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Keine Einmischung: Die Opposition kämpft für ein selbstbestimmtes Weissrussland
Aus Rendez-vous vom 25.08.2020.
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Weissrussland in Aufruhr Lukaschenkos Angst und der Glaube an Veränderung

Oppositionsführerin Maria Kolesnikova kämpft für ein neues Weissrussland – selbstbestimmt, aber nicht anti-russisch.

Vergangenen Sonntag. Es sind Bilder, die in die Geschichte eingehen. Alexander Lukaschenko stapft mit einem Sturmgewehr über den Platz vor seinem Palast in Minsk. Draussen in der Stadt haben gerade geschätzt 200'000 Menschen gegen ihn demonstriert.

«Statt auf die Weissrussen zuzugehen, nimmt er eine Waffe in die Hand, verschanzt sich hinter Stacheldraht. Da wird klar, wie sehr er Angst hat. Und wie sehr seine Realität nichts mehr zu tun hat mit der Realität im Land», sagt Maria Kolesnikova.

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Lukaschenko mit einer «deutlichen» Botschaft
Aus SRF News vom 24.08.2020.
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Sie ist zum Symbol des Widerstands gegen einen zunehmend brutalen Diktator geworden. Die 38-Jährige wurde erst vor Kurzem zur Polit-Aktivistin. Sie leitete den Wahlkampf des Bankers Wiktor Babariko – bis dieser verhaftet wurde. Darauf schloss sich Kolesnikova mit zwei anderen oppositionellen Frauen zusammen.

Maria Kolesnikovа
Legende: Drei Frauen haben den Wahlkampf gegen Lukaschenko angeführt. Jetzt – nach der Wahl – ist nur noch eine von ihnen im Land: Maria Kolesnikova. Reuters

Inzwischen ist die Profimusikerin landesweit bekannt. Ihre äusseren Erkennungsmerkmale: kurze, blond gefärbte Haare und knallrote Lippen. Ihre Stärke: Unerschrockenheit und eine klare Strategie. «Der Protest ist dezentral organisiert: in jeder Stadt von Weissrussland, jedem Dorf. Wir haben auch keinen Anführer. Und das ist unsere Stärke. So einen Protest kann man nicht kontrollieren.»

Sie versuchen, uns unter Druck zu setzen, uns ins Gefängnis zu werfen, uns zu zerstören. Aber wir geben nicht auf.
Autor: Maria KolesnikovaWeissrussische Oppositionelle

Kolesnikova ist die letzte des Frauen-Trios, das gegen Lukaschenko Wahlkampf machte. Die anderen beiden sind nicht mehr im Land. Und der Druck bleibt hoch. Die Behörden ermitteln gegen den Koordinationsrat, eine Gruppe, welche die Anstrengungen der Opposition bündeln soll. Mehrere Aktivisten wurden in den letzten Tagen festgenommen.

«Sie versuchen, uns unter Druck zu setzen, uns ins Gefängnis zu werfen, uns zu zerstören. Aber wir geben nicht auf», sagt Kolesnikova. Sie steht exemplarisch für den friedlichen Charakter des Volksaufstandes. Bei öffentlichen Auftritten formt sie ihre Hände immer wieder zu einem Herz. Was für ein Kontrast zu Lukaschenko, der sich mit einer Waffe zeigt.

Keine Einmischung von aussen

Und als vergangenen Sonntag Demonstrierende und Militärs aufeinandertrafen, stellte sich Kolesnikova zwischen die Gruppen und bat die Menschen, Abstand zu halten. Die Bewegung will den Staatschef mit Demonstrationen und Streiks zum Einlenken bringen.

Einen Diktator kann man nicht von heute auf morgen besiegen.
Autor: Maria KolesnikovaWeissrussische Oppositionelle

Und: Sie bietet den Machthabern Gespräche an. Deswegen sieht Kolesnikova auch die angekündigten EU-Sanktionen gegen Lukaschenko und sein Umfeld kritisch: «Wir werben für Dialog, da können wir nicht und gleichzeitig Sanktionen verlangen.»

