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Redefreiheit auch in Indien gefährdet
Aus Echo der Zeit vom 17.02.2021.
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Zensur in Indien Indien erstickt jede Kritik im Keim – ganz legal

Komiker für nicht erzählten Witz verhaftet: Indien geht per Gesetz sogar präventiv gegen jegliche unliebsame Kritik vor.

In Indien ist momentan ein Witz besonders beliebt: Da fragt einer den anderen: Wie ist es so in Indien? Die Antwort: Ich kann mich nicht beklagen. Das klinge nicht schlecht, erwidert der erste, worauf der andere präzisiert: Nein, ich kann mich wirklich nicht beklagen. Ich würde dafür ins Gefängnis gesteckt.

Munawar Farouqui – Komiker, Muslim aus Gujarat

Ein Witz, wie er von Munawar Farouqui stammen könnte. Farouqui ist ein 32-jähriger Standup-Komödiant mit muslimischem Hintergrund, was er in seinen Shows durchaus zum Thema macht: Er sei in Gujarat geboren worden – und habe Gujarat überlebt. Aber nein, er liebe Gujarat. Gujarat sei bekannt für seine religiösen Festivals Navratri, Utrayan – und die Gewaltexzesse.

Farouqui spielt damit auf das Massaker an, das 2002 in Gujrats Hauptstadt Ahmadabad geschah. Der heutige Premier Narendra Modi war damals Chefminister von Gujarat, als Horden fanatischer Hindus die Muslime heimsuchten und über tausend von ihnen töteten.

Vor der Show gestoppt

Anfang Januar war das für einen Zuschauer, Sohn eines Politikers der Regierungspartei, zu viel. Noch vor Farouquis Auftritt stürmte er die Bühne und beschuldigte Farouqui, Hindu-feindliche Witze geplant zu haben. Die Show wurde abgebrochen, Farouqui verhaftet. Ein Shit-Storm im Internet brach über Farouqui her. Über einen Monat sass er in Haft.

Das empört die weit über Indien hinaus bekannte Schriftstellerin und Polit-Aktivistin Arundhati Roy: «Es wäre schlimm genug, wenn er ins Gefängnis müsste für einen Witz, den er tatsächlich gemacht hat», sagt Roy. Farouqui aber habe den Witz noch nicht einmal gemacht.

Farouqui ist kein Einzelfall: Der Journalist Siddique Kappan wurde letzten Oktober verhaftet, als er in Hathras zu einem Vergewaltigungsfall recherchieren wollte. Doch er wurde bereits auf dem Weg dorthin von der Polizei gefasst und ist immer noch in Haft. Die Polizei war der Meinung, er werde einen aufrührerischen Text schreiben.

«Unlawfull Activities Prevention Act»

Einige der schärfsten Geister des Landes sind in Haft, Intellektuelle, Aktivisten, Anwälte Professoren», stellt Roy fest: Das Gesetz, das dies erlaubt heisst «Unlawfull Activities Prevention Act». Die Polizei kann damit präventiv gegen mögliche illegale Aktivitäten vorgehen. Es stammt von 1963 und wurde nach den Terrorattacken auf Mumbai 2008 massiv verschärft.

Gegen «Rationalisten»

Seit etwa drei Jahren wird es vermehrt angewandt, um Kritiker zum Schweigen zu bringen. Die Regierung nennt sie «anti-nationalistische» Kräfte oder «Rationalisten».

Die Booker-Prize-Gewinnerin Arundhati Roy spricht am 22. Oktober 2020 in New Delhi am Anlass «For Our Right to Protest».
Legende: Die Booker-Prize-Gewinnerin Arundhati Roy spricht am 22. Oktober 2020 in New Delhi am Anlass «For Our Right to Protest». imago images

Die Regierung desavouiere alle, die ihr nicht passten und mache sie unschädlich, sagt Roy. Sie gehört wie Munawar Farouqui zweifellos zu diesen «anti-nationalistischen» Kräften. Doch mit Haft muss sie wegen ihrer internationalen Bekanntheit kaum rechnen. Davon macht sie Gebrauch: «Dass ein Staat verschiedene Meinungen zulassen muss, versteht die Regierung von Narendra Modi nicht.» Stattdessen trenne sie die Gesellschaft und schüre Hass.

Dass ein Staat verschiedene Meinungen zulassen muss, versteht die Regierung von Narendra Modi nicht.
Autor: Arundhati RoySchriftstellerin

So deutlich wie Roy wagt sich kaum jemand, die Regierung zu kritisieren. Farouqui macht es auf seine Weise. Auf Bewährung entlassen, hat er kürzlich ein Video gegen Hass im Internet veröffentlicht: Jeder müsse für sich entscheiden, ob er Hassreden im Internet schüre, um Menschen gegen einander aufzubringen. Er sei lieber Komödiant und bringe Menschen zum Lachen. Er hat für Anfang März eine neue Show angekündigt.

Echo der Zeit, 17.02.2021, 18:00 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Alle reden von der grössten Demokratie der Welt. Reine Papierform, wenn die Geschichte Indiens, mit den starren Kasten-Strukturen, wirklich stimmt. Dass Gruppenvergewaltiger vor Strafverfolgung, wenn immer möglich, geschützt werden, ist ein weiterer "Kleks" im Reinheft einer Demokratie. Darum: Da der Trend Richtung Repression von Menschen zügig voranschreitet, sollten wir (Schweiz) unsere Freiheiten und Rechte, in der EINZIGEN WIRKLICHEN Demokratie, mit allen Mitteln verteidigen.
  • Kommentar von Maciek Luczynski  (Steine)
    Die DDR hat sich auch eine Demokratie genannt ...

    Es gibt kein Namens/Funktions-Zertifikat für (für die Qualität / Reife einer) Demokratie, die man an Staaten vergeben könnte.

    Somit können sich sowohl Brasilien, die USA, Indien, Ungarn, Russland, aber auch China oder Nordkorea eine Demokratie nennen, wenn sie wollen. Keiner kann/darf ihnen das verbieten.
  • Kommentar von Simon Weber  (Weberson)
    So was in der Art - nur viel professioneller - wird auch hier bei uns geplant. Das wohl bekannteste Big Data Unternehmen "Palantir" hat bereits Test in Deutschland und der USA
    zur Vorhersage von Straftaten gemacht.