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Zwischen den Fronten «Iranische Bevölkerung unter Daueranspannung und Angst»

Der Iran ist seit fünf Wochen unter Dauerbeschuss: Bomben, Raketen, Drohnen. Der Iran schliesst eine Kapitulation weiter aus, spricht aber von «katastrophalen Folgen» des Krieges. Die Bevölkerung lebt im Ausnahmezustand zwischen den Fronten. Katharina Willinger, ARD-Korrespondentin für den Iran, weiss, wie sich die Menschen dort fühlen.

Katharina Willinger

ARD-Korrespondentin für Iran

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Katharina Willinger berichtet für die ARD seit 2017 über die Türkei und die Insel Zypern und seit 2020 auch über den Iran. Anfang dieses Jahres hat sie die Leitung des ARD-Studios Istanbul übernommen. Sie leitet auch das ARD-Büro in Teheran.

SRF News: Wie geht es der Bevölkerung im Iran?

Katharina Willinger: Die Situation hat sich über die Dauer des Krieges immer mehr verschlechtert. Viele berichten uns, dass sie Beruhigungs- oder Schlafmittel nehmen, um überhaupt Schlaf zu finden. Es sei eine Daueranspannung. Die Menschen machen sich natürlich Sorgen – nicht nur um die eigene Sicherheit, sondern auch um die Sicherheit von Freunden, von Familien.

Sie fragen sich: In welchem Zustand wird der Iran zurückgelassen, wenn der Krieg – wie Trump sagt – in zwei, drei Wochen vorbei sei?

Aus der Hauptstadt Teheran wird uns berichtet, dass die Strassen leer sind. Die meisten Geschäfte mit Ausnahme von Supermärkten, Lebensmittelgeschäften und Apotheken sind geschlossen. Viele Menschen können nicht mehr arbeiten, weil ihre Arbeitsstätten zu sind. Die Schulen sind seit Kriegsbeginn geschlossen. Das schlägt vielen Menschen aufs Gemüt und sie fragen sich: Wo soll das alles noch hinführen? Viele zweifeln daran, dass die Situation wirklich besser werden kann.

Ist die Lage auf dem Land besser?

Es gibt viele Orte im Iran, wo man noch einigermassen in Sicherheit leben kann. Aber das sind vor allem dörfliche Gegenden. Viele Menschen sind in den Norden des Irans geflohen, ans Kaspische Meer. Das haben wir auch schon während des Zwölftagekrieges vergangenen Juni beobachten können. Aber viele können sich das auf Dauer auch gar nicht leisten, weil sich ihre Arbeitsstellen in Städten befinden. Der Iran ist ein urbanes Land. Der Grossteil der Bevölkerung lebt in Grossstädten wie Teheran. Die Menschen müssen arbeiten, müssen zurück. 

Bombenalarmsystem über App

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Da das Internet durch das Regime abgeschaltet ist, sind viele Menschen auf iranische Apps umgestiegen. Das nationale Netz läuft weiter. Laut Willinger funktioniert darüber auch eine Art Frühwarnsystem. Leute, die gerade im Norden sind, schreiben in eine iranische App, wenn sie hören, dass Kampfflugzeuge über den Norden Richtung Hauptstadt unterwegs sind. Dann halten sich die Freunde, die diese Nachrichten bekommen, zumindest für diese Zeit erst mal im Keller auf oder entfernen sich von den Fenstern. So habe sich ein System unter Iranerinnen und Iraner entwickelt, um sich, wenn es das Regime selbst nicht tut, zumindest gegenseitig zu unterstützen, so Willinger.

Wie werden die Angriffe wahrgenommen?

Da existieren viele Gleichzeitigkeiten. Man kann gleichzeitig ein Gegner des Regimes sein und trotzdem auch gegen das Bombardement von aussen sein. Viele haben mitbekommen, wie Tausende Menschen, die gegen das Regime protestiert hatten, vom Regime erschossen wurden. Je länger dieser Krieg geht, desto mehr sehen sie jedoch auch die Zerstörung des Landes, die zivilen Toten und einen US-Präsidenten, der quasi stündlich seine Meinung ändert – auch was die Kriegsziele angeht.

Viele sagen, sie denken eigentlich immer nur maximal bis zum nächsten Tag.

Zudem betont Trump immer wieder, man verhandle mit dem Regime. Das macht vielen Angst. Sie fragen sich: In welchem Zustand wird der Iran zurückgelassen, wenn der Krieg tatsächlich, wie Trump es sagt, in zwei, drei Wochen vorbei ist? Wer ist dann an der Macht? Vermutlich die Revolutionsgarde. Und dass die in irgendeiner Weise gemässigter regiert als die Vorgängerregierung unter Khamenei, das ist völlig auszuschliessen. 

Zerstörte Küche mit offenen Schränken, kaputtem Geschirr.
Legende: Auch Wohnhäuser werden getroffen. Keystone/Matin Hashemi

Denken die Menschen an Flucht aus dem Iran?

Viele sagen, dass sie immer nur bis zum nächsten Tag denken. Es gibt Menschen, die das Land verlassen haben. Dass es eine grosse Fluchtbewegung aus dem Land gibt, das sehen wir jedoch bisher nicht. Eine Kollegin meinte vor kurzem, Iranerinnen und Iraner würden sehr schnell adaptieren. Sie würden sich sich an sehr vieles gewöhnen, weil sie in den letzten Jahren so viel ausgehalten haben. Aber ich nehme doch eine immer grösser werdende Sorge und Angst wahr vor dem, was da in den nächsten Tagen und Wochen noch auf sie zukommen könnte.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Rendez-vous, 2.4.2026, 12:30 Uhr ; 

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