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Contact Tracing: Sind Kantone am Anschlag?
Aus Echo der Zeit vom 02.07.2020.
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Contact-Tracer am Limit «Man kann nicht unendlich Personen aufbieten»

Einige Kantone bekunden bereits Mühe bei der Nachverfolgung des Virus. Müssen sie wieder aufgeben wie vor dem Lockdown?

Die steigenden Fallzahlen fordern die Contact-Tracing-Teams in den Kantonen. Jene Personen also, die alle Kontakte von Infizierten aufspüren und informieren müssen. Bereits warnen erste Kantone, sie kämen an ihre Grenzen.

Zum Beispiel der Kanton Aargau: 13 neue Fälle meldet der Kanton heute, 21 waren es am Mittwoch. Viel Arbeit für die 14 Contact-Tracer. Die Aargauer Kantonsärztin Yvonne Hummel sagt, dass die Aufgaben derzeit bewältigt werden können. «Mit einem schnellen Anstieg der Fallzahlen könnten wir aber an die Grenzen kommen. Das Team ist voll ausgelastet.»

Wenn die Fallzahlen weiter zunehmen, werden vor allem grössere Kantone mit vielen Fällen an die Grenzen kommen.
Autor: Rudolf HauriPräsident der Vereinigung der Kantonsärzte und Kantonsärztinnen

Ähnlich tönt es in Zürich. Und der St. Galler Gesundheitsdirektor Bruno Damann sagt gar im St. Galler Tagblatt, man stehe an einem kritischen Punkt. Das Alter der Neuinfizierten erschwere die Sache zusätzlich. «Junge Leute haben tendenziell mehr Kontakt.» Wenn ein Jugendlicher im Dorf unterwegs sei und ständig Leute treffe, sei es schwierig, sämtliche Kontakte zu eruieren.

Taskforce-Leiter kritisiert Kantone

An verschiedenen Orten sind die Contact-Tracer am Limit. Müssen sie also schon wieder aufgeben – so wie Anfang März, zehn Tage vor dem «Lockdown», als viele Kantone die Fälle schon nicht mehr nachverfolgten? Nein, oder noch nicht, sagt der oberste Kantonsarzt der Schweiz, der Zuger Rudolf Hauri. Die Kantone seien vorbereitet und würden die Lage noch stemmen. «Aber wenn die Fallzahlen weiter zunehmen, werden vor allem grössere Kantone mit vielen Fällen an Grenzen kommen.»

So funktioniert Contact Tracing

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  • Wenn das Labor bestätigt, dass eine Infektion vorliegt, erhalten die kantonsärztlichen Dienste vom Labor eine Meldung innerhalb kurzer Zeit, dass es einen positiven Fall gibt.
  • Die Dienste erhalten konkret die Personalien und die Telefonnummer der betreffenden sogenannten Indexperson, also der positiv getesteten Person.
  • Die Person wird kontaktiert und systematisch befragt.
  • Die Struktur der Fragen: Kontakte in den letzten 48 Stunden vor der Diagnose, unter zwei Metern (oder neu unter 1.5 Metern) und mindestens über 15 Minuten.
  • Danach wird wiederum eine Liste erstellt mit den neuen zu kontaktierenden Personen. Es wird eine Liste erstellt mit der Erreichbarkeit der betreffenden Personen.
  • Diese Kontakte werden dann wieder nach einem bestimmten Schema abgefragt und je nach dem über das weitere Vorgehen instruiert.

Dass diese Grenzen in einzelnen Kantonen bereits sichtbar werden, hört der Leiter der wissenschaftlichen Corona-Taskforce des Bundes, Matthias Egger, nicht gerne. «Das macht mir Sorgen. Gelockert wurde bekanntlich aufgrund der Einschätzung, dass die Kantone bereit seien, einen Anstieg der Fälle zu bewältigen und mit vermehrtem Testen, Tracen, Isolieren und Quarantäne eine zweite Welle zu verhindern.»

Seit Anfang März hätten die Kantone nun Zeit gehabt, um das Contact Tracing auszubauen. Noch immer aber fehle eine einheitliche Datenbank, mit der sich quasi in Echtzeit verfolgen lasse, was eigentlich abgehe, so Egger. «Das ist offenbar nicht gelungen. Es wäre auch gut gewesen, einen Ausbruch zu simulieren, damit man wirklich bereit ist.»

Haben die Kantone die vier Monate ungenutzt verstreichen lassen? Nein, erwidert Kantonsarzt Hauri. Die Kantone hätten die Zeit durchaus genutzt, um Teams auszubilden und zu erweitern. Aber: «Man kann nicht unendlich Personen aufbieten und ausbilden. Und man kann auch nicht unendlich Gespräche führen und Kontakte eruieren.»

Deutlich weniger als 200 Contact-Tracer dürften derzeit schweizweit am Werk sein, wie eine Umfrage von SRF mit Antworten von bislang 16 Kantonen zeigt. Die wissenschaftliche Taskforce des Bundes hingegen rechnete – mit Verweis auf andere Länder – einmal mit 2000.

Kantone rüsten auf

Sind in der Schweiz schlicht viel zu wenige Contact-Tracer im Einsatz? «Die absolute Anzahl ist weniger wichtig als die Möglichkeit, diese Kapazität sehr rasch – auch in einem Tag – deutlich zu steigern», sagt Taskforce-Leiter Egger. Viele Kantone stocken ihre Contact-Tracing-Teams derzeit tatsächlich auf – wobei das wohl deutlich länger als einen einzigen Tag dauert.

Noch hoffen die Kantone, dem Virus möglichst lange auf der Spur bleiben zu können. Die Nachverfolgung der Fälle bleibt nicht das einzige, aber ein wichtiges Mittel im Kampf gegen eine erneute Ausbreitung.

Video
Kontakte in Ansteckungsketten bleiben oft unbekannt
Aus 10vor10 vom 25.06.2020.
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Echo der Zeit vom 02.07.2020, 18 Uhr

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Daniela Langenauer  (Daniela L.)
    Unterschied zum März ist momentan ja nur das Kontact Tracing. Wenn dies nicht funktioniert haben wir in wenigen Tagen die zweite Welle und den zweiten Lock Down oder Schwedische Zustände. Wie kann man dieses Risiko offenen Auges eingehen ? Was gibt es momentan wichtigeres als genügend Leute für's Tracing und eine funktionierende Datenbank zu haben ? Sind Kantone auf sich gestellt zu gar nichts fähig ?
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  • Kommentar von Michael Kaufmann  (Michael Kaufmann 6048)
    Warum macht nicht der Bund das Contact Tracing? Für solche Krisen haben wir doch Armee und Zivilschutz? Wenn jeder Kanton das ein bisschen anders macht, gibt es grosse Unterschiede in der Qualität und Kapazität. Das sollte der Bund machen, und zwar flächendeckend und konsequent
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  • Kommentar von Christian Weber  (CWeb)
    Armee und/oder Zivilschutz aufbieten für's Tracing ist bestimmt günstiger als ein 2. Lockdown, nicht?
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