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Vor der Brexit-Abstimmung «Die Briten wollen endlich eine Entscheidung»

Legende: Audio Peter Stäuber über die Brexit-Befindlichkeit der Briten abspielen. Laufzeit 05:09 Minuten.
05:09 min, aus SRF 4 News aktuell vom 15.01.2019.

Mit Spannung wird die Brexit-Abstimmung im britischen Unterhaus von heute Abend vor allem von den Journalisten erwartet. Der Durchschnittsbrite dagegen mag sich mit dem Thema kaum mehr beschäftigen, wie der Journalist Peter Stäuber weiss.

Peter Stäuber

Peter Stäuber

Journalist

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Peter Stäuber, Link öffnet in einem neuen Fenster lebt seit Jahren in London und berichtet von dort unter anderem für die WOZ oder Zeitonline.

SRF News: Am Abend stimmt das Unterhaus über den Brexit-Vertrag mit der EU ab. Kleben heute also alle Britinnen und Briten am Fernseher, Radio oder Smartphone?

Peter Stäuber: Das kann ich mir nicht vorstellen, denn dafür ist das Interesse der Briten an den Brexit-Verhandlungen schlicht zu klein. Die meisten Briten schauen nicht so gebannt nach Westminster, wie das etwa Journalisten tun.

Wollen die Briten nicht wissen, wie ihre Zukunft aussieht?

Das wollen sie eigentlich schon. Doch viele haben abgeschaltet, wenn es um den Brexit geht. Die Debatten um den EU-Austritt dauern jetzt bereits zweieinhalb Jahre – und dabei wurde allzu oft angekündigt, es gehe nun ans Eingemachte, um die Entscheidung. Doch all die Verzögerungen haben bewirkt, dass viele Briten jetzt einfach mal abwarten, bis tatsächlich ein Entscheid gefallen ist.

Viele Briten haben abgeschaltet, wenn es um den Brexit geht.

Zudem ist der Brexit nach wie vor ein sehr abstraktes und komplexes Thema mit bislang noch wenig konkreten Auswirkungen. Solange der britische Bürger nicht sieht, welche Konsequenzen die Entscheidung für ihn selber hat, wird sein Interesse am Thema eher lauwarm bleiben.

Was nach der Abstimmung von heute Abend passiert ist offen: ein Misstrauensvotum gegen die Regierung, ein zweites Referendum, neue Verhandlungen mit der EU. Wie gehen die Briten mit der herrschenden Unsicherheit um?

Es kommt darauf an, mit wem man spricht. Manche Berufsgruppen sind bereits in heller Aufregung. So etwa Leute, die eine Handelsfirma betreiben und auf einen reibungslosen Grenzverkehr angewiesen sind, oder solche, die im Gesundheitsdienst arbeiten. Denn dort wird nach dem Brexit ein Mangel an Fachkräften befürchtet.

Das ewige Aufschieben der Entscheidung geht den Leuten auf die Nerven.

Ihre Warnungen vor der Unsicherheit sind in den letzten Wochen noch dringlicher geworden. Vor allem aber spürt man eine Ungeduld und eine Frustration – sowohl bei den Befürwortern wie den Gegnern des Brexit. Das ewige Aufschieben der Entscheidung geht den Leuten auf die Nerven. Sie wollen den Brexit hinter sich bringen, damit sie sich wieder mit etwas anderem beschäftigen können.

Symbolbild: Britische Fahnen, im Hintergrund Westminster.
Legende: Warten auf die Entscheidung in Westminster. Reuters

Im Falle einer Abstimmungsniederlage für May wird die Opposition wohl ein Misstrauensvotum im Parlament auslösen. Wäre dies das Ende von Theresa May als Premierministerin?

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass die Opposition eine solche Abstimmung gewinnen und damit Neuwahlen herbeiführen kann. Die konservative Partei will nicht riskieren, dass eine Labour-Regierung an die Macht kommt – denn laut Umfragen wäre ein solcher Wahlausgang tatsächlich möglich. Nur wenn May die Brexit-Abstimmung haushoch verliert, könnte es sein, dass ein Vertrauensvotum eine Mehrheit erhält – oder sie von sich aus zurücktritt. Verliert sie die Abstimmung aber bloss relativ knapp, wird May wohl versuchen, einen leicht abgeänderten Deal mit der EU durchzubringen.

Geht die Unsicherheit also auch nach der heutigen Abstimmung weiter?

Das kann durchaus sein. Wenn – wovon hier praktisch alle ausgehen – May die Abstimmung verliert, geht das Gezerre um den Brexit weiter. Mindestens noch einige Wochen lang.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

