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50 Jahre Frauenstimmrecht: Nationalrat-Pionierin blickt zurück
Aus 10 vor 10 vom 02.09.2021.
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50 Jahre Frauenstimmrecht Hanna Sahlfeld-Singer – für viele war sie reine Provokation

Hanna Sahlfeld-Singer gehörte zu den ersten Nationalrätinnen nach Annahme des Frauenstimmrechts 1971. Sie erzählt.

Zusammen mit ihrem Sohn kommt Hanna Sahlfeld-Singer zum Bundeshaus zurück, 50 Jahre nach Annahme des Frauenstimmrechts. Die 77-Jährige geht am Stock.

Legende: Hanna Sahlfeld-Singer kehrt mit ihrem Sohn zurück ins Bundeshaus. Keystone

Damals, an ihrem ersten Tag im Parlament, war die frisch gewählte SP-Nationalrätin erst 28 Jahre jung. «Ich bin ganz naiv mit meinem Mann auf diesen Eingang zugelaufen. Da sagte mir der Pförtner, heute seien keine Führungen, heute könne ich nicht hinein. Ich musste ihm dann sagen, dass ich die Neue sei, die zur Vereidigung kommt.»

Legende: Hanna Sahlfeld-Singer wird am 13. Dezember 1971 als elfte Frau im Nationalrat im Bundeshaus vereidigt. Keystone

Erst ein paar Monate vor Sahlfeld-Singers Amtsantritt erhalten die Schweizerinnen das Wahl- und Stimmrecht auf Bundesebene, nach einem langen Kampf. Noch 1969 marschieren die Frauen auf den Bundesplatz, pfeifen den Bundesrat aus. Schliesslich nehmen die Männer im Februar 1971 das Frauenstimmrecht an.

Legende: Die ersten Nationalrätinnen der Schweiz, aufgenommen im Juli 1972. Hanna Sahlfeld-Singer steht hinten rechts. Keystone

Sahlfeld-Singer war kämpferisch unterwegs. Besonders jene interessierten sie, die keine Stimme in der Politik hatten. «Ich schaute gut hin, wo ich als Theologin einfach nicht schweigen konnte. Mich interessierten die Schwächsten in der Gesellschaft.»

Die einen haben mich geliebt – und dann gabs die andern.
Autor: Hanna Sahlfeld-Singer Alt Nationalrätin

Nicht alle mögen die umtriebige Frau mit den modernen Vorstellungen. «Die einen haben mich geliebt – und dann gabs die andern, die wichtigen Leute, die Herren, die konnten nichts mit mir und meinem Mann anfangen. Vor allem aber mit mir nicht.»

In vielen Themenbereichen ihrer Zeit voraus

Kurz nach den Wahlen schreibt Sahlfeld-Singer mit spitzer Feder für die Zeitung «Die Tat»: «Nun haben wir Frauen also gewählt. Einige ‹verpolitisierte› Frauen sind sogar gewählt worden. Entgegen den Befürchtungen mancher Männer sind sie immer noch – Frauen.»

Legende: Hanna Sahlfeld-Singer an ihrem Platz am ersten Tag im Rat. Sie rückt für den in den Ständerat gewählten Mathias Eggenberger (stehend) nach, links SP-Nationalrat Rolf Weber. Keystone

Mit Sahlfeld-Singer sind elf Frauen in den Nationalrat gewählt worden. Und sie gibt Gas, ist in vielen Themenbereichen ihrer Zeit voraus. Etwa bei der Revision des Eherechts. Die Themen fliegen ihr zu – auch aus eigener Betroffenheit. Etwa als Schweizer Mutter mit einem deutschen Mann. Ihre Kinder können keinen Schweizer Pass erhalten. 1973 sagte sie dazu in der Wochenschau: «Die jetzige Situation erscheint mir auf jeden Fall problematisch. Hinter der jetzigen Regelung steckt noch die mittelalterliche Vorstellung, das Kind stamme alleine nur vom Vater ab.»