Einig sei man sich dagegen mit der EU in dem Punkt, dass man das Resultat der Präsidentschaftswahl nicht anerkenne. Lukaschenko behauptet, die Protestbewegung sei anti-russisch.

Kolesnikova weist das entschieden zurück: «Wir wissen genau, dass Russland ein wichtiger politischer und wirtschaftlicher Partner ist für Weissrussland. Wenn die Russen – oder auch die Europäer – uns helfen, mit der amtierenden Macht einen Dialog zu beginnen, begrüssen wir das.»

Gleichzeitig macht die Aktivistin klar, dass eine Einmischung von aussen nicht erwünscht ist. «Denn zum ersten Mal seit 26 Jahren regeln wir Weissrussen unsere Probleme selber.»

26 Jahre regiert Lukaschenko Weissrussland schon. Eine Weile lang hatte er die Unterstützung von Teilen der Bevölkerung, inzwischen stützt sich der Staatschef fast nur noch auf den Sicherheitsapparat. Kolesnikova glaubt trotzdem, das ihr und ihren Mitstreitern noch ein langer Kampf bevorsteht. «Einen Diktator kann man nicht von heute auf morgen besiegen.»

Rendez-vous vom 25.08.2020, 12:30 Uhr

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
    Deprimierend ist, dass die grossen IT Firmen beginnen, sich aus Bielorus zurückzuziehen. Auch die Suchmaschine Yandex, in deren Büros bewaffnete Beamte erschienen. Etwas Vergleichbares hat es in der Ukraine nie gegeben. Übrigens hat gemäss BBC Russian Lukashenko selbst gesagt, dass jetzt russische Journalisten in seinem Staatsfernsehen arbeiten.
  • Kommentar von Franz NANNI  (Aetti)
    Er kann doch nicht aufhoeren... er weis genau, dass er einen wuerdevollenAbgang verpasst hat.. wie einst Mugabe.. aber er wird aehnlich enden.. wie alle.. und die nach ihm kommen werden kaum besser sein.... nun jedes Volk hat die Fuehrer die es verdient...
    1. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @Aetti: Eigentlich ist Lukashenkos Gebaren verwuderlich, denn er muesste doch auch noch in Kenntnis davon sein, was teilweise die Mitschuld am Untergang der DDR war. Es waren im Mai 1989 offiziell gefaelschte Kommunalwahlen, welche durch couragierte Buerger/innen in ueber 700 Wahllokalen aufgedeckt haben und loesten somit eine Protestwelle aus, welche mit Demonstrationen und Friedensgebeten bis hin zum Fall der Mauer beigetragen haben.
  • Kommentar von Hans Peter Auer  (Ural620)
    In Minsk findet eine Kundgebung zu Ehren des inoffiziellen Unabhaengigkeitstags statt Gleichzeitig mit dieser Kundgebung findet eine Kundgebung fuer Lukaschenka statt. Die Demonstranten kamen mit gruenen und roten Fahnen und singen „Weissrussland ohne Tikhanovskaya“ und „fuer den Vater“. Betrachtet man die Videos, dann sind es etwa 1000 Personen.
    1. Antwort von Fritz Meier  (FriMe)
      @ Peter Auer: Ich behaupte - ohne die Videos gesehen zu haben - dass sicher ein paar Aktivisten die Busse gefilmt haben, welche diese 1000 Leute hingekarrt haben. Es erinnert mich an die von der Partei der Regionen bezahlten Gegendemos unter Janukowitsch von Ende 2013/Anfang 2014 in der UA. Evtl. gibt es schon erste Interviews mit ihnen, welche den Preis verraten. Das Lukashenka-Drehbuch erinnert in etlichem an die verzweifelten Versuchen der damaligen pro-russischen Machthabern in der Ukraine.
    2. Antwort von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
      @Meier Ich habe sie gesehen, sah recht überzeugend aus.