Bereits nach den ersten Hochrechnungen, die ein Ja für die Individualbesteuerung andeuteten, zeigte sich die FDP-Co-Präsidentin Susanne Vincenz-Stauffacher hoch erfreut: «Heute ist ein wunderbarer Tag, um Geschichte zu schreiben». Dies besonders, weil es der internationale Tag der Frau sei. «Wir waren immer zuversichtlich, das Volk überzeugen zu können.» Gerade in der Schlussphase sei es gelungen, Befürworterinnen zu mobilisieren.
Vincenz-Stauffachers Partei schrieb später in einer Mitteilung: Dank der Individualbesteuerung lohne sich Arbeit endlich für alle. «Die Heiratsstrafe ist Geschichte.»
Für die St. Galler Grünen-Nationalrätin Franziska Ryser ist ein Ja zur Individualbesteuerung ein «Befreiungsschlag für die Gleichstellung». Es bedeute auch eine Investition in den Arbeitsmarkt, denn es würden neue Stellen geschaffen, wie sie gegenüber SRF sagte.
Das Ergebnis ist laut dem Neuenburger SP-Ständerat Baptiste Hurni ein Ergebnis, auf das viele verheiratete Paare lange gewartet hätten, sagte er im Westschweizer Fernsehen RTS. Seine Partei teilte mit, dass sie auf die Umsetzung achten werde: «Der Systemwechsel darf nicht zulasten der Menschen mit tiefen und mittleren Einkommen gehen.»
Die Grünliberalen kommentierten die Annahme der Individualbesteuerung als «wichtigen Meilenstein für Gleichberechtigung und Wohlstand». Das Steuersystem werde «gerechter und zeitgemässer», liess sich Parteipräsident Jürg Grossen in einer Mitteilung zitieren.
«Eine neue Familienstrafe
Unterlegen sind SVP, EVP und EDU, der Bauernverband und die IG Familie 3plus. Sie argumentierten im Vorfeld, dass der Wechsel das System nicht gerechter mache. Familien, Alleinstehende und der Mittelstand würden stärker belastet, während gutverdienende Doppelverdiener profitierten.
Die Obwaldner SVP-Nationalrätin Monika Rüegger sprach denn auch von grossen Verlierern: «Es gibt eine neue Familienstrafe.» Die politische Arbeit sei deshalb nicht zu Ende. Es gelte nun kritisch zu verfolgen, «dass wir diese Familienstrafe nicht umsetzen». Sie kündigte gegenüber SRF Vorstösse ihrer Partei an, damit Familien und Mittelstand nicht bestraft würden.
Die Mitte-Partei will ihre Volksinitiative gegen die Steuer-Heiratsstrafe trotz dem Ja zur Individualbesteuerung stehen lassen. Diese würde weniger Aufwand für die Behörden verursachen, weil sie nur die Bundesebene betreffe und den Kantonen keinen Mehraufwand beschere, argumentierte Mitte-Fraktionschefin Yvonne Bürgin gegenüber SRF.
Man sei sich zwar einig: Die Bevölkerung wolle, dass die sogenannte Heiratsstrafe abgeschafft werde. Aber die Debatte sei noch nicht abgeschlossen, sagte die Zürcher Nationalrätin. In einer Mitteilung kündigte die SVP an, die Initiative der Mitte zu unterstützen.
«Herausforderung für die Kantone»
Auch von zahlreichen Kantonen war im Abstimmungskampf viel Widerstand gekommen. Zehn von ihnen hatten die Vorlage gar mit dem Kantonsreferendum bekämpft. Als «herausfordernd» bezeichnete Markus Dieth, Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen, folglich eine Umsetzung des Bundesgesetzes zur Individualbesteuerung.
In einer ersten Stellungnahme gegenüber SRF sagte der Mitte-Politiker und Aargauer Regierungsrat, dass die Tarife und Abzüge angepasst werden müssten.