Mittag in Mikepercs, einem Dorf in der ostungarischen Tiefebene: Kinder kommen von der Schule, eine Frau fährt mit dem Fahrrad über den Dorfplatz. In den Vorgärten der niedrigen Häuser stehen Obstbäume. Storchennester sitzen auf Dächern und Laternenpfählen. Eva Kozma lebt seit zwanzig Jahren in dieser Idylle. Die 50-jährige Ingenieurin und Mutter sagt, Mikepercs sei ein sehr freundliches, tolles Dorf. Man grüsse sich, könne die Türen offen lassen. Die Stadt Debrecen sei nah mit all ihren Schulen, der Universität, Kinos, Theatern und Museen. «Es gibt sehr viele Storchennester in der Gemeinde. Wir lieben die Störche sehr – und achten darauf, dass die Nester in Ordnung sind.»
Doch seit Sommer 2022 ist alles anders. Damals wurde bekannt, dass der chinesische Konzern CATL Batteriefabriken errichten wird, nur zwei Kilometer neben dem Dorf auf einer Fläche von rund 300 Fussballfeldern. Es ist die grösste ausländische Direktinvestition in der ungarischen Geschichte, Tausende Arbeitsplätze sollen entstehen. Die Fabriken sind das Herzstück eines riesigen Industriegebiets mit zahlreichen Produktionsstätten.
Das gefällt nicht allen im Dorf, Widerstand beginnt sich zu regen. 2023 entsteht die Gruppe «Mütter von Mikepercs». Eva Kozma ist eine dieser Mütter. Sie sagt: Als die Störche nach Beginn der Bauarbeiten im Frühling nach Mikepercs zurückkehrten, seien sie mehrmals über das Dorf geflogen – ganz so, als hätten sie die Landschaft nicht mehr erkannt.
Baustellen und Fabriken bringen Verkehr und Stau, Abgase und Lärm, die Fahrt ins nahe Debrecen dauert nun 40 Minuten statt wie früher eine Viertelstunde.
Auf der Fahrt zum Industriegebiet verändert sich die Landschaft dramatisch. Bagger reissen riesige Flächen auf, Lastwagen stehen im Dreck, Rohre werden verlegt, in der Ferne stehen erste riesige graue, fensterlose Hallen. Hier produziert das chinesische Unternehmen Halms Aluminiumteile für Elektroautos. Die Fabrik ist seit 2023 in Betrieb – als eine der ersten im Industriepark südlich von Debrecen.
Die Behörden stehen auf der Seite der Fabriken.
Ein paar Hundert Meter weiter, entlang der Zufahrtsstrasse zur Fabrik, fliesst ein Bach. Eva Kozma zeigt darauf: «Hier sieht man ein Rohr, es kommt von der Fabrik. Schon kurz nach Beginn der Produktion floss in diesen Bach mit Metallspänen und Ölemulsion verunreinigtes Abwasser.»
Eva und ihre Mitstreiterinnen erhielten schon früh anonyme Hinweise, dass etwas mit dem Bach nicht in Ordnung sei. Doch die Stadt Debrecen informierte erst zwei Tage nach den Lokalwahlen im Sommer 2024 über die Verunreinigung. Bei den Wahlen wurde der Stadtpräsident, ein Vertreter der Orban-Partei, im Amt bestätigt. Er betonte gegenüber den Medien, die Behörden hätten sofort reagiert. Das chinesische Unternehmen musste eine Geldstrafe zahlen, echte Konsequenzen blieben aus.
Eva Kozma sagt: «Das zeigt, dass die Behörden nicht auf der Seite der hiesigen Bevölkerung stehen, sondern auf der Seite der Fabriken.»
Das macht ihr Sorgen, wenn sie an die Batteriefabriken des chinesischen CATL-Konzerns denkt, deren Produktion erst beginnt. «Wir rechnen mit dem Schlimmsten. Es gibt zwar Gesetze, aber die können umgangen werden, und die Behörden werden den Fabriken einen Gefallen tun, statt sich um die Bevölkerung zu kümmern.»
