weist jede Verantwortung zurück.
Lange hat Armenien international für die Anerkennung des Völkermords lobbyiert. Aber unter Paschinjan ist das Thema aus der Aussenpolitik verschwunden.
«Jetzt setzt sich unsere Regierung aktiv gegen die Anerkennung des Völkermords ein – zugunsten des Friedensprozesses», findet Suren Manukjan. Der Genozid ist für ihn eine rote Linie. «Dass wir diese Tragödie überlebt haben, ist ein sehr starker Bestandteil der armenischen Identität.»
Es geht jetzt darum, die Türkei nicht zu verärgern. Wir müssen emotionale Fragen von unserer Aussenpolitik trennen.
Mit dieser Identität befasst sich auch Hajk Howjan. Er schreibt Fantasy-Romane mit Elementen aus der armenischen Mythologie. Und er ist ein prominenter Unterstützer Paschinjans. «Ich bin auch ein Nachfahre von Überlebenden des Genozids», sagt Howjan.
«Ich will auch Gerechtigkeit. Aber jetzt geht es darum, die Türkei nicht zu verärgern. Wir müssen emotionale Fragen von unserer Aussenpolitik trennen.»
Paschinjan-Gegner werden inhaftiert
Paschinjan verdiene Respekt für seinen schmerzhaften, aber notwendigen Kurs, findet Howjan. «Es ist mutig von ihm, dass er dem Volk die Wahrheit sagt. Er verheimlicht nicht, dass wir mit dem Genozid jetzt etwas anders umgehen müssen.» Deswegen habe er die Museumsdirektorin so demonstrativ entlassen.
Kritiker der Regierung sehen in der Entlassung ein weiteres Zeichen dafür, dass keine öffentliche Widerrede mehr toleriert werde. Viele Paschinjan-Gegner wurden zuletzt unter dubiosen Umständen inhaftiert. Der Premier, einst ein liberaler Hoffnungsträger, verhält sich oft stur und selbstherrlich.
Der Politologe Tigran Grigorjan fordert mehr Druck aus dem Ausland. «Paschinjans Freunde in der EU verschliessen davor die Augen», sagt er. «Weil sie sehen, dass die Alternative noch schlimmer ist – die russlandfreundliche Opposition spricht offen über einen Abbau der Demokratie. Aber ein Wahlsieg wird Paschinjan in seinem autokratischen Bestreben bestärken.»
Dass Paschinjan auch in der empfindlichen Völkermord-Frage gegen Andersdenkende vorgeht, ist kein gutes Zeichen.