Russland war einst der engste Partner der kleinen Südkaukasusrepublik Armenien – im Konflikt mit Aserbaidschan um die umstrittene Region Bergkarabach, aber auch wirtschaftlich.
Nun aber will sich die armenische Regierung aus der Abhängigkeit von Russland befreien und wendet sich der EU zu.
Das ist das Hauptthema bei den Parlamentswahlen vom Sonntag. Dem Kreml passt der neue aussenpolitische Kurs Armeniens gar nicht.
Cognac im Kreuzfeuer
Ein klappriger Lift fährt hinunter ins dunkle Gewölbe. Im Keller der Branntwein-Fabrik Noy in Eriwan stehen Reihe um Reihe riesige Eichenfässer, in denen Cognac reift, der teils über 100 Jahre alt ist.
Cognac habe in Armenien Tradition, sagt Noy-Geschäftsführer Armen Sakarjan, ein Glas bernsteinfarbene Flüssigkeit in der Hand. «Die armenische Erde, das Wetter, die Natur – das alles ist optimal für hochqualitative Weintrauben», sagt er. «Dazu kommt das armenische Quellwasser. Ich bin überzeugt: Armenischer Cognac kann durch nichts ersetzt werden.»
Doch genau das droht nun: Vor dem Hintergrund des proeuropäischen Kurses der armenischen Regierung schränkt Russland die Einfuhr von armenischem Branntwein ein.
Noch ist die Noy-Fabrik nicht betroffen, doch die Importverbote gegen andere Hersteller gelten als Warnsignal.
Noy ist offizieller Cognac-Lieferant des Kremls. Russland sei ihr wichtigster Markt, sagt Armen Sakarjan.
«80 Prozent unserer Produktion gehen nach Russland. Dort ist armenischer Cognac hoch angesehen. Verschlechtern sich Armeniens Beziehungen zu Russland und ist der russische Markt nicht mehr so offen, ist das kaum positiv für uns.»
Handelskrieg und Drohungen
Im Kreml weiss man, wie stark die armenische Wirtschaft von Russland abhängig ist. In den letzten Wochen beschränkten russische Behörden den Import armenischer Blumen, von Gemüse, Früchten, Fisch und Mineralwasser.
Ich erinnere daran, dass die Krise in der Ukraine mit deren Versuch begann, der EU beizutreten.
Wladimir Putin sprach jüngst von «Pflanzenhygienenormen» der EU, die mit russischen Vorschriften nicht kompatibel seien und den Handel mit Armenien tangieren könnten.
Doch er machte auch eine verhüllte, aber unmissverständliche Drohung: «Alles, was für Armenier gut ist, ist für Russland gut», so Putin. «Aber wir müssen alles genau anschauen. Ich erinnere daran, dass die Krise in der Ukraine mit deren Versuch begann, der EU beizutreten.»
Aserbaidschan hat Bergkarabach angegriffen – und Russland hat tatenlos zugeschaut.
Trotz aller Druckversuche: Armeniens Regierung sehe keine Alternative, als sich vom alten Partner Russland zu distanzieren, sagt der Eriwaner Politologe Tigran Grigorjan. Das habe Armeniens Konflikt mit dem Nachbarn Aserbaidschan gezeigt. Russland stand dabei lange an Armeniens Seite.
Enttäuschtes Eriwan
Aber: «Russland ist durch seinen Krieg gegen die Ukraine abgelenkt», so Politologe Grigorjan. «Aserbaidschan hat den Moment genutzt, um die Region Bergkarabach anzugreifen und Zehntausende Armenierinnen und Armenier zu vertreiben. Russland hat tatenlos zugeschaut. Das hat in Eriwan zur Erkenntnis geführt, dass man sich nicht auf Russland allein verlassen kann. Wir brauchen neue Partner.»
Letztlich wünschen sich die Menschen in Armenien keine komplette Abkehr von Russland – bloss den Frieden und die Stabilität, die ihnen die Partnerschaft mit Moskau nicht gebracht hat.