Ministerpräsident Viktor Orban, der sich am Sonntag entscheidenden Wahlen stellen muss, ist beliebt bei ungarischen Minderheiten, die in Ungarns Nachbarländern leben. Denn Orban hat dafür gesorgt, dass sie ungarische Pässe erhalten können – und das Wahlrecht mit dazu.
Zudem werden sie finanziell unterstützt – in Rumänien etwa sind fünf Universitäten von Budapest finanziert. Zum Beispiel die christliche und ungarischsprachige Universität Partium im westrumänischen Oradea. Die Grossstadt war jahrhundertelang Teil Ungarns, bis heute lebt hier eine bedeutende ungarische Minderheit.
Die Partei von Oppositionsführer Peter Magyar ist jung, neu und dynamisch. Das wirkt attraktiv. Orban hingegen hat seine Treue zu den Auslandsungarn bewiesen.
Die Germanistin Andrea Banffy, die an der Universität lehrt, sagt: «Die Uni ist ausschliesslich aus dem Mutterland finanziert. Wir haben ein Vaterland und ein Mutterland.» Das Vaterland sei Rumänien, das Mutterland Ungarn.
Banffy, die als Orban-Unterstützerin gilt, weicht Fragen zu den Wahlen aus. Angesprochen auf Oppositionsführer Peter Magyar sagt sie lediglich: Dessen Partei sei jung, neu und dynamisch, das wirke attraktiv. Sie aber habe das Gefühl, er sei eine Art Zauberlehrling. Orban hingegen habe seine Treue zu den Auslandsungarn bewiesen.
Angst, als Minderheit zu verschwinden
Zsolt Szilágyi ist ein eingefleischter Politiker, der sich für die Interessen der ungarischen Minderheit einsetzt. Er sagt: Die grösste Angst der Ungarn Rumäniens sei, als Minderheit zu verschwinden. Die hiesigen Ungarn sähen die ungarische Politik aus einer einzigen Perspektive: Aus der Perspektive ihrer eigenen Situation. Orban sei die Figur, die ihnen entscheidend geholfen habe.
Man erwartet, dass rund 200'000 rumänische Ungarinnen und Ungarn ihre Stimme abgeben werden. Rund 90 Prozent dieser Stimmen gingen in der Vergangenheit an Orbans Fidesz-Partei. Doch nun ist Oppositionsführer Peter Magyar auf den Plan getreten. Seine Tisza-Partei gewinnt auch in Rumänien an Unterstützung. Letztes Jahr marschierte Magyar zu Fuss bis nach Oradea, um zu signalisieren, dass auch er die Auslandsungarn unterstützt.
Viele rumänische Ungarn sind der Ansicht, Orban hat ihrer Gemeinschaft mit den ungarischen Pässen einen Gefallen getan. Aber Orban hat sich selbst einen Gefallen getan – und seine Macht zementiert.
Von Örs Szeghalmi wurde er mit offenen Armen empfangen. Der 53-Jährige Journalist sagt: Er sei für Tisza, weil die Partei die einzige Möglichkeit darstelle, Orban loszuwerden. Es gebe hier zwar nur wenige, die dächten wie er, aber das verändere sich gerade, etwas gerate in Bewegung.
Vertrauen in Orban erschüttert?
Szeghalmi hat jahrelang bei der ungarischsprachigen Lokalzeitung gearbeitet, wurde aber entlassen, als die Orban-Partei Fidesz ihre Kontrolle über die ungarischen Medien auch auf Rumänien ausweitete. Er war als unabhängiger Kopf unbequem geworden.
Viele rumänische Ungarn seien der Ansicht, Orban habe ihrer Gemeinschaft mit den ungarischen Pässen einen Gefallen getan, sagt er. Orban habe aber sich selbst einen Gefallen getan – und seine Macht zementiert.
Auch der 68-jährige Journalist und Schriftsteller Ervin Szekely beobachtet, dass sich etwas bewegt. Orbans Wähler wichen in letzter Zeit unangenehmen Fragen aus, ganz so, als schämten sie sich, so Szekely. Es falle ihnen schwer, einzugestehen, dass sie sich in Orban geirrt hätten – denn damit müssten sie etwas aufgeben, woran sie jahrelang geglaubt hätten.
Die Auslandsungarn werden bei den Wahlen am Sonntag kaum entscheidend sein, sie können maximal zwei Sitze im 199-köpfigen Parlament bestimmen. Symbolisch wichtig aber ist es allemal, für wen sie ihre Stimme abgeben werden.