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Virologe Christian Drosten bringt Alternative zum «Booster» in Spiel
Aus SRF 4 News aktuell vom 08.09.2021.
abspielen. Laufzeit 03:47 Minuten.
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Ansteckung statt Dritt-Impfung «Drostens Booster-Idee ist plausibel, aber Restrisiko bleibt»

In der EU sind bisher über 260 Millionen Menschen zweifach gegen Corona geimpft. Und doch wird mit Blick auf mögliche Impfdurchbrüche seit kurzem über eine dritte Impfung debattiert – die sogenannte «Booster-Impfung» zur Auffrischung. Der bekannte deutsche Virologe Christian Drosten würde sich jetzt - aus unterschiedlichen Gründen - allerdings eher infizieren als ein drittes Mal piksen lassen, wie er im Corona-Podcast des NDR sagt. Das töne durchaus plausibel und sei allenfalls etwas für junge, gesunde Menschen, doch noch fehlten die Daten, sagt SRF-Wissenschaftsredaktor Thomas Häusler.

Thomas Häusler

Thomas Häusler

Wissenschaftsredaktor

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Thomas Häusler ist Wissenschaftsredaktor bei SRF. Er hat in Biochemie doktoriert und eine Weiterbildung in Wassermanagement an der Uni Genf absolviert. Seit 2013 ist er Leiter der Wissenschaftsredaktion.

SRF News: Bietet eine natürliche Corona-Infektion jetzt tatsächlich den besseren Schutz als eine dritte Impfung?

Thomas Häusler: Es gibt dafür noch keine eindeutigen Daten, da man das direkt noch nicht untersucht hat. Christian Drosten extrapoliert hier basierend auf seinem fundierten Wissen und immunologischen Studien. Und diese haben gezeigt, dass jemand, der mit dem Sars-CoV-2-Virus angesteckt worden ist, in der Regel eine sehr gute Immunantwort produziert. Dazu kommt: Man weiss auch, dass jemand, der nach einer Corona-Infektion noch geimpft wurde – also quasi umgekehrt von Drostens Idee – eine sehr gute Immunität aufbaut. Drostens Idee, sich einen natürlichen Booster zu holen, ist wissenschaftlich gesehen also plausibel. Aber noch besser wäre es, man hätte die Studien dazu.

Drostens Idee, sich einen natürlichen Booster zu holen, ist wissenschaftlich gesehen plausibel.

Was ist der Unterschied zwischen der dritten Impfung und einer Ansteckung?

Einige Studien haben gezeigt, dass das Immunsystem nach einer Ansteckung mit dem Sars-CoV-2-Virus noch monatelang seine Antikörper verbessert. Sie reifen wie guter Wein. Sie reifen sogar so gut, dass sie auch gegen Varianten des Corona-Virus schützen können, mit denen das Immunsystem noch gar nicht konfrontiert war.

In diesem Ausmass hat man das bei der Impfung nicht beobachtet. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass die bei uns benutzten Impfungen nur Teile des Virus enthalten, aber nicht das ganze. Ein natürlicher Booster, also eine Ansteckung nach einer Impfung, kann vermutlich eine solche breite und weitere reifende Immunantwort erzeugen. Das wäre wohl der Unterschied zu einer dritten Impfung.

Ein natürlicher Booster, also eine Ansteckung nach einer Impfung, könnte vermutlich eine solche breite und weitere reifende Immunantwort erzeugen.

Drosten sagt, er selbst könne das Risiko abschätzen. Wie weiss man, dass man sich nicht trotzdem einem Risiko aussetzt?

Man muss ganz klar sagen: Ein solcher natürlicher Booster ist allenfalls etwas für junge, gesunde Menschen. Für Ältere und Risikopatienten gibt es ganz klar Risiken, weil der Impfschutz von Anfang an nicht hundertprozentig ist und mit der Zeit abnehmen kann. Zudem weiss auch niemand, wo die sichere Altersgrenze liegt. Darum rät Drosten älteren Menschen auch ganz klar ab. Aber eben: Wo liegt die Altersgrenze? Zudem bleibt ein kleines Restrisiko wohl auch für Jüngere.