Nur nicht auffallen als Mutter

Als erste Frau wird Hanna Sahlfeld-Singer während ihres Mandates im Parlament Mutter, sie bringt ihr zweites Kind zur Welt. Viel Aufhebens will sie damals nicht machen um ihr Muttersein. Ganz besonders wollte sie damals nicht mit Sonderwünschen kommen. Ein Stillzimmer – so eines, wie es heute im Bundeshaus gibt – daran hat sie gar nicht zu denken gewagt. «Dann hätte ich nochmals eine Angriffsfläche geboten», sagt Sahlfeld-Singer. Sie wollte nicht auffallen als Mutter, damals habe man schnell als Rabenmutter gegolten.

Legende: Hanna Sahlfeld-Singer 1972 während einer Session im Nationalrat am Rednerpult. Die SP-Politikerin war ihrer Zeit voraus und eckte bei vielen an. Keystone

Sticheleien gegen das Ehepaar

Fakt ist, Hanna Sahlfeld-Singer ist jung, eine Linke, eine Mutter, und sie hat auch noch einen deutschen Mann, der die Kinderbetreuung übernimmt. In Altstätten, überhaupt beim reformierten Freisinn in ihrem Kanton, ist Sahlfeld-Singer für viele eine Provokation. Sie und ihr Mann sind Sticheleien ausgesetzt. Schliesslich legt er das Amt als Pfarrer nieder. Trotz Pfarrermangel findet er aber keine Stelle mehr im Kanton. Am Ende zieht er nach Deutschland. Dort findet er, was ihm entspricht. Hanna Sahlfeld-Singer blieb vorerst, entschied sich dann aber wenig später, ihrem Mann zu folgen.

Ich kam mir schlecht vor wegen der Frauen.
Autor: Hanna Sahlfeld-Singer

«Ich habe immer mehr an Kraft verloren und bin dann auch gegangen», sagt Sahlfeld-Singer. Das habe weh getan. «Ich kam mir schlecht vor wegen der Frauen.» Sie habe das Gefühl gehabt, sie lasse die Frauen in der Schweiz im Stich.

Legende: Vorreiterin und Vorbild: Alt-Nationalrätin Hanna Sahlfeld-Singer bei einem Podiumsgespräch. Aufgenommen am 7. März 2019. Keystone

Doch die Opfer, die haben sich gelohnt. Die Bundesrätinnen stellen sich beim Fotoshooting gerne neben Hanna Sahlfeld-Singer. Der Dank gehört ihr. Denn heute sind sogar Bundesrätinnen eine Selbstverständlichkeit. Eine Schweiz ohne Frauen an der Spitze in der Politik – das ist Vergangenheit.

10vor10, 02.09.2021, 21: 50 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Übrigens auf dem Bild gibt es noch haufenweise andere Frauen! Auch die haben Namen und Parteizugehörigkeiten. Immerhin handelt es sich dabei um politisch relativ bedeutende Persönlichkeiten, man könnte auch von Schwergewichten sprechen, wie Lilian Uchtenhagen, die erste Bundesratskandidatin, oder die erste Nationalratspräsidentin, Elisabeth Blunschy, sowie Josi Meier, die erste Ständeratspräsidentin!
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Sind die nicht alle schon verstorben?
  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Solche Frauen braucht das Land. Ich bin allen dankbar die nicht aufgegeben haben, egal ob Frau/Mann. Ich kann mir gut vorstellen, Frau Sahlfeld-Singer wäre auch heute der Zeit voraus. Als Frau nach wie vor gegen Vorurteile angehend, als Linke in der Gesellschaft mehr Gerechtigkeit verlangend, als Verheiratete mit einem Ausländer Rassismus bekämpfend, im Asyl- und Flüchtlingsbereich humane Politik betreibend. Wer sich in einer Landessprache verständigen kann, Arbeit/Lehrstelle hat, darf bleiben.
  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Eine mutige Frau in einer Zeit wo Männer das Sagen hatten. Ihr gehört viel Lob für ihre Arbeit. Sie stolperte oft über Gesetze und Verordnungen, die den Frauen vorschreiben, wie sie zu leben haben, und ihnen weniger Rechte zugestehen als dem starken Geschlecht. Sie setzte sich in ihrer politischen Arbeit für die Rechtsgleichheit innerhalb des Rechtsstaates, für die Vertiefung der demokratischen Rechte und die Humanisierung im Sozialbereich ein. Wünsche ihr einen schönen Lebensabend, und Danke!