Letzte Woche wurden im Kanton Neuenburg eine Frau und ihre Töchter getötet. Der Hauptverdächtige, Ex-Partner der Frau und Vater der Mädchen, hat seine Tat gestanden. Der Fall reiht sich ein in eine Serie von Tötungsdelikten an Frauen in der Schweiz.
Die politische Auseinandersetzung beginnt bereits bei der Sprache. SP-Nationalrätin Tamara Funiciello spricht bewusst von Femiziden, etwa um die Sichtbarkeit der Fälle zu erhöhen. Femizid wird definiert als eine «von Männern begangene Tötung von Frauen, weil sie weiblich sind». SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann kritisiert, es handle sich um einen Kampfbegriff, der suggeriere, dass die Tötung einer Frau schlimmer sei als jene eines Mannes oder Kindes.
Bekommen Betroffene genügend Schutz?
Gewaltbetroffene Frauen finden unter anderem in Frauenhäusern Schutz. Silvia Vetsch ist Leiterin des Frauenhauses St. Gallen und Vorstandsmitglied der Dachorganisation Schweizer Frauenhäuser und kritisiert den Mangel an Schutzplätzen: «Da sind die Kantone in der Verantwortung, die Plätze auszubauen». Steinemann sieht einen Ausbau der Schutzplätze eher kritisch. Zentral seien nicht nur Massnahmen, sondern auch Ursachen, nur so könne man verhindern, dass Frauen über längere Zeit Schutz suchen müssten, so Steinemann. Sie fügt hinzu: «Die Frauenhäuser sind extrem teuer. Ein Tag pro Frau im Frauenhaus kostet 330 Franken.»
«Ich kann Ihnen sagen, wenn eine Frau kommt, die einen versuchten Femizid überlebt hat, sind 35 Tage Aufenthalt nicht viel», kontert Vetsch. Zudem seien die Kosten für die Sicherheit der Frauen deutlich höher als die Kosten des Aufenthalts. Neben mehr Schutzplätzen fordern Funiciello und Vetsch auch, dass in allen Kantonen dieselben Standards gelten. In diesem Zusammenhang erwähnen sie ein in Spanien eingeführtes Modell, das unter anderem ein elektronisches Monitoring von Tätern ermöglicht.
Frank Urbaniok ist Professor für forensische Psychiatrie und kennt sich aus mit geschlechtsspezifischen Tötungsdelikten. Für ihn ist klar, dass die Schweiz bestehende Strukturen verbessern müsse, statt neue Modelle einzuführen. Es handle sich bei den Delikten um schwere Gewalttäter, Prävention sei daher zentral: «Femizide sind keine Taten aus heiterem Himmel.» Wie Prävention aussehen kann, erzählt der Leiter des Bedrohungs- und Risikomanagements bei der Kantonspolizei St. Gallen, Manuel Niederhäuser. Bei Fällen häuslicher Gewalt setze sich die Polizei bewusst in Verbindung mit potenziellen Tätern, um das Gespräch zu suchen und das Risiko zu analysieren.
Ist die Gewalt an Frauen ein Männer- oder Ausländerproblem?
Weshalb kommt es immer wieder zu Gewalt an Frauen? Für Steinemann gibt es einen zentralen Faktor: «Migrationshintergrund ist ein überwiegendes Merkmal.» Auch Urbaniok betont, dass Täter mit bestimmtem Migrationshintergrund gemäss Zahlen teils massiv überrepräsentiert seien. Gründe hierfür sieht er etwa in der unterdrückenden Einstellung gegenüber Frauen: «Das ist ein Teil des Problems.»
Für Vetsch ist diese Erklärung zu einfach. Gewalt an Frauen sei nicht primär ein Ausländerproblem, stimmt auch Funiciello zu, vielmehr gehe es um Macht und patriarchale Strukturen. Das betreffe sowohl die schweizerische als auch die ausländische Wohnbevölkerung, betont Vetsch.