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24 Kommentare

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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Der Austritt erzeugt in GB aber nicht nur Verlierer. Gewinner könnten die alten Industriegebiete sein. Sie hatten durch die Aufwertung des Pfunds, die auf die wachsende Attraktivität der Finanzdienstleistungen der City zurückzuführen war, ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren und könnten mit der Zurückdrängung der City nun wieder hochkommen. Auf dem Weg über eine Normalisierung des Pfundkurses erhalten die alten Industriegebiete mit neuen stofflichen und digitalen Produkten neue Chancen.
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    1. Antwort von Falco Kirschbein (GrafKrolock)
      Wie soll die Industrie denn bei einer Pfund-Abwertung "wieder hochkommen". Außer ein bisschen Kohle hat GB keine natürlichen Ressourcen, d.h. alle Rohstoffe müssen importiert werden und würden sich bei einer weiteren Abwertung (noch weiter) verteuern. Damit bekommt man sicherlich keine Industrie wieder flott. Würden die Briten in nennenswertem Umfang Dienstleistungen verkaufen, könnte dies anders sein, aber das tun sie nicht. Die künftige harte Grenze zur EU erschwert das zudem erheblich.
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    2. Antwort von Stefan Huwiler (huwist)
      Dies könnte tatsächlich zutreffen. Da sich GB in so ziemlich allen Bereichen um rund 60 Jahre zurück katapultiert wäre eine Wiedererstarkung der Industrie von Ende des Weltkrieges, das Verschwinden des Finanzsektors und ein Gesundheitswesen, das sich mit in Industrieländern längst verschwundenen Krankheiten herumschlägt, nur folgerichtig. Aber ob das die Briten sich bei der Abstimmung so gewünscht haben bezweifle ich.
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  • Kommentar von Jürg Brauchli (Rondra)
    Sollte GB nochmals über den Austritt abstimmen und diesmal nein sagen, dann haben sie def. die A-Karte. Zum Einen nimmt sie dann niemand mehr Ernst, und zum Andern wird dann die EU die Gelegenheit wahrnehmen, viel härtere Bedingungen zu diktieren, als jeh zuvor.
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    1. Antwort von Toni Koller (Tonik)
      Falsch: Wenn GB nicht aus der EU austritt, bleiben die Mitgliedschafts-Bedingungen natürlich unverändert. Nämlich für GB recht vorteilhaft: Mit dem sog. Briten-Rabatt hat GB seit 1985 etwa 170 Milliarden Euro an Mitgliedsbeiträgen gespart - auf Kosten der anderen EU-Länder.
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    2. Antwort von Stefan Huwiler (huwist)
      Warum sollte man Leute nicht ernst nehmen, die ihre Meinung ändern und zugeben, dass sie auf falsche Populistenversprechen hereingefallen sind, die sich als nicht ansatzweise korrekt herausgestellt haben?
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    3. Antwort von Jürg Häusermann (Ebenda)
      Zumindest der bisherige "Rabatt" wäre hin.
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    4. Antwort von Steff Stemmer (Steff)
      In der EU hatte wohl niemand soviele Ausnahmen wie die Briten. Bei einem Abbruch, da die Mehrheit nun realisiert, dass sie von A-Z angelogen wurden, werden die Briten sehr wahrscheinlich genau die selben Bedingungen haben wie vorher! Ihr ewiges Geschwätz von Diktat der EU ist langsam ermüdend, insbesodere es einfach nicht stimmt!
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    5. Antwort von Jürg Brauchli (Rondra)
      @Stemmer/Huwyler: Inwiefern wurden die austrittswilligen GB-Bürger angelogen? Und es ist klar, dass ich Andere als Sie als Populisten ansehe, beispielsweise die EU-Technokraten und ihre Jünger.
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    6. Antwort von Falco Kirschbein (GrafKrolock)
      Herr Brauchli, die EU ist kein eigenständiges Subjekt, das irgendwie "diktatorisch" agiert, sondern eine Schöpfung ihrer Mitgliedsstaaten. Jeder hat das Recht frei zu entscheiden, ob er Mitglied werden und bleiben will. Da die freiwilligen Mitgliedsstaaten sich ebenso freiwillig entschieden haben, Souveränitätsrechte an den Staatenbund abzutreten, beispielsweise in der Handelspolitik, ist völlig klar, dass man als Nichtmitglied nicht die gleichen Möglichkeiten haben kann, wie als Teilnehmer.
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    7. Antwort von Stefan Huwiler (huwist)
      @Brauchli: Es gibt massenhaft Auflistungen über die Lügen und illegalen Machenschaften der Brexit Befürworter während dem Wahlkampf. Wer diese bis jetzt nicht gelesen hat verschliesst ganz offensichtlich bewusst die Augen davor. Für mich persönlich ist jedoch die wichtigste Lüge diejenige, das versprochen wurde man könne mit der EU einen 'Rosinenpickervertrag', der nur die den Britten genehmen Punkte beinhaltet, aushandeln. Die EU hat immer klar gemacht, dass das nicht gehen wird.
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    8. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Laut Ansichtvom Spiegel wäre ein 2. Referendum eine Katastrophe. Das würde enorm den Rechten in die Hände spielen. Zur Zeit finden grosse Demonstrationen in London statt. Befürworter und Gegner vom Brexit treffen aufeinandet. Auch Brüssel sieht jetzt darin eine Gefahr und hat einen Brief nach London gesandt.
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  • Kommentar von Felix Bosshardt (fbosshardt)
    Norwegen, Schweiz und Grossbritannien, Länder mit eigener Währung und bester Demokratie. Das wären gute Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Verbund. Zu dritt gelingt vielleicht ein gesunder Neuanfang für ein Zusammensein mit der EU. Mit einem harten Brexit hätten solche Gedankenspiele vielleicht eine echte Chance.
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    1. Antwort von Falco Kirschbein (GrafKrolock)
      Norwegen ist eng mit der EU verflochten, was dort auch keiner wirklich infrage stellt.
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