Mit dem Stadtpräsidenten von Debrecen zu sprechen, war nicht möglich. Er hatte keine Zeit für ein Interview. Eva Kozma sagt, für die Bevölkerung sei mangelnde Transparenz der Behörden ein grosses Problem. Es gab zwar eine öffentliche Veranstaltung, aber auch da hätten sie keine Antworten auf ihre Fragen erhalten.
Die Veranstaltung endete in einem Tumult, es gab Buhrufe und sogar Handgreiflichkeiten. Dass sich die Gemüter so stark erhitzten, hat einen Grund: Es ist der Skandal um die Samsung-Batteriefabrik in der Stadt Göd etwas ausserhalb von Budapest. In diesem südkoreanischen Werk sind gemäss Medienberichten während längerer Zeit Giftstoffe in die Umwelt gelangt, Arbeiter waren krebserregenden Stoffen ausgesetzt. Die Regierung soll informiert gewesen sein, aber lange nichts unternommen haben. Schliesslich wurden Geldstrafen verhängt, die Produktion aber geht weiter. Die Regierung, so vermutet man, will die anderen ausländischen Investoren nicht verprellen. Sie weist den Vorwurf allerdings zurück, die Missstände ignoriert zu haben.
Dieser Skandal kocht jetzt, kurz vor den Parlamentswahlen Mitte April, wieder auf. Ein ungarischer Parlamentarier verkündete, das Samsung-Werk sei «das Tschernobyl der Orban-Regierung». Auch Oppositionsführer Péter Magyar bewirtschaftet das Thema. Er meint, für Geld sei die Regierung bereit gewesen, Ungarn zu vergiften. Gemäss Umfragen sehen das viele Ungarn und Ungarinnen ähnlich. Die Debatte um das Samsung-Werk könnte dem Herausforderer Magyar helfen, Orban an der Urne zu besiegen.
Wir stehen vor einem der Zugänge zur ersten, praktisch fertig gebauten Batteriefabrik von CATL. Eine frisch geteerte, schnurgerade Strasse führt daran vorbei, neben Parkplätzen steht eine nigelnagelneue Bushaltestelle bereit, im Hintergrund brummt ein Bagger. Eva Kozma nennt einen weiteren Grund, warum die Fabrik ihr Sorgen macht: Die Herstellung von Batterien verbraucht viel Wasser. Und das in einer Region, die mit Dürre kämpft.
Debrecen beziehe das Wasser über einen Kanal des Flusses Theiss. Der Pegel der Theiss sei aber in den letzten Jahren stark gesunken. Die Batteriefabrik allein werde so viel Wasser verbrauchen wie die ganze Stadt Debrecen: «Woher soll das Wasser dann kommen?»
Dieselbe Sorge gilt dem Strom: Die Batterieproduktion ist energieintensiv. Ungarn aber ist bei der Stromerzeugung in hohem Masse von russischem Gas und Öl abhängig, und es kam auch schon zu Stromknappheit: «Es gab einen Winter, da fuhr keine Strassenbahn, die Kinder mussten mit Mänteln in der Schule sitzen. Und jetzt kommen diese energiefressenden Fabriken. Die Regierung spricht von Energieunabhängigkeit, aber wir sind abhängig von russischem Gas und Öl, und damit versorgen wir dann chinesische Fabriken. Das ist keine Unabhängigkeit.»
Die Aktivistin befürchtet, dass am Ende die Bevölkerung die Zeche zahlen muss für diese Politik. Was erhofft sie sich von der Opposition, falls diese die Wahlen gewinnt und an die Macht kommt? Es wäre schon viel erreicht, wenn die Behörden die ausländischen Konzerne dazu zwingen würden, die geltenden Gesetze tatsächlich einzuhalten, meint Kozma. Und vielleicht sogar Fabriken schliessen würden wenn nötig. Ob es je so weit kommen wird, weiss sie nicht. Sie ist aber überzeugt, dass sie und die anderen «Mütter von Mikepercs» weiterhin wachsam sein müssen.