Ein solcher natürlicher Booster ist allenfalls etwas für junge, gesunde Menschen.

Es gibt aber auch noch eine gesellschaftliche Sicht: Wir wissen jetzt, dass Geimpfte, die sich mit der Delta-Variante anstecken, das Virus auch weitergeben können. Wenn nun die Fallzahlen hoch sind und sich gleichzeitig viele Menschen einen natürlichen Booster verpassen wollen, dann könnte das die Viruszirkulation anheizen und die Fallzahlen in die Höhe treiben. Das wiederum kann die Belastung für die Spitäler erhöhen. Da sich dies kaum steuern lässt, würde ich doch zur Vorsicht raten mit diesen natürlichen Boostern.

Das Gespräch führte Rino Curti.

Update

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In den User-Kommentaren erreichen uns verschiedene Fragen und Anmerkungen zum Thema. Gerne klären und ergänzen wir deshalb den im Interview geschilderten Sachverhalt:

Die von Professor Drosten erklärte stärkere Immunantwort im Nasen-Rachenraum bei einer natürlichen Infektion - gegenüber der schwächeren Antwort bei einer Impfung im linken Arm - blieb im Interview unerwähnt. Das hätte aber tatsächlich zur besseren Verständlichkeit beigetragen. Drosten erklärt unserer Ansicht nach damit aber eher, warum dies eine Ansteckung sehr schnell stoppt – und nicht, dass man damit eine breitere Abwehr gegen verschiedene Varianten bekommt. Dies kommt durch die von uns beschriebene Reifung der Antikörper zustande. Diese passiert schon nach einer einzigen Ansteckung – an verschiedenen Stellen des Körpers; weitere Infektionen könnten diese Reifung noch verstärken.
Drosten erwähnt weiter, dass er eine 3. Dosis vorziehen würde, dies aber aus ethischen Gründen wegen der schlechten Impfstoff-Verteilung nicht machen würde. Wir haben diesen Aspekt weggelassen, raten aber aus Gründen des doch unsicheren Restrisikos und der gegenwärtigen hohen Fallzahlen sowieso vom «natürlichen Booster» ab.

SRF News

SRF 4 News aktuell, 08.09.2021, 09:35 Uhr ;

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Manu Meier  (Manuel Meier)
    Darf man auch eine Risikoabwägung machen, ob man den besten Schutz für die Zukunft und zwar erst die Infektion und dann die booster Impfung (oder 2t Infektion) haben will? Für Ältere und Vorerkrankte ist diese Reihenfolge nicht zu empfehlen.
  • Kommentar von Bernhard Rindlisbacher  (B.Rindlisbacher)
    Nochmals an die Redaktion
    Weiter im Podcast ab 1h 16min.
    Da sagt Prof.Drosten, dass er in der Zukunft, in der Endemiesituation irgendwann eine Infektion haben will.
    Ist, wie erwähnt von Ihnen völlig falsch dargestellt.
    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Bernhard Rindlisbacher Vielen Dank für Ihr Feedback. Drosten erwähnt, wie von Ihnen erwähnt, dass er eine 3. Dosis vorziehen würde, dies aber aus ethischen Gründen wegen der schlechten Impfstoff-Verteilung nicht machen würde. Wir haben diesen Aspekt weggelassen, raten aber aus Gründen des doch unsicheren Restrisikos und der gegenwärtigen hohen Fallzahlen sowieso vom «natürlichen Booster» ab – und liefern damit die nötige Einordnung. TH
  • Kommentar von Johann Wieser  (Klausi)
    Ob wir ein „G“ durch Impfung oder Genesung erzielen ist letztlich nicht entscheidend. Vor allem für Personen < 16 Jahren eine sehr gute Variante da schwere Krankheitsverläufe extrem unwahrscheinlich. Als Folge alle Massnahmen in den Schulen beenden … hilft sicher die Durchseuchung schneller zu erreichen.